Zu Gast im Herzen Europas

Zu Gast im Herzen Europas

Wie in Tschechien lebende Deutsche ihre neue Heimat erleben

3. 10. 2012 - Text: Yvette PolášekText: Yvette Polášek; Foto: ce-press

Die deutsch-tschechische Geschichte füllt ganze Bücher. Mit den kulturellen Gemeinsamkeiten könnte man lange Listen füllen. Ebenso lassen sich aber auch zahlreiche Gegensätze aufzeigen. Kurz gesagt, die Beziehungen der beiden Nachbarn sind komplex. Umfassend gestaltet sich das Verzeichnis deutsch-tschechischer Institutionen, Vereine und Organisationen aus, die in der Tschechischen Republik tätig sind. Vergleicht man die Vielfalt dieser Einrichtungen mit jenen, die Auslandsösterreichern in Tschechien zur Verfügung stehen, lässt sich etwas vereinfacht feststellen, dass ihre Anzahl mit der Bevölkerungsgröße Deutschlands und der ebenso höheren Anzahl an Auslandsdeutschen einhergeht.

Wirtschaftlicher Austausch
Laut Ausländerstatistik des tschechischen Innenministeriums vom hielten sich Ende letzten Jahres rund 15.700 Auslandsdeutsche – also deutsche Staatsbürger, die dauerhaft fern der Heimat leben – in der Tschechischen Republik auf. Etwa 4.450 davon besaßen eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. In dieser Zahl sind weder Personen berücksichtigt, die sich der deutschen Kultur und Sprache verbunden fühlen noch hier ansässige deutschstämmige Menschen. Da es viele Deutsche aus beruflichen Gründen nach Böhmen und Mähren zieht, ist ihre wichtigste Anlaufstelle die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer (DTIHK), die übrigens die größte bilaterale Handelskammer in Tschechien ist. Als offizielle Vertretung der deutschen Wirtschaft fördert sie in erster Linie den wirtschaftlichen Austausch zwischen den beiden Staaten. Sie vertritt ihre rund 570 Mitgliedsunternehmen gegenüber der tschechischen Politik und Gesellschaft und offeriert ihnen ein umfassendes Dienstleistungsangebot. „Vor allem Seminare mit bestimmten Themenschwerpunkten und Netzwerkveranstaltungen, wie unser abendlicher Mitgliedertreff oder das Sommerfest, werden gut aufgenommen“, meint Bernhard Bauer, Geschäftsführer der DTIHK, den es bereits zum zweiten Mal nach Prag verschlagen hat. Wenn er an seine Auslandsaufenthalte in Saudi-Arabien, Russland, Chile und Ecuador zurückdenkt, fühlt er sich an der Moldau am wohlsten. Und dies sowohl wegen der geografischen Lage als auch aufgrund der kulturellen Nähe, die seiner Meinung nach die beiden Länder auf vielen Ebenen miteinander verbindet.

Einstieg am Stammtisch
Die Mehrheit der im Ausland lebenden Deutschen sucht ebenso wie ihre österreichischen Nachbarn nicht nur im Berufsleben den Kontakt zu ihren Landsleuten, sondern auch in der Freizeit. Als Plattform dazu dienen neben zahlreichen Kulturinstitutionen (Goethe-Institut, Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, Adalbert-Stifter-Verein) und deutschen politischen Stiftungen (Konrad-Adenauer-Stiftung, Friedrich-Ebert-Stiftung, Heinrich-Böll-Stiftung, Friedrich-Naumann-Stiftung, Hanns-Seidl-Stiftung) Stammtische wie zum Beispiel die „Prager Runde“. Diese wurde vor fünf Jahren ins Leben gerufen, um ein ungezwungenes und diskussionsfreudiges Zusammentreffen verschiedener Nationalitäten, die das Interesse an der deutschen Sprache verbindet, zu organisieren. Anfangs eine erste Anlaufstelle für Deutsche, die sich in Prag niedergelassen haben, entwickelte sich die „Prager Runde“ seitdem zu einem regelmäßigen Treffpunkt für viele verschiedene Nationalitäten. Neu initiiert sie ab Oktober in Zusammenarbeit mit dem „Prague Lions Club“ die Veranstaltungsreihe „Prag Talk“, die vor allem wirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund stellen möchte.

Schlüsselfaktor Sprache
Eine spannende binationale Einrichtung stellt auch das „Deutsch-Tschechische Café“ dar, in dem jeden Montag im Restaurant U Švandrlíka in Vinohrady fünf bis 20 Leute zusammenkommen, um ihre Deutsch- oder Tschechisch-Kenntnisse zu verbessern. Tschechen nützen vor allem die Möglichkeit, die deutsche Kultur kennenzulernen und Deutsche schätzen die Gelegenheit, mit Tschechen in Kontakt zu kommen. Besonders mögen Bundesbürger den gemütlichen, langsamen Lebensstil, der hier verglichen mit dem in ihrem Heimatland noch immer vorherrscht. „Die Gesellschaft ist noch nicht so kommerzialisiert wie im Westen“, meint Stephan von Pohl, der früher im Deutsch-Tschechischen Café mitgearbeitet hat.

