Böhmische Dörfer
Interview

Böhmische Dörfer

Stereotype und Redewendungen können zur Belastung werden – auch für die deutsch-tschechischen Beziehungen

10. 8. 2021 - Interview: Klaus Hanisch, Titelbild: Štěpán Unar

Dr. Eva Hahn wurde in Prag geboren und promovierte an der London School of Economics and Political Science. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Historische Stereotypenforschung. Ihr Mann, Prof. Dr. Hans Henning Hahn, leitet eine „Arbeitsstelle Historische Stereotypenforschung“ an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg.

PZ: Zum EU-Beitritt Tschechiens vor knapp 20 Jahren schrieb die Frankfurter Rundschau: „Schwejk zieht in die Welt hinaus“. Jeder Tscheche ein Schwejk – ist dies das häufigste Stereotyp von Deutschen gegenüber Tschechen?
Dr. Eva Hahn: Das widerspricht meiner Erfahrung nach einem halben Jahrhundert als Tschechin in Deutschland. Wer in Deutschland kennt schon noch die Figur des „braven Soldaten Schwejk“? Er wurde zum populären deutschen Stereotyp der Tschechen, als die Deutschen zwischen den 1920er und 1960er Jahren dem Militarismus huldigten oder dessen Gegner waren. Davor wurden Tschechen oft mit der Figur des „Wenzel“ karikiert, einem bäuerlichen Charakter, der es auf Deutsche abgesehen hatte und meist mit einem Löwen zur Seite versuchte, deren politische Bestrebungen abzuwehren. Nationale Stereotype erlebten ihre „große Zeit“ im 19. und 20. Jahrhundert. Heute bewegen solche Fragen die deutsche Gesellschaft kaum noch. Im deutschen Horizont spielen die kleineren europäischen Nationen eine weitaus geringere Rolle, über Tschechien berichten die meisten deutschen Medien weniger als früher. Vor allem lernen mehr Deutsche den Alltag des Nachbarlandes aus eigenen Erfahrungen kennen.

Sind die Deutschen deshalb gegenüber Tschechen weniger voreingenommen als früher?
Das kann man nicht sagen. So ist in der deutschen Sprache nach wie vor die Redewendung von den „böhmischen Dörfern“ fixiert, als von „etwas Unverständlichem“. Solch eine Redewendung fördert kaum die Lust, sich um Verständigung mit Tschechen zu bemühen. Sie kann sogar zur Belastung werden, weil sie die Haltung nährt, dass es keinen Sinn habe, mit Tschechen zu diskutieren, da sie eh nichts verstehen würden. Allerdings sind die deutsch-tschechischen Beziehungen heute weitgehend unbelastet von Stereotypen, dank der relativ unproblematischen politischen Beziehungen in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren.

Und wie ist es umgekehrt, welches Stereotyp tragen Tschechen gegenüber Deutschen im Herzen?
Die Nachbarschaft zum größten sowie wirtschaftlich und politisch stärksten Staat der EU zwingt die Tschechen dazu, sich permanent für Entwicklungen in Deutschland zu interessieren und dazu Stellung zu beziehen. Diese Intensität hat eine ständig gelebte Meinungsvielfalt zur Folge, und deswegen spalten die Deutschland-Bilder nach wie vor die tschechische Gesellschaft. Das war schon immer so und wird wohl auch so bleiben. Im Tschechischen sind abwertende Bezeichnungen der Deutschen wie prušák [Preuße], skopčák oder sudeťák vorhanden. Doch pauschalisierende Aussagen über tschechische Haltungen gegenüber Deutschen sind heute unzutreffend. Spätestens als die Bundesregierung unter Gerhard Schröder im Jahr 2004 verdeutlichte, dass sie keine vermögensrechtlichen Forderungen gegenüber Polen und Tschechien unterstützen werde, beruhigten sich die zwischenstaatlichen Beziehungen schlagartig – Stereotypen hin oder her. Die deutsch-tschechischen Konflikte verschwanden aus den Schlagzeilen tschechischer Medien und machten Platz für eine lockere Vielfalt von unterschiedlichen Einstellungen zu tagespolitischen Entscheidungen deutscher Politiker.

„Königin Europa“ aus Sebastian Münsters „Cosmographia“ (1544)

