Ein freier Geist

Ein freier Geist

Michal Žantovskýs Havel-Biografie ermöglicht einen kritischen Zugang zum Leben des ersten tschechischen Präsidenten

28. 1. 2015 - Text: Volker StrebelText: Volker Strebel; Foto

 

Als im November 2014 im Gebäude des amerikanischen Kongresses eine Büste von Václav Havel feierlich enthüllt wurde, richtete sich der internationale Blick wieder auf das Lebenswerk des tschechischen Schriftstellers und Präsidenten. Sein ganzes Leben hatte Václav Havel (1936–2011) dafür eingestanden, dass die Freiheit im persönlichen Leben wie auch für eine Nation nicht nur einen angenehmen Nebeneffekt bedeutete. In seinen Aufrufen, Essays und Theaterstücken bleibt daher immer auch der Gedanke präsent, dass Freiheit eine unablässige Aufgabe darstellt. Havels Einsatz als Menschenrechtler leitete sich unmittelbar von dieser Einstellung ab.

Obwohl Michael Žantovský mit Václav Havel befreundet war und zu Beginn der neunziger Jahre auch als sein Pressesprecher arbeitete, ist ihm in seiner vorliegenden Biographie bei aller befangenen Nähe ein durchaus kritischer Zugang zu der vielschichtigen Persönlichkeit Havels gelungen. Eindrucksvoll beleuchtet Žantovský familiäre Hintergründe und Umstände von Havels persönlicher Entwicklung in Prag. Bereits in frühen Jahren traf Havel sich gerne mit jungen unangepassten Künstlern und Dichtern. Im Windschatten einer sich vorsichtig öffnenden sozialistischen Kulturpolitik der frühen sechziger Jahre gelangen erste Veröffentlichungen und Havel feierte in Prag als hoffnungsvolles Theatertalent große Erfolge. Die jungen Leute stellten kritische Fragen und wollten den Panzer des Schweigens über den Verbrechen des Stalinismus aufbrechen.

Bleierne Zeit
Nach der gewaltsamen Niederwerfung des „Prager Frühlings“ wurde Zug um Zug das Rad der Geschichte wieder zurückgedreht. Unter der Führung von Gustáv Husák waren die Siebziger und Achtziger in der Tschechoslowakei von der sogenannten Normalisierung geprägt. Diese bleierne Zeit findet sich auch in Havels Theaterstücken wieder, die ganz in der Tradition tschechischer Literatur, die Nähe zum Leben mit einem Hang zur absurden Komik verknüpfen. Merkwürdige Figuren wie „Direktoren“, „Sekretäre“, „Vorsitzende“ und „Richter“ haben darin das Wort, ohne eigentlich etwas zu sagen zu haben. Als im Januar 1977 die Bürgerrechtsbewegung Charta 77 ihren Appell an die Regierung in Prag veröffentlichte, der auf die Einhaltung jener Menschenrechte hinwies, die von ihr in der Schlussakte von Helsinki am 1. August 1975 mitunterzeichnet worden war, begann eine Hexenjagd im Lande. Václav Havel, einer der Mitbegründer der Charta 77, wurde in einem „lupenreinen“ Gerichtsverfahren mit anderen Mitstreitern zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt.

Doch Havel hatte sich nicht unterkriegen lassen. Seine Stimme fand zusehends Verbreitung in den Untergrundveröffentlichungen und wurde auch im westlichen Ausland mehr und mehr beachtet. Unter den Argusaugen des Polizeiregimes begann sich in der Tschechoslowakei eine Art Parallelkultur zu entwickeln.
Nach der Samtenen Revolution vom Herbst 1989 wurde Václav Havel Präsident der Tschechoslowakei und später Tschechiens. Er blieb Mahner im eigenen Land und suchte zugleich unermüdlich den Kontakt zur Welt aufrechtzuerhalten. Viele Persönlichkeiten, darunter der Dalai Lama, Madeleine Albright oder der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker zählten zu seinen Freunden.

Geschichtliche Klugheit
Aufschlussreich in Žantovskýs Biographie sind auch die Einblicke in das Zustandekommen der Nato-Mitgliedschaft für Tschechien, die Václav Havel mit unermüdlicher Energie betrieben hat. Havels Furcht, dass viele „alte“ europäische Länder diesem Ansinnen negativ gegenüberstanden, war nicht unbegründet. Bis heute finden sich Stimmen, welche Mitteleuropa als eine Art natürlichen Vorhof russischer Sicherheitsinteressen ansehen. Havel kannte und fürchtete die unheilvolle Mischung westeuropäischer Ahnungslosigkeit und Arroganz gegenüber den Ländern in Ostmitteleuopa. Zugleich beharrte Havel allerdings, und das spricht für seine geschichtliche Klugheit, auf einer engagierten Politik friedlicher Nachbarschaft zu Russland. Mit Gorbatschow und Jelzin schien das auch möglich. Deutlich skeptischer stand Havel Putins politischer Prägung als Offizier des KGB gegenüber. Der Kommentar des russischen Staatsfernsehens anlässlich Havels Beerdigung bestätigte unfreiwillig Havels Einschätzung: „Václav Havel war die treibende Kraft hinter den Demonstrationen in der Tschechoslowakei und der Totengräber der hochentwickelten tschechischen Rüstungsindustrie, deren Niedergang einer der Gründe für den Zerfall der Tschechoslowakei war“. Tschekisten vergessen nicht!

Wie in einem Drama lesen sich Žantovskýs Beschreibungen des kleinkarierten Alltags in der jungen tschechischen Demokratie. Es waren die Jahre des Umbruchs von der Plan- zur Marktwirtschaft. Bitter sind die zum Teil hasserfüllten Schmähungen gegen Havel in der tschechischen Presse. Während Havels Ansehen im Ausland stieg, verringerte sich sein Einfluss im eigenen Land. Zudem verursachte sein sich zunehmend verschlechternder Gesundheitszustand Anlass zur Sorge.

Ohne die großtuerischen Gesten jener „wahren Patrioten“, die sich allerdings immer erst dann zu Wort melden, wenn es nichts mehr kostet, erwies sich Havel in seinem literarischen wie staatsbürgerlichen Engagement als ein böhmischer Patriot. Václav Havel war ein überzeugter Europäer und ein freier Geist!

Michael Žantovský: Václav Havel. In der Wahrheit leben. Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Hans Freundl. Propyläen Verlag, Berlin 2014, 680 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-549-07437-4



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