Die Schönschwimmer

Die Schönschwimmer

Nur was für Frauen? Männer dürfen bei Wettkämpfen im Synchronschwimmen bislang nur zuschauen. Die „Krasoplavci“ aus Prag wollen sich damit nicht abfinden

27. 8. 2014 - Text: Sabina PoláčekText: Sabine Polaček; Foto: Jan Mareš

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Wenn Smetanas „Moldau“ erklingt, holt Jan Mareš tief Luft und taucht ab. Geschickt dreht er sich im Schwimmbecken, spreizt auf der Wasseroberfläche seine Beine auseinander und bildet zusammen mit den anderen sieben Männern seines Teams einen Stern. „Die Luft anzuhalten, fällt nicht so schwer, denn wir tauchen nicht so lang und trainieren nicht so hart wie die Frauen“, sagt der gebürtige Prager. „Viel anspruchsvoller sind für uns Figuren, bei denen wir ein Bein in die Höhe strecken müssen“, erklärt der 40-Jährige von der einzigen männlichen Synchronschwimmergruppe in Tschechien.

„Krasoplavci“ (übersetzt etwa „Schönschwimmer“) nennt sich die Gruppe aus derzeit elf Männern im Alter zwischen 28 und 70 Jahren, die sich seit 1998 mindestens einmal in der Woche im ältesten Prager Hallenbad „Tyršův dům“ trifft. Das Ziel ist, sich möglichst synchron zur Musik zu bewegen. „Wir wählen meist tschechische Stücke wie Smetanas Moldau oder Dvořáks Slawische Tänze“, erläutert Mareš.

Gegründet wurden die „Krasoplavci“ von Martin Kopecký, der vor drei Jahren mit erst 47 Jahren verstarb. Inspiriert vom tschechischen Filmklassiker „Rozmarné léto“ („Ein launischer Sommer“) treten die Männer in gestreiften, Retro-Badeanzügen und wasserfesten Melonen vor dem Publikum auf. „Unsere Ehefrauen feuern uns immer von der Zuschauertribüne an“, sagt Mareš. Das Team bereitet sich aber auch ernsthaft für Wettkämpfe wie den Men’s Cup vor, den sie selbst 2005 ins Leben riefen. Damals fand der internationale Wettbewerb für männliche Synchronschwimmer in Prag statt. Es folgten Stockholm, Mailand, Amsterdam und Paris. Zum zehnten Jahrestag wird der Men’s Cup im Mai 2015 wieder in der tschechischen Hauptstadt ausgetragen.

Reine Männersache
Auch die deutsche Synchronschwimmergruppe vom FVV Frankfurt will dabei sein. Das siebenköpfige Team, das eine Vorliebe für Popmusik der achtziger Jahre hat, besteht schon seit 1996. „Natürlich kennen wir die Krasoplavci gut“, freut sich Ralph Schütte. Wie ihre tschechischen Mitstreiter schwimmen auch sie bei Wettbewerben in der Kategorie „Masters“. Hierbei gelten die offiziellen Regeln für Synchronschwimmer des Weltverbands FINA, nur dass bei den „Masters“ auch ältere Sportler, ja sogar hochbetagte Senioren, teilnehmen. „An der gerade zu Ende gegangenen Schwimm-EM in Berlin hätten wir schon allein wegen unseres Alters nicht teilnehmen können“, bedauert der 49-Jährige aus Frankfurt. Doch es gibt noch ein anderes Hindernis: Männer sind für diese Sportart generell nicht zugelassen.

Dabei galt das Synchronschwimmen in seinen Anfängen als reine Männersportart. Damals hieß der Sport noch Reigenschwimmen. 1891 fand in Berlin der erste Wettkampf statt, 1907 wurde das „Wasserballett“ auch den Frauen zugänglich gemacht. Seitdem haben sie in diesem Sport den Männern das Wasser abgegraben. „An den großen Wettkämpfen wie Weltmeisterschaften oder den Olympischen Spielen werden keine Männer zugelassen. Dies ist in den Regeln so festgehalten“, sagt Doris Ramadan, Bundestrainerin im Synchronschwimmen des Deutschen Schwimmverbands (DSV). „Dabei gab es in der Vergangenheit schon öfter männliche Synchronschwimmer, und es gibt sie immer noch. Auf internationaler Ebene haben sie sehr gute Leistungen gezeigt.“ Ramadan schlägt vor, eine eigene offizielle Kategorie nur für Männer oder eine Kategorie für gemischte Gruppen – also mit Männern und Frauen – oder Duette zu schaffen.

Eine Lockerung der Regeln, „das wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung“, meint auch Ralph Schütte. Doch bis es soweit ist, wird der Sport weiterhin von Frauen dominiert. Dies bedauern auch die tschechischen „Krasoplavci“, die 2012 für mehr Gleichberechtigung im Sport kämpften, im Rahmen einer Online-Petition allerdings nicht mehr als 500 Unterschriften zusammenbekamen.

„Cool ist was anderes“
Ralph Schütte findet die Benachteiligung von Männern „sehr schade“. Die Schwimmverbände würden sich selbst einen Gefallen tun und könnten diesen Sport voranbringen, wenn sie bereits junge Leute zum Synchronschwimmen animieren würden. Er weiß aber, dass gerade Jugendliche Vorbehalte haben. „Cool ist was anderes“, lacht er. Das Image müsse sich ändern. „Wir rennen nicht mit paillettenbesetzten Badekappen herum. Die Figuren im Wasser sind vereinfacht, männeradäquat und weniger verspielt als bei den Frauen“, macht er deutlich und spricht dabei dem tschechischen Gleichgesinnten Jan Mareš aus dem Herzen.

Auf Skepsis stoßen die „Krasoplavci“ nicht bei den Zuschauern, sondern vielmehr bei der Sponsorensuche für den Men’s Cup. „Für uns ist es viel schwieriger, spendable Firmen zu finden als für Veranstalter von Fußball-, Eishockey- oder Tennisturnieren. Aber irgendwas wird schon klappen“, ist Mareš zuversichtlich. Bis dahin muss sich das tschechische Team um Unterkünfte und die Organisation von Schiedsrichtern kümmern und mit ihrer langjährigen Trainerin Kateřina Chocová an den schwierigen Figuren wie dem Flamingo oder Barrakuda feilen. Sie haben noch viel Arbeit vor sich.

Aber auch schon einiges erlebt: Seit ihrem Bestehen haben die Männer an allen Olympischen Spielen teilgenommen, wenn auch nicht offiziell. In London, Sydney und Athen präsentierten sie ihre Show innerhalb eines eigenen Wettkampfprogramms mit Synchronschwimmern aus anderen Ländern. Vor sechs Jahren in Peking mussten sie wegen der strengen Auflagen des Regimes auf den Pool der Tschechischen Botschaft ausweichen. Auch 2016 wollen sie bei Olympia dabei sein und nach Rio de Janeiro reisen. Ihre Nasenklammern, Badeanzüge und Melonen werden sie wieder im Gepäck haben. Ganz gleich, ob sie um olympische Medaillen kämpfen oder nicht.