Echte Freunde
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Echte Freunde

Seit 20 Jahren trifft sich der „Freundeskreis Nürnberg-Prag“. Er wirbt für mehr Verständnis – auf beiden Seiten

26. 9. 2019 - Text: Klaus Hanisch, Titelbild: Kevin Curtis (Symbolfoto)

Zum großen Jubiläum ließ sich der Freundeskreis was Besonderes einfallen: 100 Jahre nach Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik (im Oktober 1918) organisierte er eine Begegnung mit Alexandra Myšková. Die tschechische Regisseurin und Schauspielerin traf Tomáš Garrigue Masaryk persönlich, den ersten Präsidenten der Republik, und bewahrt auch eine Widmung von ihm in ihrem Tagebuch auf.

Doch Alexandra Myšková lebt seit Jahrzehnten in Norwegen. Vor allem war sie zu jenem Zeitpunkt schon 96 Jahre alt. Deshalb konnte die Zeitzeugin nicht mehr nach Franken reisen. Zum Treff des Kreises im Nürnberger Bildungszentrum wurde sie per Skype aus Oslo zugeschaltet. Man könne sich „gar nicht vorstellen, wie die Besucher – und es waren gut 150 – begeistert waren von dieser Frau und diesem Abend“, schwärmt Ivana Thiel noch heute. Sie ist Vorsitzende des Freundeskreises Nürnberg-Prag e.V. und eine Freundin von Myšková.

„Ihre Erinnerungen an Masaryk, ihre persönliche Geschichte mit ihm – es war für uns ein großes Glück, jemanden zu treffen, der beinahe so alt ist wie die Republik selbst“. Durch Alexandra Myšková sei diese Veranstaltung, bei der zudem noch historische Bilder auf eine Leinwand im Hintergrund projiziert wurden, sehr würdevoll verlaufen und wurde dem historischen Ereignis gerecht.

Ivana Thiel ist an der deutsch-tschechischen Grenze aufgewachsen. | © privat

Seit dem Sommer 1999 setzt sich der Freundeskreis zum Ziel, die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Nürnberg und Prag zu fördern. Ist dies in den vergangenen 20 Jahren auch abseits von Höhepunkten wie mit Alexandra Myšková gelungen? „Ja“, sagt Thiel wie aus der Pistole geschossen, „das ist gelungen“. Über dieses Fazit muss sie nicht lange nachdenken. „Wir machen das, worüber Politiker gerne reden – ohne jedoch große Worte darüber zu verlieren“, erklärt die Tschechin mit Nachdruck. Nämlich: „Die tägliche Arbeit, die notwendig ist, um gegenseitige Verständigung zu verbessern.“ Konkret bedeutet das: Der Freundeskreis bringt Menschen aus beiden Ländern zusammen. Regelmäßig, an verschiedenen Orten, zu festen Zeiten.

Solch eine Basisarbeit verschafft deutlich mehr Erkenntnisse als Schaufensterreden an Festtagen, die sich gerade jetzt wieder häufen, zum 30-jährigen Jubiläum von Revolutionen und Grenzöffnungen. Man sieht (und erwähnt) dabei nicht nur, wo es Annäherungen gegeben hat. Sondern auch, „wo noch Grenzen, wo weiterhin Unterschiede bestehen und welche Dinge die Menschen aus beiden Ländern anders sehen“, wie die Vorsitzende erläutert. Dadurch können Differenzen oder Missverständnisse erörtert und ausgeräumt werden. Zumindest kann man es unverzüglich versuchen.

