„Die Vorurteile sind überwunden“

„Die Vorurteile sind überwunden“

Österreichs Botschafter über die neuen Beziehungen zu Tschechien

13. 8. 2015 - Text: Katharina WiegmannInterview: Katharina Wiegmann; Foto: Ferdinand Trauttmansdorff/BMEIA

Botschafter Ferdinand Trauttmansdorff repräsentiert Geschichte und Gegenwart. Er entstammt einem österreichisch-böhmischen Adelsgeschlecht, Spuren seiner Vorfahren finden sich noch heute in hiesigen Schlössern und Herrenhäusern. Zugleich liegt dem 65-jährigen Juristen die Zukunft Europas am Herzen, mit einem Mitteleuropa, das den aktuellen Problemen mit guten nachbarschaftlichen Beziehungen und gemeinsamen Lösungen begegnet. Was das Verhältnis zwischen Österreich und Tschechien angeht, ist Trauttmansdorff optimistisch. Im Gespräch mit Katharina Wiegmann zieht der Diplomat ein persönliches Fazit seiner Amtszeit, die mit diesem Jahr enden wird.

Sie sind seit mehr als fünf Jahren Botschafter in Prag. Wie würden Sie diese Zeit rückblickend beschreiben?

Ferdinand Trauttmansdorff:
Die ersten vier Jahre waren schwierig – aus mehreren Gründen. Einer war, dass wir nicht von den alten Reizthemen weggekommen sind, die man unter den Stichworten Temelín und Beneš-Dekrete zusammenfassen kann, und die politisch früher nie wirklich bearbeitet wurden. Ein anderer waren die raschen Wechsel in der tschechischen Regierung. Ich habe hier fast 80 Minister und vier Regierungen kennengelernt. Da ist es schwierig, nachhaltig zusammenzuarbeiten. Mit der neuen Regierung gibt es seit anderthalb Jahren eine gewisse Stabilität. Ein dritter Grund ist, dass Nachbarschaftspolitik für viele einfach nicht sehr faszinierend ist. Und zum Vierten: Brüssel bindet sehr viel Regierungsenergie, die nicht mehr in die Arbeit zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union investiert wird. Hier gilt es umzudenken. Die Regierung Sobotka hat einen Ansatz gefunden, mit ihren Nachbarländern die Probleme, die einer vertieften Integration noch im Weg stehen, direkt anzupacken.

Welche Themen sind das?

Trauttmansdorff: Verkehr, Energie, Migration, die Aufrechterhaltung des Schengen-Raums sowie Tourismus und die gemeinsame Nutzung der EU-Mittel. Es ist auch wichtig, dass wir in der Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik enger zusammenarbeiten. Neuerdings hat auch der Ausbau der digitalen Infrastruktur, vor allem in den traditionell strukturschwachen Grenzgebieten, für uns Priorität. Ich sehe darin eine Chance, in der Region Unternehmen und Start-ups anzusiedeln.

Was wurde aus den alten Reizthemen, dem Atomkraftwerk Temelín und den Beneš-Dekreten?

Trauttmansdorff: Sie sind inzwischen entschärft. Was die Atomkraft angeht, weiß heute jeder, dass Energieaufgaben nicht mehr durch rein nationale Politik gelöst werden können. Atomkraft ist eine problematische Energiequelle und hat sich zudem als relativ teuer erwiesen, wenn man alle Kosten, insbesondere die der Sicherheit, einrechnet. In Tschechien herrscht zwar noch die Meinung vor, dass Atomenergie die einzige Chance ist, weniger von der Braunkohle abhängig zu werden. Diese Rechnung geht aber nicht mehr ganz auf. Was die sogenannten Beneš-Dekrete angeht: Nach langen Jahren, in denen zwischen Österreich und Tschechien sehr wenig daran gearbeitet wurde, scheint die aggressive und durch Stereotype geprägte Behandlung des Themas überwunden. Das verdanken wir vor allem der Aufarbeitung der Vergangenheit unter den jungen Tschechen. Aber wohl auch Projekten wie dem gemeinsamen Geschichtsbuch, an dem Historiker beider Länder arbeiten.

Wird das Buch wie geplant in diesem Jahr erscheinen?

Trauttmansdorff: Nein. Es ist eine Arbeit über drei Jahre, die schon 2012 hätte beginnen sollen. Es hat lange gedauert, die Finanzierung zu sichern. Politisch gab es nie ein Problem. Das Projekt wird im Rahmen der 2009 gegründeten gemeinsamen Historikerkonferenz umgesetzt. Uns ist wichtig, dass die Öffentlichkeit von diesem Projekt erfährt und es nicht im stillen Kämmerlein ausgearbeitet wird. In dem Buch soll das Gemeinsame herausgearbeitet werden, aber auch die Punkte, in denen sich der Blick auf die Geschichte unterscheidet. Die Grundidee ist, das so zu bearbeiten, dass einerseits Stereotypen kein Platz eingeräumt wird, und es andererseits einer breiten Öffentlichkeit zugänglich ist.

