Der empfindsame Henker

Der empfindsame Henker

Hazel Rosenstrauchs Porträt des letzten Scharfrichters der Stadt Eger

21. 2. 2013 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Foto: Matthes & Seitz Berlin

Eigentlich hatte Karl Huß (1761–1836) keine Chance, einer langen Familientradition zu entkommen: Wie seine Vorfahren musste er Scharfrichter werden. Damit gehörte er zu einer Berufsgruppe, die wie kaum eine andere verachtet wurde. Scharfrichter hatten häufig stärker unter Diskriminierung zu leiden als Zigeuner und Juden. Sie durften weder Grundbesitz erwerben noch ein Amt bekleiden. Die kirchliche Trauung wurde ihnen verweigert. Schon wer ihnen die Hand reichte, konnte von der Zunft ausgeschlossen werden. Ein „ehrlicher“ Beruf blieb ihnen verwehrt. Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch hat in ihrem Buch „Karl Huß, der empfindsame Henker“ den Lebensweg des letzten Scharfrichters der Stadt Eger (Cheb) beschrieben. Sie erzählt die Geschichte eines Mannes, der den Diffamierungen seiner Zeitgenossen die Stirn bot und am Ende seines Lebens sogar zum Museumsverwalter der Sommerresidenz des Fürsten Metternich im westböhmischen Königswart ernannt wurde.

Vom Henker zum Heiler
Empfindsam nennt ihn Hazel Rosenstrauch, nicht weil er bei der Ausführung seines grausamen Handwerks von Skrupeln geplagt wurde, sondern weil er darunter litt, zur untersten Stufe der Gesellschaft zu gehören. In der Schule gehänselt, von den Lehrern gedemütigt und geschlagen, flieht er aus der Lehranstalt. Ihm bleibt keine andere Wahl als den Beruf seiner Vorfahren zu erlernen und so wird Huß Henker. Unter der Protektion seines Onkels, der in Eger den Posten des Scharfrichters innehat, vollzieht er schon mit 15 Jahren an einem Kirchendieb das Todesurteil. Stolz erzählt er, wie er „männisch und geistesgegenwärtig“ das Schafott betrat, „dem armen Sünder die Hände und Augen zuband, und in der Geschwindigkeit auf einen Schwertstrich lag der Kopf zu den Füßen des Verurtheilten.“ Der Onkel ist so beeindruckt von diesem „Meisterstück“, dass er den Magistrat von Eger bittet, seinen Neffen zu seinem Nachfolger zu ernennen.

Nur sechs Jahre später, 1787, wird die Todesstrafe in den Ländern der österreichischen Krone abgeschafft und Huß verliert seinen Arbeitsplatz. Was macht einer, der keinen Zugang zu anderen Berufen hat? Huß hat ein festes Ziel: Er will nicht länger die Erniedrigung seines Berufes und seiner Herkunft wegen ertragen. Er will das Unmögliche schaffen: den sozialen Aufstieg und die gesellschaftliche Anerkennung. Huß setzt auf die Ideale der Aufklärung. Er kämpft gegen Vorurteile, beruft sich auf die Vernunft und die Rechte des Individuums. Zunächst betätigt er sich mit Erfolg als Heiler, muss sich aber immer wieder gegen eifersüchtige Ärzte und Apotheker wehren, die ihn als Pfuscher verklagen. Dann erlernt er das Lesen alter Handschriften und verfasst im Auftrag der Stadt Eger eine vierbändige Stadtchronik. Später folgt eine Streitschrift gegen den Aberglauben, in der er nahezu alle Formen desselben im Egerland zu Beginn des 19. Jahrhunderts beschreibt. Er wettert gegen die Scharlatane und Betrüger, die den Leuten einreden, dass die Stricke von Gehenkten wilde Pferde besänftigen, dass Körperteile und Kleiderfetzen von Hingerichteten Glück und Gesundheit bringen, dass ein Fisch, den man sich noch lebend für einen Tag auf dem Bauch bindet, die Gelbsucht heilt.

Als Sammler unter Goethe und Metternich
Die größte Anerkennung erwirbt sich Huß als Sammler. Er zieht durch ganz Böhmen sowie durch Bayern und Sachsen, um wertvolle Steine und Münzen zu sammeln. Im Selbststudium bildet er sich zu einem anerkannten Mineralogen aus, der mit Fachgelehrten korrespondiert. In seinem Scharfrichterhaus in Eger empfängt er vornehme Kurgäste, die seine Schätze bewundern. Zu ihnen gehört auch Johann Wolfgang von Goethe, der während seiner Kuraufenthalte in Karlsbad oder Marienbad insgesamt sechs Mal nach Eger kommt, um sich mit dem „vortrefflichen Huß“ auszutauschen. Er lädt ihn nach Weimar ein und lässt sich von Huß bei der Ausgestaltung seines Weimarer Kabinetts beraten. Huß schenkt ihm einen sehr wertvollen schwarzen Diamant, einen sogenannten Augit.

In etwa 25 Kilometer Entfernung von Eger liegt Schloss Königswart (Kynžvart), damals im Besitz der Familie Metternich. Das Schloss ist ein beliebter Treffpunkt für die adelige Gesellschaft. Metternich berichtet, dass an schönen Tagen dreißig bis vierzig Kutschen vorfahren. Karl Huß, auf der Suche nach einer ruhigen Tätigkeit für seinen Lebensabend, kennt den Fürsten als einen leidenschaftlichen Sammler. Als der verfemte Außenseiter dem mächtigen Staatsmann begegnet, bietet er ihm seine Sammlung an. Im Gegenzug gewährt ihm Metternich bis an sein Lebensende eine Leibrente von 300 Gulden und stellt ihn als Kustos seiner umfangreichen Sammlungen in Königswart ein.

Ausgerechnet der damals einflussreichste Politiker in Europa – der mit polizeistaatlichen Mitteln die alte ständische Ordnung retten will und den die bürgerlich Liberalen einen „Henker der Freiheit“ nennen – verhilft dem Geächteten dazu, die Grenzen seines Standes zu überwinden und seinen Traum vom gesellschaftlichen Aufstieg zu verwirklichen. Als Kustos und Verwalter der Metternichschen Sammlungen hat Huß endgültig sein Lebensziel erreicht. Im Schloss speist er an der Seite des Oberamtmannes und lässt sich von den Besuchern als „großfürstlicher Kustos“ ansprechen. Seine Sammlungen sind noch heute im Schloss Königswart zu besichtigen.

Hazel Rosenstrauch: Karl Huß, der empfindsame Henker. Verlag: Matthes & Seitz Berlin 2012, 175 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-88221-982-1



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