„Der Mitteleuropa-Gedanke lebt weiter“
Zeitzeuge

„Der Mitteleuropa-Gedanke lebt weiter“

Horst Teltschik war engster außenpolitischer Mitarbeiter von Bundeskanzler Helmut Kohl. Der „Mann aus Telč“ beeinflusste den Wandel 1989 wesentlich mit

9. 11. 2020 - Interview: Klaus Hanisch, Titelbild: Hans Braxmeier

PZ: Für die Tschechen markieren Jahre mit einer Acht am Ende historische Meilensteine, wie 1918, 1948 oder 1968. Für die Deutschen ist der 9. November ein Schicksalsdatum. Bedauern Sie heute noch, dass Sie beim Mauerfall mit dem Bundeskanzler in Warschau waren und nicht in Berlin?
Horst Teltschik: Der Zusammenfall beider Ereignisse war einfach unglücklich. Für Helmut Kohl waren die Beziehungen zu Polen, diesem ersten demokratisch gewordenen Land innerhalb des Warschauer Paktes, von großer Bedeutung. Er wollte sie immer vergleichbar entwickeln wie zu Frankreich. Ausgerechnet an dem Tag, an dem eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet wurde, die ich in mehreren Verhandlungsrunden ausgehandelt hatte, fielen dann diese zwei bedeutenden Ereignisse zusammen. Der Fall der Mauer hatte natürlich Priorität und Kohl brach seinen Besuch in Warschau ab, holte ihn aber nach, wie er versprochen hatte.

Ende 1989 werden erste Teile der Mauer abgerissen. | © Raphaël Thiénard, CC BY-SA 2.0

Sie führten Ende der 1980er Jahre auch Gespräche in Prag. Worum ging es in diesen Unterredungen?
Helmut Kohl hatte mit Beginn seiner Regierungsübernahme die Politik verfolgt, möglichst mit allen Staaten des Warschauer Paktes gute Beziehungen zu entwickeln. Deshalb lud er die verantwortlichen Politiker dieser Staaten gleich zu Beginn seiner Regierungszeit nach Bonn ein. Alle sagten aber auf Druck der Sowjetunion ab, auch der Ministerpräsident der ČSSR. Doch 1988 gab es vorsichtige Hinweise, dass Ministerpräsident Lubomír Štrougal [amtierte zwischen Januar 1970 und Oktober 1988, Anm. d. Red.] ein potenzieller Reformer sein könnte. Deshalb ist Kohl nach Prag gereist, um ihn kennenzulernen. Treffen und Gespräch verliefen jedoch enttäuschend, weil wir nicht den Eindruck gewannen, dass die damalige Führung bereit sein könnte, Reformen in Angriff zu nehmen. Kohl führte diese offiziellen Gespräche und kam auch zu einem guten Gespräch mit dem damaligen Kardinal František Tomášek zusammen. Ich habe gleichzeitig in seinem Auftrag mit Vertretern der Oppositionsgruppe Charta 77 gesprochen. Leider saß Václav Havel zu dieser Zeit im Gefängnis.

Nach 1989 wurde Regierenden und Parteien in der Bundesrepublik vorgeworfen, sie hätten sich zu wenig um Belange der Opposition hinter dem Eisernen Vorhang gekümmert, speziell auch in der DDR. Gab es Wünsche um Unterstützung oder Forderungen aus dem Kreis der Charta 77 an Sie?
Wir haben natürlich ihre Aktivitäten in Prag verfolgt, deshalb fand auch dieses Gespräch statt. Sonst gab es aber keine weiteren Kontakte. Ich erinnere mich, dass mir Vertreter der Charta sagten, der damalige US-Präsident Reagan sei der Erste, der mit seinem Satz vom „Reich des Bösen“ den Charakter der Sowjetunion auf den Punkt gebracht hätte. Mit seiner Aussage waren sie sehr einverstanden. Wir sahen diese Äußerung kritischer, weil sie in jener Zeit zu einer weiteren Verschärfung des Kalten Krieges beitrug.

