Banal bis gefährlich

Banal bis gefährlich

Eine Ausstellung im Rudolfinum zeigt sechs Projekte von Taryn Simon, eine der wichtigsten Fotokünstlerinnen der Gegenwart

1. 6. 2016 - Text: Josef FüllenbachText: Josef Füllenbach; Fotos: Taryn Simon. Courtesy Gagosian Gallery

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In der Galerie Rudolfinum macht der Kurator Michal Nanoru das Publikum nach der Ausstellung „Only the Good Ones“ von Anfang 2014 zum zweiten Mal mit Entwicklungen in der modernen Fotografie bekannt. Diesmal allerdings sind nicht wie vor zwei Jahren die Werke einer Vielzahl von Autoren zu sehen, sondern die Ausstellung bietet die in Europa bislang umfangreichste Werkschau der amerikanischen Fotokünstlerin Taryn Simon. Die 1975 in New York geborene und dort lebende Künstlerin hat mit ihren Bildern in den bedeutendsten Galerien Erfolge feiern können, zum Beispiel durch Ausstellungen im New Yorker Metropolitan Museum of Art, in der Berliner Neuen Nationalgalerie, im Londoner Tate Modern, im Pariser Jeau de Paume und zahlreichen anderen. Viele der großen Museen haben Werke von Simon in ihre öffentlichen Sammlungen aufgenommen.

International bekannt wurde Taryn Simon 2000 mit ihrem Werk „The Innocents“ (Die Unschuldigen). Diese von der Guggenheim-Stiftung geförderte Arbeit lässt schon alle wesentlichen Elemente der Arbeitsweise erkennen, für die sie inzwischen berühmt geworden ist: extensive Recherche, Reisen, Interviews, umfangreiche Material­sammlungen, Ausnutzung aller technischen Möglichkeiten der Fotografie. In selbstironischer Übertreibung hat sie einmal gesagt: „99 Prozent Schweiß (‚perspiration’), ein Prozent Inspiration.“ Am Ende des Prozesses stehen viele Fotografien – manchmal hunderte, es können auch tausend sein –, die in einen thematischen Zusammenhang gehören und mit deren Klassifizierung, Anordnung und Beschriftung die Autorin danach zu streben scheint, eine in Unordnung geratene Welt wieder auf die Füße zu stellen.

Für „The Innocents“ fotografierte Simon zu Unrecht wegen Kapitalverbrechen angeklagte und verurteilte Häftlinge, nachdem ihre Unschuld durch DNA-Analysen ans Licht gekommen war. Und in allen Fällen war die Identifizierung der angeblichen Täter anhand von Fotos erfolgt, die den Geschädigten oder Augenzeugen vorgelegt worden waren. „Nirgends sind die tatsächlichen Folgen der Missachtung des Kontexts, in dem ein Foto entsteht, so eingreifend wie bei der Fehlidentifizierung, die zur Einkerkerung oder Exekution einer unschuldigen Person führt.“ Und deshalb, so Simon, „fotografierte ich jeden Unschuldigen an einem Ort, der im Verlauf seiner Verurteilung eine besondere Bedeutung erlangte: am Schauplatz der Fehlidentifizierung oder der Haft, am Ort des Alibis oder des Verbrechens. (…) Die fälschlich Verurteilten in dieser Umgebung zu fotografieren fördert die Beziehung zwischen Wahrheit und Fiktion, zwischen Effizienz und Ungerechtigkeit zu Tage.“

Lizenz zum Töten
Die Ausstellung im Rudolfinum zeigt sechs Projekte aus Simons Schaffen zwischen 2007 und 2014, mit denen sie ihren Ruf als außerordentlich einfallsreiche, ambitiöse und hart arbeitende Künstlerin international gefestigt hat. Den wenigsten dürfte bekannt sein, dass Ian Fleming, ein leidenschaftlicher Beobachter von Vögeln, seinen berühmtesten Romanhelden nach dem amerikanischen Ornithologen und Autor des Buches „Birds of the West Indies“ James Bond taufte.

Taryn Simon nahm dies zum Anlass, sozusagen den Spieß umzudrehen und in den insgesamt 24 James-Bond-Filmen alle Vögel zu identifizieren und abzulichten, die dort zufällig auftauchen, ohne mit dem Geschehen in irgendeinem Zusammenhang zu stehen. Auf diese Weise entstanden 331 kleinformatige Fotos, auf denen die einzelnen Vögel manchmal nur schemenhaft zu erkennen sind. Simon ordnete die Bilder in großen Rahmen so einander zu, dass jeder dieser Rahmen alle Vogel-Schnappschüsse ver­sammelt, die bei den Dreharbeiten der James-Bond-Serie in einem bestimmten Land entstanden sind.