Wie sehen diese Stereotype aus?

Trauttmansdorff: Klischees waren relativ stark, als ich meinen Posten hier antrat, jetzt kann ich sie kaum mehr spüren. Es war damals so, dass die Österreicher den Tschechen, gerade bei den beiden Reizthemen, nicht vertraut haben und das Gefühl hatten, dass die tschechische Seite auf österreichische Sorgen und Wünsche in keiner Weise eingeht und sich nicht einmal damit beschäftigt. Umgekehrt gab es das Vorurteil, dass die Österreicher wie zu Zeiten der Habsburgermonarchie gegenüber Prag mit erhobenem Zeigefinger auftreten – und die Empfindung, dass man sich das nicht mehr bieten lassen möchte.

Es gibt aber nicht nur die negative Sicht. Vor kurzem erschien eine Sonderausgabe der Zeitschrift Reflex unter dem Titel „Die geheime Liebe zwischen Tschechen und Österreichern“. Viele Tschechen sagen, dass ihnen die österreichische Mentalität näherstünde als die der Deutschen – und in Wien heißt es: „Ein richtiger Wiener hat eine Großmutter aus Böhmen und einen Großvater aus Ungarn“.

Trauttmansdorff: Die positiven Bilder gab es vor allem nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, als eine erste große Dynamik entstand. Ab dem Jahr 2000 fing es an zu kriseln, und fortan haben die negativen Klischees die Beziehungen stärker geprägt. Die positiven Bilder bauen sich vor allem durch den Tourismus auf, der in den letzten Jahren glücklicherweise zugenommen hat. Die Begegnung mit dem Nachbarn spielt eine große Rolle, weil man dann erst sieht, was man gemeinsam hat und sich so Vertrauen bildet, das im politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Bereich Folgen zeigen kann. Die Verwandtschaft ist den Menschen auf beiden Seiten schon bewusst. Aber viel Wissen ist durch die lange Trennung verloren gegangen. Ich sehe das auch in meiner eigenen Familie – drei von vier Großeltern stammen aus Böhmen und Mähren. Durch den Eisernen Vorhang ist die gesamte Familiengeschichte verschüttet worden. Erst hier habe ich sie wiederentdeckt.

Sie entstammen einem österreichisch-böhmischen Adelsgeschlecht. Es muss für Sie sehr spannend gewesen sein, den Posten in Prag anzutreten.

Trauttmansdorff: Kontakte nach Tschechien gab es in meiner Familie nicht. Mit Ungarn war das anders, Ungarisch ist bei mir in der Familie gesprochen worden, dadurch hatte man einen besseren Zugang zur Kultur und man ist auch mal über die Grenze gefahren, ist Leuten begegnet und es haben sich herzliche Beziehungen ergeben. In Tschechien habe ich seit meinem Amtsantritt viele Wurzeln entdeckt. Wenn ich irgendwo hinfahre und es wird mir erzählt, dass meine Familie oder meine Vorfahren in diesem Schloss gelebt und in jener Institution gearbeitet haben, ist das wahnsinnig spannend. Dann geht man in eine Gruft in Olmütz und findet seinen Urgroßonkel, der dort Kardinal und Erzbischof war. So werden viele Dinge lebendig und lassen mich die Beziehungen zu Tschechien und die Schönheit dieses Landes ganz anders erleben.

Können Sie dieses Erleben genauer schildern?

Trauttmansdorff: Da ich aus einer Familie stamme, die einst auf den großen Landsitzen wohnte, beeindruckt es mich besonders, dass sich die Tschechen mit diesem gesellschaftspolitisch eigentlich nicht akzeptierten Erbe, mit den Schlössern, Kirchen und Klöstern identifizieren. Und das, obwohl die Bevölkerung ideologisch oder weltanschaulich keine Beziehung dazu hat. Ich treffe hier – was in Österreich nicht passiert – tschechische Patrioten, die Masaryk und Beneš eine große Freude gewesen wären, die aber gleichzeitig Monarchisten sind. Es ist schwer zu erklären, woher das kommt. Es ist eine tiefenpsychologische Sache, die wohl damit zusammenhängt, dass Tschechien jetzt zum ersten Mal in der Geschichte als souveräner Staat stolz auf seine Vergangenheit sein kann. Das war in der Ersten Republik vielleicht nicht ganz so, weil damals das Deutsche vielfach nicht als Teil der gesamtstaatlichen Identität angesehen wurde. Seit der Vertreibung werden die kulturellen und historischen Werte zum ersten Mal als rein tschechisch wahrgenommen.

