Zwischen den Welten

Zwischen den Welten

Der junge vietnamesische Regisseur Duc Viet Duong beschäftigt sich mit der kulturellen Entwurzelung seiner Generation. Streetdance ist für ihn eine Form des stillen Protests gegen seine Eltern

20. 8. 2014 - Text: Eva FamullaText und Foto: Eva Famulla

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Als Duc Viet Duong die Straße heraufkommt, erkenne ich ihn sofort. Er lächelt flüchtig, wir geben uns die Hand. Duc ist 23, seine Freunde nennen ihn Dušan. Er will Regisseur werden, oder vielleicht ist er das schon. Ein bisschen zumindest, zurzeit dreht er Werbespots und Videoclips, um sich über Wasser zu halten. Diesen Juni hat er seinen ersten eigenen Kurzfilm veröffentlicht: „Mat goc“.

Duc nimmt im Hinterhof des Cafés Platz, legt seinen Hut auf den Tisch und bestellt ein Bier. Er trägt ein weites, schwarz-weiß gemustertes T-Shirt und eine dunkelgrüne Perlenkette. Das Gespräch ist locker, ungezwungen. Wir lachen viel. Duc spricht überlegt, manchmal fast poetisch – vor allem wenn es um Filme oder Tanzen geht.
„Mat Goc“ ist ein Film über Entfremdung. Eine vietnamesische Familie, die in Tschechien lebt, kämpft mit den Konflikten zwischen zwei Generationen. Die Kinder sind in Tschechien aufgewachsen, können sich an Vietnam kaum erinnern. Die Werte ihrer Eltern verstehen sie nicht mehr. Duc erzählt eine Geschichte aus seinem eigenen Leben.

Duc ist mit seiner Familie nach Tschechien ausgewandert, als er vier Jahre alt war. Seine Kindheit verbrachte er in Cheb, unweit der deutschen Grenze. Seine Eltern arbeiteten 16 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Im Urlaub waren sie nie. Zusammen mit seinem vier Jahre jüngeren Bruder wuchs er bei seinen „tschechischen Großeltern“ auf, ein älteres Ehepaar, das sich um die beiden kümmerte, während die Eltern im Laden waren. Vor sechs Jahren zog die Familie nach Prag. Ducs kleine Schwester ist hier geboren. Sie ist nun fünf Jahre alt und wächst im Lebensmittelgeschäft der Eltern auf.

Dreckig und heiß
„Mat Goc“ ist ein Film über die Kindheit und Jugend des Regisseurs. Weil er sich keine Darsteller leisten kann, haben er und sein Bruder die Hauptrollen übernommen. Die ganze Familie spielt mit, sogar die Großmutter, die in Vietnam lebt. Dort wurde zu großen Teilen gedreht. Im Film schickt der Vater die Geschwister gegen ihren Willen für einen Monat nach Vietnam. Dort sollen sie das Land und ihre Familie kennenlernen. Vietnam ist ihnen zu dreckig und zu heiß. Sie verstehen weder die Menschen noch die Sprache. Miteinander reden die Brüder Tschechisch. Vietnamesische Textpassagen im Film werden nicht übersetzt.

Ich frage ihn, ob er wirklich große Probleme mit dem Vietnamesischen hat. Duc nickt. Als sie in Vietnam gedreht haben, sei ein Freund dabei gewesen, der die Sprache beherrscht, als Übersetzer sozusagen. Was seine Eltern bei ihm versäumt haben, will Duc später einmal besser machen und seinen Kindern Vietnamesisch beibringen. Dafür werde er die Sprache wieder erlernen. „Aber im Moment brauche ich es nicht.“

Auf Wunsch der Eltern studierte Duc Wirtschaft. Den Bachelor hat er in der Tasche. Dass ihn dieser Abschluss im Leben weiterbringt, glaubt er nicht. Deswegen hat er sich an der Prager Filmhochschule FAMU eingeschrieben – gegen den Willen seines Vaters . Auf meine Frage, in welchem Semester er denn sei, reagiert er verlegen. „Ich besuche die FAMU zurzeit nicht. Nicht mehr. Sie haben mich rausgeschmissen.“ Das erste Semester sei das härteste, die Prüfung zu schwer für ihn gewesen. Er lacht trotzdem noch. Jetzt habe er Kontakte. Das ist alles, was zählt. Zudem will er sich im Herbst wieder bewerben, diesmal Regie und nicht Filmschnitt. „Denselben Fehler sollte man nie zweimal machen.“ Er lacht wieder. Optimismus und Zuversicht stehen ihm ins Gesicht geschrieben.

