Das Deutsch der Tschechen

Das Deutsch der Tschechen

Mischsprachen beschäftig(t)en Zuwanderer, Literaten – und gerade auch Sprachwissenschaftler

12. 3. 2015 - Text: Klaus HanischText: Klaus Hanisch; Foto: Heinz Rühmann verkörperte 1960 den „braven Soldaten Schwejk“. Der Film war zwei Jahre später für den Golden Globe nominiert./CCC Filmproduktion

Nur Kenner würden bemerken, dass er in seinen ersten Tonfilmen viel mehr „geböhmakelt“ habe als in späteren Jahren, erklärte der Wiener Volksschauspieler Hans Moser (1880–1964) im Rückblick auf seine Karriere. Allerdings kannte Moser in den Zwischenkriegsjahren praktisch jeder. In Wien wurde es Mode, ihn nachzuahmen. Bei einem Faschingsfest um 1930 gab es sogar einen Wettbewerb, um die drei besten Moser-Imitationen zu küren. Hans Moser besuchte dieses Fest und kam zu dem Entschluss, selbst daran teilzunehmen. Keiner erkannte ihn, denn er war maskiert wie alle anderen. Am Ende gewann Moser lediglich den dritten Preis.

Diese Anekdote überlieferte Friedrich Torberg (1908–1979) in seinem Buch „Die Erben der Tante Jolesch“. Das „Böhmakeln“ war eine Mischung aus Deutsch und Tschechisch. Und sie war nicht die einzige. Man sprach auch ein „Kucheldeutsch“. Oder ein „Mauscheldeutsch“. Daneben gab es noch ein spezielles „Prager Deutsch“.

Die versunkene Welt dieser historischen Mischsprachen wird gerade wieder lebendig. Auslöser dafür ist ein deutsch-tschechisch-österreichisches Forschungsprojekt. Seit September 2013 untersuchen Sprachwissenschaftler speziell das „Böhmakeln“. Eigentlich sollte ihr Projekt schon abgeschlossen sein, wurde nun aber bis September 2015 verlängert.

Licht in den Sprach-Wirrwarr
In Texten zum „Böhmakeln“ fand Peter Wehle (1914–1986), Kabarettist und promovierter Germanist aus Wien, im Jahr 1980 das Wort „Kuchl“ für „Küche“. Ein klassisches Beispiel für die Mischsprache war laut Wehle der Dialog: „Wo seins denn? – Na, wo wer ich schon bin? In Kuchl“.

Oder sagte man „Kiche“ für „Küche“, wenn „geböhmakelt“ wurde? Dies vermeldete jedenfalls die Uni Bamberg in einer Pressemitteilung zum „Böhmakeln“ im März 2014: „Gerundete Vokale wie ö oder ü wurden entrundet: aus ,möchte‘ wurde ,mecht‘, aus ,Küche‘ wurde ,Kiche‘“.

In jedem Fall war das „Böhmakeln“ eine „Sprachtönung, der immer ein wenig Küchengeruch zu entströmen schien“, wie der Schriftsteller Torberg anmerkte. In seinem Aufsatz „Als noch geböhmakelt wurde“ forderte er im Jahre 1971: „Es wäre hoch an der Zeit, dass ein Sprachforscher sich der noch vorhandenen Restbestände annimmt, ehe sie aus dem Farbspektrum der Umgangssprache endgültig verschwinden.“ Denn schon damals ließ sich das „Böhmakeln“ laut Torberg „nur noch auf der Basis eines historischen Rückblicks erfassen.“ Jetzt, mehr als 40 Jahre später, wollen die Bamberger Linguisten Professor Helmut Glück und Dr. Bettina Morcinek Licht in den Sprach-Wirrwarr bringen. Dabei werden sie von den Germanisten Dr. Karsten Rinas und Veronika Opletalová von der Palacký-Universität Olomouc unterstützt. „Sie forschen speziell in der tschechischen Literatur, ob ,Böhmakeln‘ auch in tschechischen Romanen oder solchen des Grenzlandes vorkam“, so Morcinek.  

Die Wissenschaftler wollen das „Böhmakeln“ zudem möglichst exakt vom „Prager Deutsch“ abgrenzen. „Es galt als das beste Deutsch in der österreichisch-ungarischen Monarchie“, schrieb einst der böhmische Germanist Emil Skála (1928–2005). „Und es wurde vor allem von der damaligen ,Prager Zeitung‘ gepflegt“, ergänzt Professor Glück.