Horst Teltschik (2010) | © Harald Dettenborn, CC BY 3.0

Waren dies Ihre einzigen Gespräche in Prag?
Nein, ich habe später im Auftrag des Kanzlers eine weitere Reise nach Prag angetreten, um ein großes Problem mit der tschechoslowakischen Regierung zu besprechen. Bei Ostwind gab es starke Emissionen, die in Ostbayern Krankheiten verursachten. Ich sollte dem damaligen Ministerpräsidenten Ladislav Adamec [amtierte von Oktober 1988 bis Dezember 1989, Anm. d. Red.] anbieten, dass wir ihm die Technologie geben und finanzieren, um diese Emissionen zu beenden. Adamec erklärte mir, dass er das Geld gerne annehmen würde, aber für andere Zwecke einsetzen wollte. Daher geschah überhaupt nichts. Diese Episode zeigte die Borniertheit und Kurzsichtigkeit von Adamec. So naiv kann man eigentlich nicht sein …

Behandelte Adamec Sie als Vertriebenen abschätzig, gab es von ihm Vorbehalte, Sie als Gesprächspartner zu akzeptieren?
Im Gegenteil. Er hat mich äußerst liebenswürdig empfangen, mir ein großzügiges Gastgeschenk gemacht und mich mit meiner Familie im Gästehaus der Regierung untergebracht. Ich habe mit meiner Frau und meinen beiden Kindern von Prag aus noch einen privaten Ausflug nach Telč gemacht. Von dem Ort leitet sich ja mein Name ab, Teltschik heißt „der Mann, der aus Telč kommt“. Zu unserer Überraschung wurden wir dort vom Bürgermeister und einem Kinderchor feierlich empfangen. Meine Kinder bekamen ganz große Augen, welche Ehre uns dort zuteil wurde.

Die Teltscher Innenstadt gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. | © APZ

Wie sehr haben Sie als Vertriebener auch an die damalige ČSSR gedacht, als Sie 1989 die europäische Integration mit auf den Weg brachten?
Ich habe immer an die Tschechoslowakei gedacht. Meine Familie hat seit 1301 dort gelebt, deshalb hatte ich immer eine besondere Beziehung zu diesem Land. Ich habe sehr bedauert, dass in der ČSSR im Vergleich zu Ungarn oder Polen sehr spät Reformen eingeleitet und eine Bürgerbewegung in Gang gesetzt wurden. Das war nach den Ereignissen in Folge der Niederschlagung des Prager Frühlings allerdings auch verständlich. Ich habe vor allem eine Idee, die aus Österreich und speziell von der ÖVP kam, sehr positiv empfunden und versucht, sie politisch zu unterstützen. Nämlich die Idee, Mitteleuropa zu definieren und eine eigene Identität zu geben, gewissermaßen auch als Instrument der Emanzipation von der Sowjetunion. Diese Idee von Mitteleuropa könnte man durchaus auch heute weiterverfolgen. Diese Länder könnten enger zusammenarbeiten, nicht gegen die EU, sondern mit und innerhalb der Europäischen Union.

Teltschik und Putin in München (2007) | © Antje Wildgrube, CC BY 3.0

Wo genau verorten Sie dieses Mitteleuropa?
Das fängt mit Polen an, geht mit der Tschechischen Republik und der Slowakei weiter bis Ungarn, Österreich und Deutschland.

Was sollten und könnten diese Staaten gemeinsam tun?
Am nächsten läge, dass diese Länder wirtschaftlich enger zusammenarbeiten sollten und müssten. Ich hatte gerade ein Gespräch mit dem bayerischen Ministerpräsidenten, der – für mich sehr positiv – auch sagt, dass Bayern ein Motor für eine engere Zusammenarbeit mit Ungarn, Tschechien oder der Slowakei sein müsste. Es bietet sich an, regional noch enger zusammenzuwirken, wo man gemeinsame Interessen hat. Ob in der Wirtschaft, beim Umweltschutz, Kultur, Jugendaustausch. Da sind viele gesellschaftspolitische, wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Kooperationen möglich. Und dies würde wechselseitiges Verständnis fördern und Misstrauen abbauen.

Sie wurden 1944 als Vierjähriger aus Ihrem Heimatort Klantendorf (heute Kujavy) vertrieben und anschließend am Tegernsee heimisch. Wie haben Sie den Eisernen Vorhang 40 Jahre lang empfunden? Gab es bei Ihnen wegen der eigenen Vertreibung auch eine Art von Phantomschmerz, von dem der Schriftsteller Martin Walser in Zusammenhang mit der DDR sprach?
Einen Phantomschmerz habe ich nicht empfunden. Aber ich habe mir zuweilen vor dem Einschlafen gewünscht, ich könnte eine Tarnkappe aufsetzen, Richtung Osten gehen und mich hinter dem Eisernen Vorhang mit ein paar Leuten „kräftig auseinandersetzen“ (lacht). Die Schlussfolgerung aus meiner eigenen Erfahrung mit der Vertreibung war für mich stets: Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus – aber auch: Nie wieder Kommunismus.