Zwei Beispiele: „Es gibt immer noch Leute in Tschechien, die glauben, man müsse nur nach Deutschland gehen und nichts anderes machen als dort auf der Straße zu stehen, um dann quasi alles geschenkt zu bekommen“, kritisiert sie manchen Landsmann, „deshalb muss man kommunizieren, dass es nicht so ist“. Umgekehrt wird meist erwartet, dass Tschechen Deutsch können, wenn sie nach Deutschland kommen, nicht aber, dass Deutsche auch Tschechisch sprechen, wenn sie ins Nachbarland gehen. „Dabei würden sie viele Pluspunkte ernten, wenn sie zumindest ein wenig die Sprache beherrschen.“

Das weiß Ivana Thiel genau. Nicht zuletzt deshalb, weil sie schon seit fast drei Jahrzehnten Tschechisch an fränkischen Volkshochschulen unterrichtet und auch leitende Mitarbeiter von großen Firmen schulte, bevor sie nach Tschechien geschickt wurden. „Ich wollte immer, dass die Leute Lust auf Land, Sprache und Kultur bekommen“, erklärt sie eine Leitlinie ihrer Tätigkeit.

Veranstaltung zu „100 Jahre Selbstständigkeit der Tschechoslowakei“ | © FNP

Zweimal im Jahr – jeweils im Mai und Oktober – nutzt der Freundeskreis das Bildungszentrum in der Frankenmetropole für große Veranstaltungen. Wie eben zum Thema „100 Jahre Erste Republik“. Eineinhalb Stunden lang dauern in der Regel die Treffen oder Einladungen, bei denen Gäste aus Tschechien oder Deutschland Vorträge halten und für Gespräche bereitstehen. Etwa zur Staatsoper in Prag. Oder für Veranstaltungen zusammen mit der Karls-Universität. Nächster Termin ist der 2. Oktober mit einem Referat über „Deutsche und Tschechen in der Habsburger Armee – ein schwieriges Verhältnis?“

Daneben sei es jedoch notwendig, dass sich der Kreis regelmäßig treffe, befand die Vorsitzende. So wurde ein Stammtisch ins Leben gerufen, einmal im Monat, jeweils am ersten Mittwoch um 18 Uhr. Diskutiert wird dann über Aktuelles, Anderes, Neues. Als Vorlage dienten unter anderem Berichte aus der „Prager Zeitung“. Um Politik geht es selten. Wichtiger ist, Freude an der Begegnung zu haben. Auch Lesungen werden durchgeführt, neue Bücher vorgestellt. Vor allem ist der Freundeskreis bestrebt, Kontakte aufrechtzuerhalten – und möglichst neue Leute dafür zu gewinnen, denen er am Stammtisch seine Arbeit vorstellt.

Zu Besuch im Würzburger Ursulinenkloster | © FNP

Etwa 30 Mitglieder gehören dem Verein an. „Das klingt wenig, aber vom ersten Tag an war mein Ziel, dass sich jeder unseren Aktivitäten anschließen kann“, führt Ivana Thiel aus, die einen technischen Verlag mit Daten und Bewertungen für Bau- und Landmaschinen leitet. Durch seine zahlreichen Angebote gelingt es dem Kreis immer wieder, Menschen für seine Anliegen zu begeistern. So auch mit seinen regelmäßigen Weihnachtskonzerten, immer am ersten Mittwoch im Dezember in der Kirche St. Klara in Nürnberg. „Viele Nichtmitglieder sind bei unseren Veranstaltungen quasi immer dabei, wollen aber nicht auch noch bei uns Mitglied werden, weil sie schon in anderen Vereinen sind.“

Besonders beliebt sind die Reisen des Vereins nach Tschechien. Jedes Jahr, fünf Tage lang, stets mit mehreren Dutzend Teilnehmern. „Keine Reisen für Touristen“, stellt Dr. Thiel klar, „wir wollen das Land anders zeigen, statt Prager Burg lieber private Museen, zum Beispiel für Butter, Trachten oder historische Straßenbahnen – und mit Leuten, die dafür gesammelt haben und viel Freizeit opfern.“ Das ist ein Grundsatz von ihr: etwas besichtigen, besuchen, machen, was mit Menschen verbunden ist.“

Schon im Bus gibt sie Arbeitsblätter aus, damit sich „Mitreisende auf die Ziele vorbereiten anstatt Kreuzworträtsel zu lösen“. Zum Lohn gewannen sie in den letzten Jahren einen intensiven Eindruck von Regionen der Tschechischen Republik. Ivana Thiel muss keine Werbung mehr für diese Reisen machen. „Wer einmal dabei war und anderes sehen konnte, bleibt und kommt immer wieder.“ Auch für sie selbst sei jede Fahrt ein Genuss gewesen. Wobei sie besonders gerne an Olmütz denkt und an die Begegnung mit Professor Antonín Schindler (1925–2010), den früheren Chef der Mährischen Philharmonie: „ein toller Mensch“.