Das Besondere daran war laut Skála, dass genormte Schriftsprache genau verwendet und sehr speziell ausgesprochen wurde. Ein Kennzeichen war laut Torberg, dass jedes „S“ am Wortanfang verschärft wurde: „Die Ssonne ßinkt“. Oder Sätze bezüglich des Frühstücks so lauteten: „Was schmieren Sie Ihrer um zehn?“  

In seinem Buch „Die Abenteuer in Prag“ mokierte sich Egon Erwin Kisch (1885–1948) über das sogenannte „Kleinseitner Deutsch“: Die Betonung der ersten Silbe oder weiche Konsonanten, die zu harten wurden. Etwa im Satz: „Tie gleine Kretl wißte kern“. Dieses „Deutsch“ hänge ein Prager immer einem anderen Prager an, „wenn er ihm vorwerfen wolle, dass er pragerisch spreche“, spottete Kisch.

Fließende Übergänge
Emil Skála zeichnete nach, dass die Anfänge eines „gesprochenen, jedoch nicht überlieferten Prager Deutsch“ bis ins 11. Jahrhundert zurückreichen. Eine entscheidende Phase dafür war das 19. Jahrhundert, als Prag mit seiner Industrialisierung viele Arbeiter aus tschechischsprachigen Gebieten anzog. Dadurch entwickelten sich mehrere Jargons.

Etwa das „Kucheldeutsch“ (Deutsch mit phonetischen Elementen und Lehnwörtern aus dem Tschechischen), das Tschechen mit ihren deutschen Herrschaften sprachen. Oder das „Kuchelböhmisch“ (Tschechisch mit deutschen Lehnwörtern). Und das „Mauscheldeutsch“, ein Gemisch aus deutscher Schriftsprache und dem Jiddisch des Prager Ghettos, das der Philosoph und Schriftsteller Fritz Mauthner (1849–1923) vor allem von Juden hörte, wie er sich im Buch über seine „Prager Jugendjahre“ erinnerte.

„Zuweilen sind die Übergänge zwischen den Mischsprachen fließend“, erläutert Professor Glück. Entscheidend für ihn und die anderen Forscher sind die Städte, in denen man sie nutzte: In Prag wurde „Kucheldeutsch“ gesprochen und in Wien „geböhmakelt“. Es entstand dort, als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unzählige Böhmen wegen einer Agrarkrise zuhause und als Arbeitskräfte ins Zentrum der Donaumonarchie auswanderten. Deshalb werden die deutschen und tschechischen Forscher von Wiener Fachleuten unterstützt, den Professoren Dr. Hans Haider und Dr. Hilde Haider-Pregler.
Die Zuwanderer machten Wien zur zweitgrößten tschechischen Stadt nach Prag. Nach einer Volkszählung lebten dort um 1900 rund 1,6 Millionen Menschen, von denen sich 102.974 Personen offiziell zu Tschechisch als Umgangssprache bekannten. Da dieser Begriff nicht klar definiert war, schätzte man die wahre Zahl der Tschechen jedoch auf etwa 250.000 bis 300.000.

Altbekannte Klischees
„Sie konnten meist kein Deutsch, mussten sich im deutschsprachigen Wien aber irgendwie zurechtfinden“, so Professor Glück. Ihre Sprachkenntnisse erwarben sie im täglichen Umgang mit deutschsprachigen Arbeitgebern und Kollegen, von denen die Tschechen Wörter und Redewendungen aufschnappten. Oder sie lauschten Plaudereien ihrer österreichischen Nachbarn auf der Straße. Somit eigneten sie sich die deutsche Sprache vom Hörensagen an – und dies war für sie das Wienerische. Wo Wörter fehlten, füllten sie die Lücken mit ihrer Sprache. Daraus entwickelte sich diese eigene Sprechart namens „Böhmakeln“.

