Die Leichtigkeit des Betons

Die Leichtigkeit des Betons

Ohrringe aus Klavierholz, Hemden und Schmuck aus Beton: Die tschechische Designerszene sorgt mit ungewöhnlichen Ideen für Aufsehen. In Deutschland sind die kreativen Künstler allerdings noch unbekannt

12. 3. 2015 - Text: Sabina PoláčekText und Foto: Team Gravelli: Jiří Peters, Tomáš Vacek und Ladislav Eberl/Sabine Poláček

Grau, kalt und langweilig: Das gilt für Beton nicht mehr. Denn dass man aus dem Baumaterial etwas Leichtes, ja sogar Lichtdurchlässiges schaffen kann, beweist die junge tschechische Designerszene. Erst kürzlich präsentierte sie sich in der Ausstellung und Produktpräsentation „Czech Design Works: Blick durch Beton“, die im Tschechischen Zentrum München im Rahmen der „Munich Creative Business Week“ stattfand. Mit dabei war die Prager StartUp-Firma Gravelli. 2012 hat das dreiköpfige Team den sogenannten LiCrete-Beton mit lichtdurchlässigen Elementen entwickelt und patentieren lassen. Dieses Material kann zum Beispiel als Trennwand dienen, bei dem lebendige Schatten eines Menschen oder Baumes sichtbar werden. 2013 wurde es als „Beste tschechische Innovation“ ausgezeichnet.  Aus der grauen Masse erschaffen sie aber auch Tische, Gartenliegen, Lampen oder Schmuck.

„Wie einst bei Apple begann alles mit ganz einfachen Mitteln in einer Garage. Den feinen Beton haben wir mit einer gewöhnlichen Küchenmaschine hergestellt“, erzählt der 25-jährige Ladislav Eberl, der sein Zahnmedizin-Studium abgebrochen hat, um sich voll und ganz seiner Firma zu widmen. Das technische Know-how bringt Jiří Peters (28) als Bauingenieur ein, Tomáš Vacek (31) ist als Industriedesigner für die Gestaltung zuständig. „Unser Ziel ist, mit dem widerstandsfähigen Beton spielerisch umzugehen und es leicht und sexy zu machen“, sagt Eberl mit leuchtenden Augen. Über dreißig Esstische mit dünner, imprägnierter Betonfläche gegen Rotweinflecken hat zum Beispiel das Prager Restaurant „Ginger & Fred“ im Tanzenden Haus bestellt. Auf Nachfrage sagt eine Mitarbeiterin: „Beton hat etwas Natürliches. So wie Stein.“

Auf der Suche nach Interessenten
Um mit seinen Werken bekannter zu werden, reist das Gravelli-Team mit anderen tschechischen Designern um die Welt. Mit dabei sind Mirka Horká mit ihren Beton-Sakkos sowie die Designer der Firma Contiqua, die sich dem Recycling-Gedanken verschrieben haben und aus Reststoffen der Industrieherstellung Objekte entwerfen. Darunter die Ohrringe „Piano“ aus schwarzem Klavierlack – Reste einer Klavierproduktion des Unternehmens Petrof aus Hradec Králové – oder Ledertaschen aus Stoffüberbleibseln einer Sofa- und Möbelfirma. „Wir präsentieren unsere Werke in Mailand, London, New York und Moskau, wollen aber vor allem in Deutschland Käufer finden“, hofft Eberl. „Die Deutschen mögen unserer Meinung nach Funktionalismus und minimalistischen Stil. Darüber hinaus ist Deutschland beliebt. Jeder will hier leben. Es ist ein Platz an der Sonne.“

Doch vorerst muss noch Überzeugungsarbeit geleistet werden. „Die tschechischen Designer sind in Deutschland noch unbekannt. Das muss sich ändern. Wir stehen bereits mit bayerischen Architekten, Designern und Firmen in engem Kontakt“, sagt Petr Fomenko, Kurator der Münchner Ausstellung „Czech Design Works“. Laut Jiří Pelcl, Professor an der Akademie für Kunst, Architektur und Design und Leiter des Instituts für Produktdesign in Prag, liege das Problem an der Wirtschaftskraft großer Unternehmen, die auf den europäischen Märkten agieren. „Normalerweise werden Designer über große Hersteller bekannt. Davon gibt es in Tschechien nicht so viele“, meint Pelcl und fügt hinzu: „Wir sollten uns aber vielmehr für Design in Europa als Ganzes interessieren als für das Design-Business in Westeuropa.“

Mehr Mut gefragt
Dass bei der Münchner Werkpräsentation tschechischer Künstler kein großer Besucherandrang herrschte, findet Kilian Steiner, PR-Verantwortlicher bei „bayern.design“, das öffentliche Designaktivitäten des Freistaats Bayern koordiniert und die „Munich Creative Business Week“ jährlich ausrichtet, nicht ungewöhnlich. „Anlaufschwierigkeiten sind normal. Schließlich hat sich das Tschechische Zentrum in München zum ersten Mal an der Business-Woche beteiligt. Außerdem lag der diesjährige Fokus auf Dänemark. Wir können uns durchaus vorstellen, dass sich künftig auch Tschechien als Schwerpunktland präsentiert.“

Die deutsche und tschechische Designerszene könnten sich seiner Ansicht gegenseitig befruchten. Laut Jiří Pelcl bestehe dieser Austausch bereits. „In letzter Zeit haben unsere Studenten mehrere Projekte in Deutschland realisiert – unter anderem in Zusammenarbeit mit den Ateliers der Firma Nachtmann. Die Studierenden nehmen am Internationalen Designfestival in Berlin oder an der Messe Heimtextil in Frankfurt teil, und sie absolvieren Praktika in deutschen Einrichtungen. Zudem war der deutsche Architekt Ivan Reimann bei uns zu Gast“, erläutert er. Dennoch stimmt er zu, dass die tschechischen Designer mutiger werden und sich im internationalen Vergleich durchsetzen sollten. Dass bereits ein positiver Wandel eingesetzt hat, zeigt die stetig ansteigende Teilnehmerzahl junger tschechischer Designer bei den „iF design awards“ in München, die im Rahmen der „Munich Creative Business Week“ stattfanden. Während 2013 nur zwei tschechische Designer daran teilnahmen, meldeten sich für dieses Jahr bereits sechs tschechische Teilnehmer mit zwölf verschiedenen Beiträgen zum Wettbewerb an. Zwei davon wurden Ende Februar mit dem „IF Label“ ausgezeichnet.



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