Antonín Schindler in Olmütz (Olomouc, 2006) | © Michal Maňas, CC BY 3.0

Daneben veranstaltet der Kreis regelmäßig Stadtführungen durch Nürnberg, kleinere Wanderungen in die Umgebung. Und Ausflüge in Städte, zuletzt nach Amberg. Erstaunt registrierten Teilnehmer bei einem Besuch im Würzburger Ursulinenkloster, wie viele Schwestern aus Tschechien nach Franken gekommen sind. Eine Bekannte des Freundeskreises arbeitet dort als Krankenschwester und bereitete den Besuch vor. Gemeinsam erlebte man ein tschechisches Osterfest. „Wir wollen uns nicht nur einmal treffen, vielmehr sollen sich daraus möglichst Freundschaften entwickeln“, hat sich Ivana Thiel zum Ziel gesetzt. Und sie freue sich immer, wenn „Teilnehmer nach Hause kommen, mir sofort Fotos vom Ausflug schicken und sich gleich für den nächsten Termin anmelden“, erklärt die Organisatorin, „ein Beweis dafür, dass sie sich gerne mit uns treffen, durch Mundpropaganda bleiben wir im Gespräch.“

Dafür sorgt auch ein Jahresprogramm, das neben Reisen und Tagesfahrten – so auch alle zwei Jahre zum „Chodenfest“ nach Domažlice – lange einen Austausch mit Gruppen in Prag vorsah. Zug um Zug wurde dies erweitert, erst in die Umgebung von Prag, dann bis Mähren. Mittlerweile wurde so viel gemacht und erlebt, dass der Verein eine Chronik über die letzten 20 Jahre angelegt hat, um Erlebnisse und Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Das Chodenfest findet seit 1955 statt. | © Donald Judge, CC BY 2.0

Dabei sind viele Beziehungen entstanden und dauerhaft ausgebaut worden. Etwa mit Schülern aus Písek. „Wen wir bei unseren Aktivitäten in Tschechien kennenlernen, den laden wir zu uns nach Nürnberg ein. Und viele kamen schon mehrmals.“ Musikgruppen etwa. Wie ReBelcanto aus Pardubice. Mit ihnen begründete der Kreis eine Tradition. „Wir haben versucht, immer genügend Besucher zum Weihnachtskonzert zu locken, damit die Gruppe auch im nächsten Jahr wieder bei uns spielen konnte.“ Das klappte, schon 18 Jahre lang.

Zu jungen Tschechen, damals Studenten, hielt der Kontakt auch nach dem Studium an, mittlerweile besuchen sie Nürnberg als ausgebildete Ärzte. „Mein Ziel war stets, Kontinuität herzustellen“, unterstreicht Dr. Thiel. Sie will nicht nur Leute, die der Kreis kennt, immer wieder treffen, sondern auch über diese Menschen möglichst neue Leute kennenlernen.

Opernsänger Martin Bárta und Schwester Tarzisia in Würzburg | © FNP

Der Freundeskreis entstand durch eine Initiative des Nürnberger Amtes für Internationale Beziehungen. Anfang September 1990 wurde ein Partnerschaftsvertrag zwischen Nürnberg und Prag mit der Vorgabe unterschrieben, die jahrhundertealte Verbundenheit zwischen beiden Städten – schon im Mittelalter durch Karl IV. und die Goldene Straße geprägt – durch neue und viele Aktivitäten wieder aufleben zu lassen. Eine schwierige Aufgabe, denn Nürnberg hat nicht weniger als 14 Partnerstädte, die allesamt Aufmerksamkeit erfordern. Deshalb erschien es sinnvoll, verschiedene Kreise zu bilden und Leute anzusprechen, die bereits vor Ort waren und sich dafür einsetzen wollten. Menschen wie Ivana Thiel.

