„Mein größter Erfolg“
SPORT

„Mein größter Erfolg“

Pavel Horák ist erstmals deutscher Handball-Meister - und saß in Tschechien in Corona-Quarantäne

23. 4. 2020 - Interview: Klaus Hanisch, Titelbild: Granada, CC BY-SA 4.0 (Szene aus einem Freundschaftsspiel zwischen Österreich und Tschechien im Januar 2018)

PZ: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer ersten deutschen Meisterschaft! Die 36 Erst- und Zweitligisten haben eine historische Entscheidung getroffen und mit großer Mehrheit das vorzeitige Saison-Ende beschlossen. Sorgt das bei Ihnen nur für die halbe Freude über den Titel?
Pavel Horák: Die Saison wurde zwar nicht komplett gespielt, aber es fühlt sich trotzdem geil an. Wir hatten viele schwere Spiele und waren zum Ende dieser unvollendeten Saison Tabellenführer. Das Ende konnten wir selbst nicht beeinflussen. Ich denke, wir haben keinen Grund, diesen Titel nicht zu genießen, auch wenn es eine ungewöhnliche Situation ist. Normalerweise feiert man einen Meistertitel ja direkt nach einem Spiel. Jetzt war der Gewinn nicht mit Handball verbunden, alle Spieler sind irgendwo verstreut. Daher wird es noch eine Weile dauern, bis ich komplett verstehe, dass ich mit der Mannschaft tatsächlich Deutscher Meister geworden bin. Aber dann werde ich sagen: Das ist der größte Erfolg in meiner Karriere!

Fünf Jahre lang musste der THW Kiel auf diese Meisterschaft warten, nun nennt Ihr Verein die Saison auf Twitter und Instagram eine „unvollendete“. Er hat Sie und andere ausländische Spieler schon vor Wochen nach Hause geschickt. Haben Sie vom Titel auch durch eine nüchterne WhatsApp-Nachricht vom Sportdirektor erfahren?
Das glaubt mir keiner: Ich habe meine beiden Kinder zum Mittagsschlaf ins Bett gelegt und bin mit dem älteren selbst eingeschlafen. Als ich wieder aufwachte, war eine unbekannte tschechische Nummer auf meinem Handy, schon die zweite an diesem Tag. Die erste war eine Ärztin, die sich verwählt hatte. Als ich die zweite zurückrief, noch komplett verschlafen, war es ein tschechischer Journalist, der mir zum Meistertitel gratulierte. Ich wollte ihm zunächst nicht glauben und wies ihn ab, weil ich mich erst erkundigen wollte, ob das überhaupt stimmt. Ich wusste gar nicht, was ich dazu sagen soll.

Und wie kam es zur offiziellen Bestätigung?
Ich fand dann viele Nachrichten in unserer Mannschaftsgruppe auf dem Handy, dort wurde es offiziell. Es gab später noch eine Videokonferenz. Ein paar Jungs haben miteinander angestoßen, entweder virtuell oder zufällig im Trainingszentrum, natürlich mit dem entsprechenden Abstand und Schutz voreinander.

Die „Zebras“ holen nach 2015 wieder den Titel. | © THW Kiel

Sitzen Sie noch immer in Varnsdorf in Quarantäne?
Nein, meine Quarantäne ist seit 20. April vorbei. Bis dahin musste ich nach der Rückkehr aus Kiel zwei Wochen lang zuhause bleiben. Ich musste mich immer in der Wohnung aufhalten, die einzige Abwechslung war unser Hof. Ich habe mich in diesen Wochen viel mit meinen Kindern beschäftigt.

Konnten Sie ohne Probleme nach Tschechien einreisen?
Ja, ich musste mich nur bei meiner Hausärztin melden. Sie hat mich in eine Datenbank eingetragen und nach zwei Wochen musste ich ihr noch einmal erklären, wie ich mich fühle und ob ich irgendwelche Beschwerden hätte. Da ich keinerlei Probleme hatte, wurde mein Eintrag wieder gelöscht. Jetzt darf ich mich wieder frei bewegen.

Wurden bei Ihnen Tests durchgeführt?
Nein, ich hatte Glück. Wenn ich erst jetzt angereist wäre, hätte ich nach der Quarantäne noch Tests machen müssen. Das Gesetz wurde gerade erst beschlossen. Letztlich war ich aber ja schon drei Wochen lang vorher in Kiel in Quarantäne …

Wieso das?
Weil ich mich streng an die Vorschriften gehalten habe. Ich bin nicht mehr viel rausgegangen, habe versucht, so wenig wie möglich einkaufen zu gehen und die Orte zu meiden, an denen sich viele Menschen treffen. Neu war, dass ich hier in Tschechien von Anfang an Mundschutz tragen musste, das gab es in Kiel nicht.