Deutsch-Kenntnisse benötigten sie auch, weil ihre Dienstherren Anweisungen in deutscher Sprache gaben. Viele Tschechen arbeiteten als sogenannte „Ziegelböhmen“ in Ziegeleien und Schmieden, ebenso als Schuster, Schneider oder in anderen Handwerksberufen. Und Frauen suchten sich Jobs als Dienst- und Stubenmädchen, Kinderfrauen und Köchinnen.
„Uns geht es gerade um die Mischsprache im einfachen Volk, also in den unteren sozialen Schichten“, beschreibt Helmut Glück sein Forschungsobjekt. Sie vermischten ihr Deutsch nicht nur unterschiedlich stark mit Wörtern aus ihrer Sprache, sondern bildeten auch ihre Sätze oft so, wie sie aus dem Tschechischen gewohnt waren. Das Tschechische beeinflusste umgekehrt auch die Wiener Umgangssprache. Wörter mit tschechischem Ursprung wie „flaška“ (Flasche) oder „smakovat“ (schmecken) gehen auch Wienern von der Zunge. Deshalb forderte der Schriftsteller Pavel Kohout in den 1980er Jahren, dass analog zum „Prager Deutsch“ ein „Wiener Tschechisch“ anerkannt werden sollte.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges kehrten viele Tschechen in die neue Tschechoslowakei zurück. Wer blieb, assimilierte sich rasch. Die eigentlichen Träger des „Böhmakelns“ verschwanden und die Mischsprache wurde historisch.
Allerdings gibt es noch Texte darüber. Und Hörbelege in alten Filmen und Tonaufnahmen. Bei einem Projekttreffen in der Wiener Hofburg analysierten die Forscher eine Szene aus dem Stück „Eisenbahnheirathen“ (1843) von Johann Nestroy (1801–1862). Denn sie fanden heraus, dass Wiener Volksdichter gerne das „Böhmakeln“ in ihren Stücken verwendeten, um bestimmte Figuren als Tschechen zu charakterisieren.

Dabei griffen die Komponisten altbekannte Klischees auf: Tschechen waren demnach besonders musikalisch, liebten gutes Essen und hatten ein rundes Gesicht mit einer breiten Nase. Zudem „galten der ,Böhm‘ und seine Ausdrucksweise seit jeher als etwas Komisches oder gar Lächerliches“, so Torberg.

Böhme als Witzfigur
So wurde die tschechisch-deutsche Mischsprache auf den Bühnen Wiens noch gesprochen, als die Tschechen die Stadt schon wieder verlassen hatten. „Das ,Böhmakeln‘ wurde oft von österreichischen Kabarettisten imitiert“, erklärt Professor Glück. Künstler versuchten, eine komische Wirkung zu erzielen, indem sie die Böhmen als Witzfigur karikierten. Manchmal in spöttisch-zärtlicher, manchmal aber auch bösartiger Manier. Das „Böhmakeln“ erfüllte damit für Torberg „die gleiche Funktion wie im Deutschen das Sächseln.“

Auch in Leipziger Archiven entdeckten die Forscher Musikstücke und Operettenliedern, in denen kräftig „geböhmakelt“ wurde. Dort stieß Dr. Bettina Morcinek auf einen kaum noch bekannten Österreicher namens Richard Waldemar (1869–1946). „Bis in die 1920er Jahre gab es Couplets und Schauspiele, in denen etwa eine böhmische Köchin singt“, erläutern die Bamberger Wissenschaftler. Aus dem „Böhmakeln“ wurde im doppelten Sinn des Wortes eine Kunstsprache. Doch für Friedrich Torberg existierte schon lange vor allen Forschungsanstrengungen ein „Monument“ dafür: die Übersetzung des „braven Soldaten Schwejk“ aus dem Tschechischen durch Grete Reiner. „Sie glaubte den Schwejk ins Deutsche übersetzt zu haben, stattdessen hat sie etwas völlig Einmaliges geschaffen“, so Torberg. Reiner habe das „Böhmakeln“ in der Literatur verankert und ihm „für alle Zeiten einen paradigmatischen Fortbestand gesichert.“

Tatsächlich gab es für deutschsprachige Leser über Jahrzehnte nur diese Übersetzung, was Kurt Tucholsky (1890–1935) bedauerte. Ihm missfiel im Gegensatz zu Torberg gerade Reiners veraltete Sprache und das „Böhmakeln“, weil es zwar lustig wirke, aber nicht dem Originaltext entsprochen habe. Das sieht auch Antonín Brousek so, der jüngst eine neue deutsche Version des Romans von Jaroslav Hašek (1883–1923) schrieb. Brousek beklagt zudem, dass die Deutschen den „Schwejk“ weniger mit dem Buch als mit Filmen verbinden, in denen der Titelheld oft zu einer Comic-Figur verkomme. Und mit Heinz Rühmann (1902–1994), obwohl er am allerwenigsten die Romanfigur verkörpert hätte.

Für viele war der österreichische Schauspieler Fritz Muliar (1919–2009) der Idealtypus des „Schwejk, Josef“. Auch, weil er besonders gut „böhmakeln“ konnte. Deshalb wurde Muliar angeblich gebeten, Heinz Rühmann vor dessen Rolle als „Schwejk“ zu unterrichten, weil er das „Böhmakeln“ kaum beherrschte – und Muliar selbst in dieser Verfilmung von 1960 nur eine kleine Nebenrolle bekam: Boris, ein russischer Soldat.



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