Apotheken verzeichnen Rekordumsätze

Apotheken verzeichnen Rekordumsätze

Große Ketten verdrängen kleine Arzneimittelhändler – Regierung will mit Gesetzesnovelle Reexporte einschränken

17. 10. 2012 - Text: Friedrich GoedekingText: Gerit Schulze; Foto: Media Images

Das Geschäft mit Medikamenten läuft in Tschechien auch in wirtschaftlich schwachen Zeiten gut. So haben die Umsätze der Apotheken im vergangenen Jahr einen neuen Rekordwert erreicht. Dabei durchläuft die Branche einen Konsolidierungsprozess, bei dem große Ketten immer mehr Marktanteile gewinnen. Gleichzeitig bereitet die Regierung Gesetzesänderungen vor, um die Reexporte von Arzneimitteln einzuschränken. Diese sind bislang attraktiv, weil die Tabletten-Preise in Tschechien zu den niedrigsten in Europa gehören.

Trotz der aktuellen Konjunkturschwäche bleibt Tschechien ein wichtiger Absatzmarkt für Pharmaprodukte. Die Umsätze der Apotheken mit Arzneimitteln sind 2011 auf den Rekordwert von 64 Milliarden Kronen (etwa 2,6 Milliarden Euro) gestiegen. Das war nach Angaben des Amts für medizinische Information und Statistik (ÚZIS) ein Plus von 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Damit bleibt der Apothekensektor attraktiv für Investoren. Die Zahl der Verkaufsstellen hatte 2011 ebenfalls einen neuen Höchststand von 2.574 erreicht. Das waren 83 Apotheken mehr als ein Jahr zuvor. Eine Filiale versorgt dabei rund 3.900 Einwohner. Nach Berechnungen des ÚZIS erzielte eine Apotheke in Tschechien 2011 einen durchschnittlichen Jahresumsatz von 20,7 Millionen Kronen (840.000 Euro). Jedoch gibt es regional große Unterschiede: Während ein Prager Medikamentenverkäufer im Schnitt 25,6 Millionen Kronen Umsatz pro Jahr erlöst, erreichen seine Kollegen im Bezirk Liberec oder in Südböhmen nur rund 18 Millionen Kronen.

Nach Untersuchungen des Marktforschungsinstituts GfK Incoma besucht jeder Tscheche pro Jahr etwa 14 mal eine Apotheke. Bei jährlich ausgestellten 74 Millionen Rezepten kommen auf jeden Einwohner sieben Abholscheine, auf denen allerdings maximal zwei Arzneimittel verschrieben sein dürfen.

Mögliche Preissenkungen
Trotz der steigenden Zahl der Verkaufsstellen durchläuft Tschechiens Apothekensektor einen Konzentrationsprozess. Besonders die tschechisch-slowakische Investitionsgruppe Penta will dabei ihre dominante Marktposition ausbauen. Zu der Holding gehören bereits 212 „Dr. Max“-Apotheken. Im Sommer 2012 hat Penta außerdem den Kauf des Pharma-Großhändlers Gehe und der 55 Lloyds-Apotheken von der deutschen Celesio eingefädelt (Kaufpreis: 85 Millionen Euro). In den kommenden zwei Jahren will Penta insgesamt bis zu 500 Apotheken im Land betreiben.(Siehe auch: Marktführerschaft verfehlt).
Dabei soll auch eine aggressive Preispolitik helfen. Die Dr. Max-Kette plant, etwa 30 der meistverkauften Präparate künftig selbst produzieren zu lassen. Auf diese Weise könnten Zwischenhändler ausgeschaltet und die Preise gesenkt werden. Den Anfang machen nach Informationen der Tageszeitung „Hospodářské noviny“ die beiden Schmerzmittel Ibuprofen und Paracetamol. Dr. Max wird die Arzneimittel in Großbritannien produzieren lassen und dann unter eigener Marke verkaufen. Die Medikamente sollen ein Drittel günstiger als bisher angeboten werden.

Diese Aktion könnte die Konsolidierung im tschechischen Apothekensegment beschleunigen. Kleine und unabhängige Geschäfte werden dem Preisdruck nicht lange standhalten und die Ketten werden zunehmend den Markt beherrschen. Die von Dr. Max übernommene Lloyds war bislang der drittgrößte Anbieter im Land. Zweitgrößte Filialgruppe ist Benu mit rund 120 Verkaufsstellen. Sie gehört zum deutschen Pharmahändler Phoenix (Merckle Unternehmensgruppe).

Gegen Fälschungen
Für Pharmahändler und -hersteller könnten sich die Rahmenbedingungen in Tschechien ab 2013 ändern, denn die Regierung bereitet Änderungen am Arzneimittelgesetz vor. Damit sollen die EU-Normen für die systematische Überwachung der Sicherheit von Medikamenten (Pharmakovigilanz) erfüllt werden. Außerdem will Prag effektiver gegen Fälschungen vorgehen. Ein wichtiges Ziel der Novelle ist es, die Versorgung des Landes mit Medikamenten sicherzustellen. Denn bislang wird ein großer Teil der eingeführten Pharmaprodukte wieder reexportiert, weil damit gute Gewinne realisierbar sind.

Arzneimittel in Tschechien gehören dank eines rigiden Referenzpreissystems mit niedrigen Erstattungsbeträgen zu den billigsten in der EU. Für Pharmahändler ist es daher attraktiv, die Produkte in den Nachbarländern weiterzuverkaufen. Die Apotheken hatten zuletzt jedoch versichert, daran nicht beteiligt zu sein. Nach Angaben der Regulierungsbehörde für Arzneimittel (SÚKL) landen ein Fünftel der für den tschechischen Markt bestimmten Medikamente wieder im Ausland. Das führt bei manchen Produktgruppen zu Engpässen bei der Versorgung.

Durch die geplanten Gesetzesänderungen will das Gesundheitsministerium die Reexporte einschränken. Die Lieferpapiere für Medikamente sollen nun genaue Angaben darüber enthalten, ob das Präparat für den Apothekenverkauf oder für eine weitere Distribution bestimmt ist. Für Apotheken bestimmte Arzneimittel dürfen nur an Patienten verkauft werden und nicht ins Ausland.

Experten wie Tschechiens Pharmaverband CAFF kritisieren die niedrigen Erstattungen für Arzneimittel schon länger. Nach ihrer Auffassung werde dadurch die Entwicklung neuer Präparate im Land verhindert.

Der Autor ist Korrespondent von Germany Trade & Invest, der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing.



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