Kanzler Kohl in Dresden (19.12.1989) | © Rainer Mittelstädt, Bundesarchiv

Vor genau 70 Jahren wurde die Charta der deutschen Heimatvertriebenen in Stuttgart unterzeichnet. Darin sprachen sich die Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs fünf Jahre nach Kriegsende für Versöhnung, Frieden und ein vereintes Europa aus. Wurde diese Charta vor dem Hintergrund von anschließend stetig wiederholten Forderungen wie „Recht auf Heimat“ als Zeugnis humanitärer Gesinnung unterschätzt oder waren darin nur Worthülsen ohne echte Überzeugung der Unterzeichner aufgelistet?
Solche Erklärungen haben immer eine empathische Wortwahl. Aber ich fand es trotzdem großartig, dass die Sudetendeutschen schon zu diesem Zeitpunkt bereit waren, auf jegliche Rache zu verzichten. Dass der eine oder andere Vorsitzende der Landsmannschaft manchmal in seinen Forderungen sehr weit ging und die Realitäten aus den Augen verlor, war wieder etwas anderes. Ich empfing im Kanzleramt alle Vorsitzenden der verschiedenen Vertriebenenverbände. Weil sie wussten, dass es schwierig war, einen Termin beim Kanzler zu bekommen, bemühten sie sich um einen Termin mit mir [Horst Teltschik war ab 1983 stellvertretender Leiter des Bundeskanzleramtes, Anm. d. Red.]. Danach konnten sie immer sagen, dass sie ihre Anliegen im Bundeskanzleramt vertreten hätten … (lacht). Ich war ein guter Zuhörer, ohne freilich jede Aussage zu kommentieren. Unter diesen Besuchern waren ja auch einige Mitglieder unserer eigenen Bundestagsfraktion [Teltschik leitete ab 1977 das Büro des Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in Bonn, Anm. d. Red.]

Sie waren während der Wendemonate 1989/90 gemeinsam mit dem Bundeskanzler und Außenminister Genscher eine zentrale Figur der deutschen Außenpolitik, dank vieler Kontakte zu ausländischen Regierungen und Politikern – gerade in strittigen Fragen der Ostpolitik. Nach 1989 drängten Länder im östlichen Europa, ganz besonders auch die Tschechen und Slowaken, mit Macht in EU und NATO. Nun stehen sie europäischen Entscheidungen nicht selten im Weg. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Ich habe in den 1980er Jahren mit allen Staats- und Regierungschefs der Warschauer-Pakt-Staaten persönliche Gespräche geführt. Dort wurde ich schon in der zweiten Hälfte der Achtziger darum gebeten, Kontakte zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, dem Vorläufer der EU, in Brüssel herzustellen. Ab 1990 wollten alle möglichst rasch assoziiert oder gar Mitglied werden. Meine Erklärung ist nun: Diese Staaten haben das Nationalbewusstsein ihrer Bürger genutzt, um sich von der Sowjetunion zu emanzipieren. Nachdem sie ihre Souveranität zurückerlangt hatten, wollten sie schnell in die EU und in die Nato. Sie waren sich aber nicht bewusst, dass sie als Mitglieder dort wieder auf nationale Souveranitätsrechte verzichten mussten. Dieses Dilemma ist Teil des Problems für die heutigen Führungen in den mitteleuropäischen Staaten.

Ist auch ein wesentlicher Grund dafür, dass eine andere Generation von Politikern regiert, für die die Zeit vor 1989 nicht mehr präsent ist?
Das bedrückt mich sehr. Als Orbán in Ungarn Ministerpräsident wurde, habe ich ihn sofort nach München eingeladen, als Vorstand bei BMW und Leiter der BMW-Stiftung [von 1993 bis 2000 war Teltschik Vorstandsmitglied der BMW Group und von 1993 bis Ende 2003 Vorsitzender der firmeneigenen Stiftung, Anm. d. Red.]. Ich habe ihm, wie auch Spitzenleuten aus der Tschechoslowakei, Kontakte zur bayerischen Industrie vermittelt und ihnen aufgezeigt, dass die bayerische Wirtschaft und Politik sehr an guten Beziehungen und einer Zusammenarbeit interessiert ist. Ich bedauere, dass sie nun einen Weg gehen, den sie selbst einmal verurteilt haben.