Sie wurde in Chomutov geboren, arbeitete dort nach einem Studium der Geschichte, Pädagogik und Psychologie als Gymnasiallehrerin und kam schon Anfang der 1990er Jahre nach Nürnberg. Die entscheidende Rolle spielte dabei ihr (deutscher) Mann, wichtig war für ihren Grenzwechsel aber auch soziale Sicherheit, wie sie nicht verschweigt.

Durch ihre Sprachkurse am Bildungszentrum und den Volkshochschulen im Städtedreieck Fürth, Nürnberg, Erlangen kannte die Pädagogin bereits viele Menschen, die sich für Tschechien und seine Kultur interessierten. Aus dieser Gruppe entwickelte sich ein paar Jahre später der „Freundeskreis Nürnberg-Prag“. Später wurde er ein eingetragener Verein. Auch Christof Neidiger, zweiter Vorsitzender, war ihr Schüler.

Ivana Thiel ist die einzige Tschechin im Kreis. Alle anderen sind Deutsche: Beamte wie Hausfrau, Techniker und Krankenschwester. Die Mitglieder sind meist zwischen 40 und 60 Jahre alt und kennen sich oft seit Jahrzehnten. „Gemeinsam wurden wir älter und blieben zusammen, einige sind auch schon gestorben.“ Es kamen neue Leute hinzu, die anfangs nicht viel mit Tschechien und Tschechisch zu tun hatten. „Sie fanden die Atmosphäre bei unseren Veranstaltungen so gut, dass sie blieben.“ Ein Problem ist für den Kreis, jüngere Interessenten zu finden. „Da geht es uns nicht anders als vielen anderen Vereinen“, bedauert die Tschechin.

Zu ihren Sprachkursen kamen auch Teilnehmer, deren Eltern einst im Sudetenland wohnten. Thiel empfand als ihre Aufgabe, in Tschechien zu verdeutlichen, dass es „kein Verbrechen ist, wenn sie sehen möchten, ob das Haus ihrer Familie noch steht. Dies bedeutet ja nicht zugleich, dass sie es wieder zurückhaben möchten, nachdem sie ihr ganzes Leben in Deutschland oder anderswo verbracht haben.“

Hochwasser in Dušníky nad Vltavou | © Ludvík Hradilek, CC BY-SA 4.0

Auch dies verdeutlichte sie in Diskussionen, bei denen sich Deutsche und Tschechen austauschten. Etwa bei einer Organisation in Prag, die sich um Rentner kümmert. Dafür sammelte der Freundeskreis Taschen und Kartons voller Kleider und lieferte sie während seiner Reisen dort ab. Hilfsgüter gingen auch beim großen Hochwasser 2002 über die Grenze, damals nach Südböhmen. Gespendet wurde ebenso für einen deutsch-tschechischen Kindergarten an der Grenze, das Geld kam bei der „Blauen Nacht“ der Stadt Nürnberg zusammen, wo der Verein tschechische Bücher anbot und ein Quiz veranstaltete. Zudem vermittelte er in jenen Stunden Informationen über seine Arbeit. Stets im Gespräch zu bleiben ist ihm wichtig – in jeder Hinsicht.

Mit dem Amt für Internationale Beziehungen pflegt der Verein gute Kontakte, dessen Mitarbeiter machen ihn bekannt und sorgten anfangs für weitere Mitglieder. Doch nicht immer wird die Arbeit des Freundeskreises richtig verstanden. So hörte Thiel Bitten von Anrufern „nach Adressen für eine Übernachtung in Nürnberg, genau für den 20. des kommenden Monats“. Auch nach anderen Kontakten und Verbindungen. „Solche touristischen Anfragen habe ich in den letzten 20 Jahren oft erlebt“, wundert sie sich. Und Anrufer erstaunte dann nicht selten, dass sie von ihr keine Hoteladressen und Beschreibungen bekamen …

Ivana Thiel atmet tief durch. Dies sind fraglos Momente, in denen sie Anrufern gerne mal einen Blick in ihre Vereinschronik empfehlen möchte.

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