Horák absolvierte 130 A-Länderspiele für Tschechien. | © Ailura, CC BY-SA 3.0 AT

Feiern Sie, nach zwei EHF-Pokalsiegen und einem Deutschen Pokalsieg, den Meistertitel nun quasi im Home-Office: Machen Sie sich ohne Kollegen und ohne Fans ganz allein ein Pilsner auf?
Ich habe kurz daran gedacht, darauf anzustoßen, aber ich komme wegen der Kinder einfach nicht dazu. Ich mache Ausflüge mit ihnen, zweimal am Tag, solange das Wetter schön bleibt. Vielleicht schaffen wir ja doch noch eine Feier mit der gesamten Mannschaft, irgendwie …

Die Bundesliga hat Anfang März letztmals gespielt. Gerade Handball ist ja ein Kontaktsport, wie haben Sie sich in den Wochen danach fit gehalten?
So lange der Abbruch nicht offiziell feststand, mussten wir individuelle Trainingspläne erfüllen. Ich denke, wir haben uns alle daran gehalten, um einigermaßen fit zu bleiben, falls es doch wieder losgegangen wäre. Aber es war klar, dass wir nicht sofort wieder in Form gewesen wären und hätten spielen können. Hauptsache war, Verletzungen auszukurieren und die Muskeln so aufzubauen, dass keine neuen hinzukommen, bis das Training wieder angefangen hätte.

Der THW lag in der Tabelle vier Minuspunkte vor dem ärgsten Verfolger Flensburg-Handewitt und hatte die bessere Tordifferenz. Aber es waren je nach Klub noch sieben oder acht Spieltage zu absolvieren. Nun entschied eine Quotientenregel über den Titel. Das halten manche Klubs für ungerecht. Haben Sie Verständnis dafür?
Dazu sage ich nur, dass alle Vereine bei der Abstimmung ein Stimmrecht hatten und die nötige Dreiviertel-Mehrheit locker erreicht wurde. Also hielt die weitaus überwiegende Mehrheit es für richtig, diese Saison nun zu beenden. Es hätte ja auch keinen Sinn gemacht, sie ohne Zuschauer zu Ende zu spielen. Und auch nicht, das Saisonende noch weiter hinauszuzögern.

Horák (links) und Mitspieler nach einem Spiel des THW Kiel

Sie sind fast so alt wie Ihr Trainer Filip Jícha, die tschechische Handball-Legende, haben wie er weit über 100 Länderspiele für Tschechien absolviert, sind zudem der einzige Tscheche im Kader. Kamen Sie daher zuweilen in den Genuss einer Sonderbehandlung durch Jícha?
Ich wurde vielleicht öfter gefragt, ob ich Belastungsübungen im Training gut verkrafte oder nicht weniger machen möchte. Aber sonst gab es sicher keine Ausnahmeregelung für mich.

Wie wollen Sie wieder nach Deutschland kommen, angesichts der geschlossenen Grenzen, wenn im Juli das Training beginnen sollte?
Mein Vertrag in Kiel ist mit dem Saisonende abgelaufen. Daher muss ich mich darum jetzt nicht kümmern.

Sie werden im November zwar schon 38, spielten jedoch eine starke Saison für den THW. Mein Eindruck ist, dass Kiel darauf hofft, Filip Jícha könne Sie zu einem neuen Vertrag überreden.
Das ist im Moment alles offen. Keiner kann sagen, wie es mit dem Handball in wirtschaftlicher Hinsicht weitergeht und wie die Vereine diese Krise verkraften. Ich habe mich darauf eingestellt, dass ich abwarten muss. Man wird sehen, was sich noch ergeben wird.

Weitere Artikel

... von Klaus Hanisch
... aus dem Bereich DeuTsch
... aus dem Bereich Sport

Abonniere unseren Newsletter

Wir bedanken uns bei unserem Partner für die Unterstützung:

© 2020 pragerzeitung.cz
Datenschutz, Cookies & Tracking, Netiquette, Kontakt und Impressum

Design: ideasfirst, s.r.o. | Code: www.rinovo.cz