Teltschik auf der Münchner Sicherheitskonferenz (2008) | © Kai Mörk, CC BY 3.0

Immer wieder wird eine Neugründung der EU gefordert, in der nicht mehr Einstimmigkeit herrschen muss, sondern Mehrheitsentscheidungen ausreichen sollten. Wie beurteilen Sie das?
Dafür bin ich schon lange. Seit meinen Jahren in der Politik bin ich der Meinung, dass Mehrheitsbeschlüsse möglich sein müssen. Wir haben unter Helmut Kohl Projekte mit Frankreich beschlossen, bilateral, aber nicht isoliert. Vielmehr haben wir gesagt: Wir zwei fangen an, wer mitmachen will, kann sich anschließen – und wer noch nicht soweit ist, kann abwarten. Zum Beispiel haben wir 1988 einen deutsch-französischen Sicherheitsrat gegründet und eine deutsch-französische Brigade beschlossen, die bis heute existiert. Irgendjemand muss ja beginnen und das gilt bis heute: Die, die enger zusammenarbeiten wollen, sollen vorangehen, für andere bleibt die Tür offen und sie können entscheiden, ob und wann sie dabei sein wollen. Eine solche Politik halte ich für sehr vernünftig. Und sie käme auch Ländern wie Tschechien oder Ungarn heute durchaus zugute.

Als Václav Havel kurz vor Weihnachten 1989 als Präsident in die Prager Burg einzog, hatte mancher Beobachter mehr als eine Träne im Knopfloch. Nicht zuletzt weil der Kommunismus gerade in der ČSSR bis kurz vor dem Zusammenbruch des Ostblocks besonders hart agierte. Erging es Ihnen ähnlich oder lag Ihnen die deutsche Wiedervereinigung doch viel näher?
Natürlich lag uns die Wiedervereinigung am nächsten. Auch weil wir stetig steigende Übersiedlerzahlen aus der DDR hatten, was der DDR wie der Bundesrepublik schadete. In dieser Hinsicht hatte die ČSSR große Verdienste, weil sie die Flüchtlinge in Prag akzeptierte bzw. deren Durchreise nach Ungarn nicht behinderte, wodurch die Ausreisen in die Bundesrepublik möglich wurden. Ich war nicht mehr im Amt, als Havel Präsident wurde. Das bedauere ich sehr, weil ich ihn außerordentlich geschätzt habe. Ich zitiere ihn auch heute noch, denn für mich war er der Retter der Tschechoslowakei. Zu seinem damaligen Kanzler im Präsidialamt und späteren Außenminister Karel Schwarzenberg habe ich heute noch freundschaftliche Beziehungen, er kam immer zu meiner Münchner Sicherheitskonferenz [Horst Teltschik leitete diese Konferenz von 1999 bis 2008, Anm. d. Red.].

„Havel für immer“ am Nationalmuseum in Prag | © David Sedlecký, CC BY-SA 4.0

Sie wurden in diesem Sommer 80 Jahre alt – und im Laufe Ihres Lebens von vielen Staaten ausgezeichnet. Nicht aber von den Tschechen. Hat Sie das enttäuscht?
Nein. Die Kommunisten in der Tschechoslowakei hätten mich nicht ausgezeichnet und deren Nachfolger waren noch nicht im Amt, als ich im Amt war. Sie hatten daher keinen Anlass, mich auszuzeichnen. Wer mich ausgezeichnet hat, waren die Ungarn, die Polen. Aber dort habe ich die demokratischen Kräfte auch persönlich kennengelernt und mit ihnen zusammengearbeitet. Diese Gelegenheit hatte ich mit Prag nicht.

Wikipedia nennt Sie bis heute einen wichtigen Bürger von Kujavy. Haben Sie noch eine Beziehung zu Ihrem Geburtsort, haben Sie ihn auch nach 1989 noch einmal besucht?
Ich war mit meiner Familie und mit meinem Zwillingsbruder in den 1990er Jahren privat in Kujavy, in Nový Jičín, in Opava. Ich habe auch meinen ältesten Bruder mitgenommen, der zehn Jahre älter ist als ich, alles kannte und sich noch an vieles erinnern konnte. Ich war erst vier und habe keinerlei Erinnerungen mehr. Mein Bruder zeigte mir vieles, auch den Stammsitz in Kunzendorf [Kunčice, heute ein Ortsteil von Fulnek, Anm. d. Red.], wo unser Bauerngeschlecht seit Beginn des 14. Jahrhunderts dokumentiert ist und gelebt hat. Der Gutshof meiner Großeltern, früher ein großer Vierseithof, stand nicht mehr und war völlig abgetragen worden. Es stand nur noch das Ausgedinghaus. Man hatte dort auch kaum Tschechen angesiedelt, sondern Roma. Kontakte ergaben sich leider nicht.

Weitere Artikel

... von Klaus Hanisch
... aus dem Bereich DeuTsch
... aus dem Bereich Geschichte

Abonniere unseren Newsletter