Mit der Installation „Field Guide to Birds of the West Indies“ von 2014 richtet sie die Aufmerksamkeit auf Randerscheinungen, auf das Unbedeutende, Zufällige, in aller Regel Unbeachtete – aber andererseits auf das, was alle diese Filme mit ihrem Namensgeber verbindet. Kurator Nanoru spricht gar von der „Analogie zwischen James Bond, dem mit einer Lizenz zum Töten ausgestatteten Agenten, und dem Ornithologen James Bond mit einer Lizenz, drei Monate lang auf den Inseln Trinidad und Tobago Vögel zu töten und zu sammeln.“

„Exploding Warhead“ aus „An American Index of the Hidden and Unfamiliar“

Ein weiteres Projekt, das im Rudolfinum zu sehen ist, trägt den Titel „Contraband“. Rückblickend beschrieb Simon es so: „Normalerweise mache ich mir für meine Projekte einen klaren Zeitplan, aber bei Schmuggelware wollte ich genau das Gegenteil tun: Es wurde ein Ausdauertest – eine Arbeitswoche ohne Schlaf. Ich habe den JFK-Flughafen nicht verlassen und alles dokumentiert, was der Zoll in dieser Zeit beschlagnahmt hat. Ich habe mit derselben Geschwindigkeit gearbeitet, mit der die Güter eintrafen – das war fast ein Performance-Stück.“

Unter den „Gütern“ befanden sich Waffen, Pflanzensamen, ausgestopfte exotische Tiere als Trophäen, gefälschte Markenware, kubanische Zigarren, Arzneimittel, DVD-Raubkopien und vieles andere mehr – alles auf insgesamt 1.075 Fotos penibel festgehalten, sortiert und in großen Rahmen ordentlich aufbereitet. So entstand ein Pan­optikum der unterschiedlichsten Dinge – von ganz banalen bis hin zu gefährlichen –, denen der Weg in die Vereinigten Staaten verwehrt wurde.

Ein Werk ganz anderer Machart ist der „Image Atlas“ im letzten Saal der Ausstellung. Hier verzichtet Simon, wie auch bei einigen anderen Werken , etwa der „Picture Collection“ oder ansatzweise bei den Vogelbildern, auf das eigene Fotografieren und arbeitet mit schon vorhandenen Bildern. Den „Image Atlas“ hat Simon 2012 in Zusammenarbeit mit dem Programmierer Aaron Swartz geschaffen: Auf einer großen Fläche werden auf der Basis lokaler Suchmaschinen aus bis zu 57 Ländern die jeweils häufigsten Bildresultate gezeigt, die nach der Eingabe von Suchworten im Internet erscheinen, und nebeneinander projiziert. Der Besucher kann über einen Rechner eigene Suchworte eingeben, um durch Vergleich der Ergebnisse, etwa beim Wort „Krieg“, der Subjektivität der angeblich so objektiven Suchmaschinen des Internets auf die Spur zu kommen.

Alle diese Projekte variieren das zentrale Thema der Künstlerin: die Kontextgebundenheit der Bilder, ihre Fähigkeit, Wahrheit und Fiktion zu verwischen. „Die Fotografie ist stets nur eine andere Entfernung, aus der man auf etwas schaut“, sagt Simon. Und Salman Rushdie schrieb im Vorwort zur Buchausgabe des Projekts „An American Index of the Hidden and Unfamiliar“: „In einer Zeit, in der viele Menschen tun, was sie können, um die Wahrheit vor den Massen zu verbergen, sind Künstler wie Taryn Simon ein unschätz­bares Gegengewicht. Demokratie braucht Sichtbarkeit, Verantwortung, Licht.“

Wer von der Fotoausstellung die glänzende Oberfläche der Werbefotografie oder Bilder von der Schönheit des Fotogenen erwartet, wird enttäuscht sein. Wer sich eine gesunde Skepsis gegenüber den medialen Verführungen bewahrt hat, wird das Rudolfinum mit Gewinn verlassen.

Taryn Simon, bis 10. Juli, Galerie Rudolfinum (Alšovo nábřeží 12, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr (donnerstags bis 20 Uhr), Eintritt: 120 CZK (erm. 70 CZK), www.galerierudolfinum.cz