Alte und neue Wurzeln

Alte und neue Wurzeln

Die Bamberger Symphoniker feiern ihr 70-jähriges Jubiläum. Seinen Ursprung hat das deutsche Spitzenorchester in Prag

27. 9. 2016 - Text: Jan Nechanický, Titelbild: Andreas Herzau

Prag, 5. Mai 1945: In einem Konzertsaal probt gerade ein Orchester, doch plötzlich muss der Dirigent die Probe unterbrechen. Auf den Straßen sind Sirenen und Schüsse zu hören, es kommt zu Gefechten und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die Tschechen kämpfen gegen die deutschen Besatzer – der Prager Volksaufstand beginnt. Die Musiker werden wieder nach Hause geschickt. Die meisten von ihnen flüchten später in Richtung Westen.

Das Orchester, von dem die Rede ist, war das „Deutsche Philharmonische Orchester Prag“, der damals noch junge Dirigent Joseph Keilberth. Er wurde später zum ersten Chefdirigenten eines der gegenwärtig bedeutendsten deutschen Klangkörper – der Bamberger Symphoniker. Viele der aus Prag geflüchteten Musiker gründeten gemeinsam mit ihm das Bamberger Orchester.

Von Böhmen nach Franken
Den meisten Mitgliedern des deutschen Prager Orchesters gelang die Flucht, lediglich der damalige Konzertmeister kam ums Leben. Etwa 30 Musiker ließen sich im oberfränkischen Bamberg nieder. Hier gründeten sie zusammen mit ihren westdeutschen Kollegen das „Bamberger Tonkünstlerorchester“. Bereits im März 1946 fand das erste Konzert statt, auf dem Programm stand unter anderem Beethovens siebte Sinfonie.

Die Aufführung wurde von der Presse gefeiert – „Ein Orchester von Großstadtrang“ habe sich in der Stadt niedergelassen, hieß es in einer Rezension. Vier Jahre später folgte auch der ehemalige Prager Dirigent seinen Kollegen. Nach Inhaftierung und Zwangsarbeit gelangte Joseph Keilberth 1945 nach Dresden, wo er zum Oberleiter der Sächsischen Staatskapelle berufen wurde. Später wirkte er als leitender Kapellmeister der Staatskapelle Berlin. Im Jahr 1950 kam er nach Bamberg und traf auf viele bekannte Gesichter. Keilberth wurde zum ersten Chefdirigenten des Orchesters, das von nun an „Bamberger Symphoniker“ heißen sollte.

Der Konzertsaal ist einer der besten in Bayern.

Dass die Bamberger ein reines Flüchtlingsorchester seien, wie man mitunter liest, ist wohl eher eine Legende. Der Anteil der Prager Exilanten betrug nie mehr als die Hälfte des Ensembles. Dennoch sind die Bamberger ausgesprochen stolz auf ihren böhmischen Ursprung und sehen sich als Träger der böhmischen Klangtradition. Sie erkennen nicht nur das „Deutsche Philharmonische Orchester Prag“ als ihren Vorgänger an, sondern fühlen sich auch mit weiteren Prager Klangkörpern verbunden. Die Wurzeln der Bamberger Symphoniker sollen bis in das Jahr 1787 reichen, als im Prager Ständetheater Mozarts „Don Giovanni“ uraufgeführt wurde. Das Orchester, das die Oper unter Mozarts Leitung spielte, war ein Vorgänger des späteren, im Ständetheater wirkenden, Ensembles. Es versammelte viele namhafte Künstler an seinem Dirigentenpult und spielte nicht zuletzt auch unter der Leitung von Carl Maria von Weber. Später vergrößerte sich das Ensemble und wirkte als Opernorchester am Neuen Deutschen Theater in Prag, das in der heutigen Staatsoper seinen Sitz hatte. Auch hier arbeitete es mit bekannten Künstlern zusammen – zum Beispiel im Jahr 1908, als es unter der Leitung Gustav Mahlers dessen siebte Sinfonie uraufführte. Nach der deutschen Besatzung wurde das Orchester des Neuen Deutschen Theaters aufgelöst und in Reichenberg (Liberec) als „Sudetendeutsche Philharmonie“ neu zusammengestellt. Nur wenige Monate später gründete man es unter dem Namen „Deutsches Philharmonisches Orchester Prag“ in der Hauptstadt erneut. Hier wirkte das Orchester unter Keilberths Leitung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Böhmischer Klang und Mahler
Aber nicht nur ihre Geschichte verbindet die Bamberger mit Prag. Es ist vor allem der Klang, den das Orchester als „böhmisch“ beschreibt. Er sei warm und herzlich, ein Klang mit Pathos und Wehmut. Jonathan Nott, dessen Vertrag als Chefdirigent des Orchesters nun ausläuft, verbindet den Klang mit „böhmischem Musikantismus“, der auf Innigkeit und Pathos gerichtet ist. Ohne diesen könne man Mahler ohnehin nicht spielen, sagte er einmal im deutschen Fernsehen.

Gustav Mahler ist so etwas wie ein Vorzeigekomponist des Ensembles. Weltweit gelten die Bamberger Symphoniker als eines der besten Mahler-Orchester. Unter Nott spielten sie den kompletten Mahler-Zyklus ein und erhielten dafür mehrere Preise. Nach dem Komponisten ist auch der seit zwölf Jahren in Bamberg ausgetragene Wettbewerb für junge Dirigenten benannt.

Ein Orchester als Kulturbotschafter
Nach dem Krieg machten sich die Bamberger Symphoniker schnell über Franken hinaus einen Namen und avancierten zu einem gefragten Reise­orchester. Auch weil es den Ruf eines internationalen Flüchtlingsorchesters hatte, wurde das Ensemble oft ins Ausland eingeladen. So war es das erste deutsche Orchester, das nach dem Zweiten Weltkrieg Frankreich besuchte. Das Auswärtige Amt spannt die Bamberger gern als deutsche Kulturbotschafter ein. In den fünfziger Jahren traten sie etwa in Spanien, Portugal und Südamerika auf, später in der ganzen Welt.

Auch heute geben die Bamberger mehr als die Hälfte ihrer Konzerte außerhalb ihrer Heimatstadt. Noch ein weiterer Umstand macht das Ensemble und seine Heimstätte bemerkenswert. Dass eine Stadt mit nur 70.000 Einwohnern ein Spitzenorchester beherbergt, ist eine Rarität, die nicht nur in Deutschland, sondern weltweit kaum einen Vergleich findet.

In diesem Jahr schlagen die Bamberger Symphoniker wieder neue Wurzeln in ihre alte Heimat. Nach 16 Jahren verabschieden sie sich von ihrem Chefdirigenten Jonathan Nott und heißen den Tschechen Jakub Hrůša willkommen, dem mittlerweile fünften Chefdirigenten in der Geschichte des Orchesters.

Der Saisonauftakt mit Jakub Hrůša findet am Freitag, 30. September um 19.30 Uhr im Josef-Keilberth-Saal in der Konzerthalle Bamberg statt. Auf dem Programm stehen Werke von Edgard Varèse, Jan Václav Voříšek und Gustav Mahler.

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