Comenius schrieb im 17. Jahrhundert: Das Paradies der Erde ist Europa, das Herz Europas ist Deutschland und Deutschlands Herz ist Böhmen. Ist das ein Beispiel für ein Stereotyp, welches das Verhältnis von Tschechen und Deutschen frühzeitig geprägt hat?
Zu Lebzeit von Comenius waren kartographische Darstellungen von Europa als „Regina“ populär, mit dem Bild unseres Kontinents in Gestalt einer Frau. Ihr Herz lag im Königreich Böhmen, während ihre Brust als Germania bezeichnet wurde. Vor diesem Hintergrund können wir seine Worte verstehen, obwohl er sie im Exil schrieb, aus seinem eigenen Land vertrieben war und unermüdlich gegen dessen Eroberung durch die Habsburger kämpfte. Mit ethnischen Unterschieden zwischen Deutschen und Tschechen hatte das nichts zu tun. Im 19. und 20. Jahrhundert kam jedoch dem Bild der böhmischen Kronländer, also etwa des heutigen Tschechiens, als „Herzland Germaniens“ eine verheerende politische Bedeutung zu. Böhmen wurde nicht mehr als ein Land wahrgenommen, wo Tschechen und Deutsche zusammenlebten. Das historische Erbe vergangener Jahrhunderte wurde zum „deutschen“ Erbe stilisiert. Vor diesem Hintergrund ist nicht überraschend, dass die 1918 entstandene liberaldemokratische Tschechoslowakische Republik von vielen Deutschen nicht verstanden, generationenlang propagandistisch bekämpft und vom NS-Regime zerschlagen wurde. Ein anschauliches Beispiel dafür, wie tückisch sich eigentlich harmlose Redewendungen zu Stereotypen mit verheerenden Auswirkungen verwandeln können.

Haben sich deutsche Stereotype hinsichtlich der Tschechen nach dem Krieg verändert?
Nur in akuten Konfliktlagen machen sich noch Stereotype der Tschechen als vermeintlich vom Kommunismus geschädigte unbelehrbare Nationalisten mit einem mangelhaften Verständnis von „westlichen“ Werten bemerkbar. Dabei ergibt sich eine Kontinuität zu den Stereotypen von den Deutschen als kulturell überlegene Nation und von den Tschechen als einer kulturell minderwertigeren Nation. Gleichzeitig handelt es sich aber um keine spezifischen Tschechen-Stereotypen, sondern um Respektlosigkeit gegenüber all jenen Nationen, die einst in kommunistischen Diktaturen lebten, ehemalige DDR-Bürger nicht ausgenommen. Aus der Perspektive der historischen Stereotypenforschung ist dies zwar bedauerlich, aber nach meiner Einschätzung nur eine vorübergehende Erscheinung. Nämlich solange die kommunistischen Diktaturen des einstigen Ostblocks und der Begriff „Kommunismus“ noch in lebhafter Erinnerung sind und zu negativen zentralen politischen Orientierungspfeilern stilisiert werden.

Erhaltener Grenzzaun bei Čížov

Was genau ist ein Stereotyp – in Abgrenzung zu einem Vorurteil oder Klischee?
Die moderne Stereotypenforschung entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant, und diese drei Begriffe werden unter Wissenschaftlern unterschiedlich definiert. Für mich kennzeichnen „Vorurteile“ individuelle geistige Haltungen und „Stereotype“ gefestigte Redewendungen, die zur öffentlichen Kommunikation über diverse Gruppen verwendet werden. Unter dem Begriff „Klischee“ verstehe ich abgenutzte schablonenhafte Redewendungen aller Art. Stereotypen werden oft von Menschen unbewusst und unreflektiert verwendet, weil es sich um gängige klischeehafte Redewendungen handelt.

Wie entstehen Stereotype und warum halten sie sich oft lange?
Stereotype als Gruppenbeschreibungen begleiten wohl die gesamte Geschichte der Menschheit. Denn man kann annehmen, dass alle Gruppen sich selbst in anderen Perspektiven wahrnehmen als Fremde oder gar Feinde. Aus der historischen Perspektive weisen Stereotype lange Kontinuitäten auf, unterliegen aber zeitbedingten „Modernisierungen“. Viele Beispiele erinnern daran, dass keineswegs erst der moderne Nationalismus, Faschismus oder Nationalsozialismus die Ursachen für gegenwärtig kursierende Stereotype sind, wie heute oft zu hören ist. Es ist falsch, Stereotype als Ausdruck individueller Eigenschaften menschlicher Psyche oder simpler politischer Interessen aufzufassen. Stereotype sind langlebig, aber Menschen können auch rasch ihre Wirkungskraft beeinflussen.

Moritz Hartmann sagte 1848 in der Frankfurter Nationalversammlung, dass es Deutschlands Pflicht sei, die Slawen nicht so weit vorrücken und in Böhmen Fuß fassen zu lassen. Böhmen sei ein Keil, eingetrieben in die deutsche Eiche, um sie zu spalten. Haben neben historischen Ereignissen auch solche Stereotype verhindert, dass sich die deutsch-tschechischen Beziehungen über Jahrzehnte normal entwickelt haben?
Ein weiteres gutes Beispiel für die Langlebigkeit von Stereotypen. Das Keil-Bild von Moritz Hartmann ist über Generationen nicht in Vergessenheit geraten. Selbstverständlich belasteten derartige rhetorische Kontinuitäten die deutschen Wahrnehmungen der Tschechen und der deutsch-tschechischen Beziehungen. Aber Worte allein reichen nicht aus, um Feindseligkeiten und Kriege zwischen Menschen herbeizuführen. Sowohl Tschechen als auch Deutsche, die in den böhmischen Ländern jahrhundertelang zusammengelebt haben, bildeten stets sehr vielfältige Gesellschaften mit allerlei kulturellen, religiösen und politischen Gruppierungen, die derartigen Stereotypen nicht immer nur huldigten, sondern auf alle Ereignisse und Konfliktlagen unterschiedlich reagierten. So gab es auch gleichzeitig das Stereotyp von den Tschechen als einer „Brücke“ zwischen den Deutschen und Slawen – das sich allerdings im politischen Leben nicht durchsetzte. Zu antagonisierenden Stereotypen mussten politisch wirksame Haltungen und Handlungen kommen, damit sich Konflikte um die Tschechoslowakei soweit zuspitzten wie in den Jahren 1938 bis 1948. Dennoch hatten selbst in jener Zeit viele Tschechen und viele Deutsche keine Schwierigkeiten im Umgang miteinander. Daher muss man nicht nur Stereotype sorgfältig beachten, sondern stets auch ihre Wirkung in politischen Kontexten.