Der Nationalismus ist in Tschechien heute eher schwach ausgeprägt. Nationalistische Parteien spielen bei Wahlen eine marginale Rolle, rechtsextremen Gruppierungen gelingt es nicht, für ihre Interessen zu mobilisieren – abgesehen vom breiten Protest gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, der aber eher in einer unbestimmten Angst als in einem Gefühl der Überlegenheit zu wurzeln scheint. Schlösser, Kirchen und Klöster werden also möglicherweise wirklich nur als kulturelles Erbe wahrgenommen und nicht mit einer nationalen Symbolik aufgeladen.

Trauttmansdorff: Das würde ich so nicht bestätigen. Ich glaube, dass der Patriotismus in Tschechien sehr stark ist, aber grundsätzlich positiv besetzt und daher nicht negativ spürbar. Wenn Sie sich die Migrationsdebatte anschauen, sehen Sie aber die andere Seite der Medaille. Das Land ist jetzt zum ersten Mal damit konfrontiert, die nach 1989 neu gewonnene Identität mit anderen teilen zu müssen. Darin sehe ich den psychologischen Grund für die weithin unverständliche Ablehnung der Aufnahme von Flüchtlingen. Ich sehe das nicht als Mangel an Humanität. Die Tschechen sind eigentlich sehr weltoffen, aber es gibt Widerstand dagegen, wieder fremde Elemente in die Gesellschaft aufzunehmen und das muss man akzeptieren. Wenn man ein gewisses Verständnis entwickelt, kann an diesen Problemen aber auch gearbeitet werden.

Nationale Identitäten werden auch durch Kulturpolitik geformt. Bayern arbeitet gerade gemeinsam mit Tschechien an einer Landesausstellung zu Karl IV. Sind ähnliche Projekte auch mit Österreich geplant?

Trauttmansdorff: Es gibt gemeinsame kulturelle Projekte, aber wir haben nicht die Finanzierungsmöglichkeiten, wie sie zwischen Tschechien und Deutschland bestehen. Es gibt beispielsweise keinen österreich-tschechischen Zukunftsfonds, keine Parteistiftungen und auch nicht so viele regionale Fonds, wie sie durch die bayerische oder die sächsische Repräsentanz in Tschechien zum Einsatz kommen. Eine große Ausstellung fehlt im Moment. Wir haben aber viele kleinere gemeinsame Unternehmungen. 2016 jährt sich die Schlacht bei Königgrätz zum 150. Mal, die wir als eine Wasserscheide in der tschechischen Entwicklung sehen. Die Tschechen fanden durch den Schock, die sie durch diese und andere Schlachten erlitten hatten, einen neuen Zugang zur deutschen Frage und seiner Identität. Die Tatsache, dass Wien als Reaktion auf die Schlacht mit Ungarn eine Reichs- und Gewaltenteilung vorgenommen hat, mit den Tschechen aber nicht, hat zu einer starken zentrifugalen Entwicklung geführt, die 1918 zum Tragen gekommen ist. Die Auseinandersetzung zwischen Tschechen und Deutschen wurde durch die Schlacht belastet. Wir haben natürlich viele andere Themen – zum Beispiel die Zwischenkriegszeit, die Auswanderung der österreichischen Sozialdemokratie in die Tschechoslowakische Republik 1934 oder das gemeinsame Literaturerbe.

Wir haben viel über Vergangenheit und Gegenwart gesprochen – was wünschen Sie sich für die Zukunft der tschechisch-österreichischen Beziehungen?

Trauttmansdorff: Österreich, Deutschland, Tschechien und die Slowakei gehören zusammen mit den Benelux- und den skandinavischen Staaten zum Rückgrat Europas. Es wird sehr davon abhängen, wie sich die Visegrád-Staaten und Österreich als Kraft etablieren, die Europa in der Krise zusammenhält. Es wird darauf ankommen, wie sehr die wirtschaftlich starken und die noch entwicklungsfähigen Länder ein zunehmend brüchiges Europa stützen können. Das hängt von einer Vertiefung der direkten Zusammenarbeit, natürlich auch mit Deutschland ab. Aber auch die Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte kann als Basis für ein neues Europa dienen. Das ist meine Zukunftsvision und -hoffnung. Wir dürfen die Grundlage der Integration nicht alleine den Institutionen überlassen, sondern müssen sie durch eine verstärkte Zusammenarbeit neu erarbeiten. Darin sehe ich eine viel größere Bedeutung in den Beziehungen Tschechiens und Österreichs als in allen kleinen Themen, über die wir bisher gesprochen haben. Die große Zukunft sehe ich in der Erhaltung und im Ausbau eines europäischen Friedensprojekts, das wir leider, wie sich gerade zeigt, als zu selbstverständlich aufgefasst haben.



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