„Wenn man etwas wirklich will, dann schafft man es auch.“ Das Studium sei dabei nicht so wichtig. Er kenne großartige Regisseure, die nie Film studiert hätten. In diesem Moment habe ich keine Zweifel, dass ihm der Sprung nach oben gelingt. Und da ist noch eine andere Leidenschaft: Wenn Duc vom Tanzen spricht, wird er lebendig. Er tanzt Poppy, eine spezielle Art des Streetdance, erklärt er mir. „Beim Tanzen geht es um die Seele. Um nichts anderes.“ Geld damit verdienen wolle er jedoch nicht. Und so sei er zum Film gekommen. „Ich habe mir eine Kamera gekauft, weil ich mich selbst beim Tanzen filmen wollte. Dann habe ich gemerkt, das macht mir Spaß und hey, da geht noch was.“

Sein Vater weiß nichts von der Exmatrikulation. Er wäre wütend. Auch das Tanzen hat ihm nie gefallen. Früher hat Duc deshalb seinen Eltern erzählt, er nähme Englischunterricht. Das Geld, was er von ihnen bekam, investierte er dann in Tanzstunden. „Mein kleiner Bruder macht das heute noch so.“

Zehn Jahre für den Wandel
„Mat Goc“ ist der vietnamesische Ausdruck für jemanden, der nichts mehr mit der eigenen Kultur zu tun haben will. Wörtlich übersetzt heißt es „Wurzeln verlieren“. Im Film entdeckt Duc seine Wurzeln und wie wichtig ihm seine Familie ist. Das sei auch in Wirklichkeit so gewesen. Nur dass diese Wandlung, die im Film maximal fünf Minuten einnimmt, in seinem Leben zehn Jahre dauerte.

Die Kellnerin bringt das zweite Bier, Duc schaut es kurz nachdenklich an, dann lächelt er. „Das wird mich wohl beschwipst machen.“ Er trinke nicht viel. Erst recht keine harten Sachen. Den tschechischen Slivovice würde er nie anrühren. Ab und zu Tequilla, gesteht er, weil es dazu Zimt und eine Orangenscheibe gibt. Auf einer „Sauftour“ mit Kumpels war er nie.

Als ich ihn um ein zweites Treffen bitte, dauert es ein paar Tage, bis er antwortet. Er scheint sehr beschäftigt zu sein, dennoch willigt er ein und wir treffen uns im Laden seiner Eltern.

Der Vater sitzt hinter der Kasse, als ich das Geschäft betrete. Auf meine Begrüßung antwortet er mit einem kaum merklichen Kopfnicken. Auch als ich seinen Sohn zwischen den Regalen fotografiere, verzieht er keine Miene. Der Laden ist gut besucht. Es ist Mittag, hauptsächlich Bauarbeiter betreten das Geschäft. Ducs kleine Schwester läuft uns neugierig nach, versteckt sich aber, sobald ich mich ihr zuwende. Die Kamera jagt ihr ein bisschen Angst ein. Der Bruder trägt Kisten ins Auto. Für ein Foto hält er kurz inne und lächelt schüchtern in die Kamera, bevor er sich wieder der Arbeit widmet.

Duc hat einen Traum. Er würde gerne so viel Geld verdienen, dass seine Eltern sich zur Ruhe setzen können. Dass das als Filmemacher schwierig wird, weiß er. Aber er fühlt sich verantwortlich. Wenn der Vater anruft, er brauche Hilfe im Laden, dann fährt Duc hin, egal was er gerade zu tun hat. Seinem Bruder gehe es ähnlich. Gerne würde Duc ins Ausland gehen, für ein Jahr vielleicht. Aber das ginge nicht, so egoistisch dürfe er nicht sein. Er nennt seine Eltern etwas pathetisch die „verlorene Generation“. Seit sie zwanzig sind, hätten sie nur gearbeitet, ihr ganzes Leben lang. Genossen haben sie es nie. Keine Reise nach Paris oder ans Mittelmeer. Nicht einmal Prag würden sie richtig kennen.

„Mat Goc“ hat eine Nominierung für das diesjährige Bushwick-Filmfestival in New York erhalten. Gerade bereitet Duc eine neue Bewerbung für die FAMU vor. Auch dafür muss er einen Film drehen. Die Hauptrolle darin wird ein Vietnamese übernehmen, der bei einer tschechischen Familie Weihnachten feiert. Ob das wieder etwas mit ihm zu tun hat, habe ich nicht gefragt.