Alte und neue Straßennamen (Prager Kleinseite) | © APZ

Oft werden Stereotype als rhetorische Machtmittel genutzt, etwa unter den Nazis. Kann man daher vermuten, dass es selten einen Austausch von Stereotypen gibt und sie kaum durch andere ersetzt werden?
Denken Sie keineswegs nur an die Nazis, wenn es um Stereotype geht. Als ich in einer Studie deutsche Stereotype mit den in Großbritannien im 20. Jahrhundert populären Tschechen-Stereotypen verglichen habe, wurde ich sehr überrascht. Es stellte sich heraus, dass sie sich in vielerlei Hinsicht ähnelten. So behauptete etwa im Jahre 1937 der berühmte Historiker Arnold J. Toynbee in der bis heute angesehenen Zeitschrift The Economist, dass Tschechen „Underdogs“ seien, und nicht fähig, sich selbst zu regieren. Dies war in Großbritannien kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ein populäres Stereotyp, mit dessen Hilfe die Regierung 1938 die Zerschlagung der Tschechoslowakei durch das Münchner Abkommen zu rechtfertigen versuchte. Nach der britischen Kriegserklärung an Deutschland wurden dagegen von denselben Politikern und Publizisten in denselben Medien die Tschechoslowakei sowie die tschechische Nation in den höchsten Lobestönen als Verbündete und Demokraten bejubelt. Der politischen Instrumentalisierung von Stereotypen begegnen wir stets und überall, bei Weitem nicht nur bei den Nazis.

Kommen Stereotype auch in Mode, je nach Zeitgeist?
Stereotype sind zwar langlebig, doch sie haben kein eigenes Leben. Es sind Menschen, die ihnen zur Wirkung verhelfen. Dabei spielt nicht Zeitgeist, sondern die Politik die entscheidende Triebkraft. Versöhnliche Politik wirkt sich mildernd aus, indem sie sich nicht denunziatorischer und antagonisierender Stereotypen bedient. Denen bietet wiederum konfrontative Politik den besten Nährboden.

Lassen sich Stereotype auch beseitigen, kann man etwas dagegen tun?
Stereotype können Menschen auf Irrwege führen, aber sie müssen ihre Beziehungen nicht belasten. Es kommt nur auf den umsichtigen Umgang mit unseren Vorurteilen und Stereotypen an. Wenn Kinder sprechen lernen, werden ihnen bereits tradierte vorgefertigte Bilder von der Welt vermittelt – lange bevor sie eigene Informationen suchen und Erfahrungen machen können. Deswegen kommt es darauf an, wie jeder mit erlernten Stereotypen umgeht und in welcher Umwelt er lebt.

Wofür werden sie heute hauptsächlich verwendet?
Heute könnte man annehmen, dass Bestrebungen um „Political Correctness“ in öffentlichen Reden den tradierten verunglimpfenden Stereotypen entgegenwirken. Tatsächlich führt Political Correctness jedoch nicht selten zu einem Aufschwung altneuer denunziatorischer Stereotype in der politischen Arena. Denken Sie nur an Worte wie Establishment, Altparteien, Rechtspopulist, Rassist, Verschwörungstheoretiker. Ebenso Stereotype wie alter weißer Mann, die Abgehängten bzw. Verlierer der Globalisierung, Grüne Öko-Mullahs, Putins Trolle, rechte Trolle oder linke Trolle. Oder allerlei politische Kampfbegriffe wie Linke Blase, Antifa, Nazis, Nationalist, Faschist, Sexist, Feministin, Klimaleugner – allesamt plakative Gruppenbezeichnungen mit nicht gerade schmeichelhaften Fremdzuschreibungen. Sie wirken im öffentlichen Raum wie verbale Keulen, und mit ihnen wird allerorts hantiert. Manche Regierungen versuchen sogar, ganze Staaten als „falsches Regime“ abzustempeln und aus der internationalen Gemeinschaft auszugrenzen, je nachdem wer dort gerade regiert.

Kommt einem alles sehr bekannt und aktuell vor. Sind Stereotype gerade wieder groß in Mode?
Wir sind im Augenblick tatsächlich erneut Zeugen eines wahren Stereotypen-Booms. Historische Stereotypenforschung kann sowohl auf harmlose rhetorische Gepflogenheiten aufmerksam machen wie vor gefährlichen Abwegen warnen – und gerade das ist für mich heute wieder ein äußerst aktuelles Thema.