„Ich bin natürlich voller Vorurteile, mit dem Eisernen Vorhang im Kopf, nach Prag gekommen, sodass es mir nach kurzer Zeit fast peinlich war“, schmunzelt Nicolai Urbaniak, Senior Specialist in der PR-Abteilung von RWE Transgas. „Bald musste ich aber erkennen, dass Tschechien ein ganz normales Land in Europa ist. Die Entwicklung ist sogar sehr viel dynamischer als in Deutschland. Die Sprache ist natürlich eine große Hürde, sie erschwert vieles. Jedoch wird mir immer mehr klar, dass Deutschland und Tschechien kulturell sehr wenig trennt.“

International qualifiziert
Einen möglichen Grund, warum sich Ausländer in Tschechien leicht wohl fühlen, sieht Udo Wichert, Geschäftsführer des Reiseveranstalters Neckermann, in der traditionell großen Liberalität der Tschechen. Diese sei wahrscheinlich bedingt durch ihre Religionsskepsis. In den 18 Jahren, die er in Prag lebt, hat er nie negative Ressentiments erfahren, dagegen sehr viele positive Erfahrungen gesammelt. Als wichtigen Schlüssel zur Integration sieht er vor allem die Sprache, obwohl man auch ohne Tschechisch-Kenntnisse überraschend gut durchkommt. „Im Berufsleben gibt es bis heute eine Reihe von Verhaltensweisen der Mitarbeiter, die ich nicht verstehe, obwohl ich mittlerweile weiß, warum viele Verhaltensweisen so sind, wie sie sind“, erzählt Wichert. „Es ist aber bestimmt hilfreich, Bücher tschechischer Autoren zu lesen, um die Mentalität zu verstehen.“

Ähnlich positiv empfindet der stellvertretende Vorstandsvorsitzende und CFO der RWE Transgas, Axel Gerhardy, der vor zwei Jahren mit seiner Familie an der Moldau Fuß gefasst hat: „Prag ist eine internationale Metropole, die auf die Bedürfnisse internationaler Arbeitnehmer und Expats eingestellt ist. Mitarbeiter sind sehr gut ausgebildet und zunehmend international qualifiziert, der Arbeitsstil ist gelassen und pragmatisch. Und auch in der Energiewirtschaft sind beide Länder eng verbunden, die physikalischen Energieflüsse von Strom und Gas sind bereits sehr intensiv und die Marktpreise kennen praktisch kaum noch Grenzen. Energiepolitisch fällt dagegen auf, wie grundsätzlich verschieden derzeit die verfolgten Ziele in Deutschland und in der Tschechischen Republik sind.“ Privat schätzt er die herausragende Kulturlandschaft, besonders das breite Musikangebot. Nur die Dienstleistungskultur, also Kundenorientierung und -freundlichkeit, bedarf laut Gerhardy einer Verbesserung.

Auch die Behörden werden von vielen hierzulande lebenden Deutschen als Herausforderung empfunden, da die Regeln oftmals nicht nachvollziehbar sind. „Mich hat es amüsiert, dass die Beamten hier genauso unfreundlich sind wie bei uns“, lacht die Münchnerin Barbora Hrda, Praktikantin im Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren.

Ob positiv oder negativ – Franz Kafkas Ausspruch über Prag hat aber auch bei den in Tschechien lebenden Ausländern bis heute Gültigkeit: „Prag lässt nicht los. Uns beide nicht. Dieses Mütterchen hat Krallen. Da muss man sich fügen oder – an zwei Seiten müsste wir es anzünden, am Vyšehrad und am Hradschin, dann wäre es möglich, dass wir loskommen.“

 

Deutsche Institutionen in Tschechien

Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag, Vlašská 19, Prag 1 (Malá Strana), Tel. 257 113 111, www.prag.diplo.de

DTIHK/Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer, Václavské náměstí 40, Prag 1, Tel. 221 490 383, www.dtihk.cz

Goethe-Institut Prag, Masarykovo nábřeží 32, Prag 1, Tel. 221 962 111, E-Mail: info@prag.goethe.org, www.goethe.de/prag

Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, Ječná 11, Prag 2, Tel. 222 540 536,
E-Mail: info@prager-literaturhaus.com, www.prager-literaturhaus.com

Prager Runde – Deutschsprachiger Stammtisch, Mail: info@deu-tsch.com, www.deu-tsch.com und www.pragerrunde.de

Deutsch-Tschechisches Café, Restaurant U Švandrlíka, Mánesova 35, Prag 2, E-Mail: pavlina@cnkavarna.cz, www.cnkavarna.cz

Eine detaillierte Übersicht diverser Organisationen, die mit Deutschland in Zusammenhang stehen, finden Sie unter www.prag.diplo.de und www.laenderkontakte.de/tschechische-republik/deutsche-vereinigungen



Anzeige

Wir bedanken uns bei unserem Partner für die Unterstützung:

© 2020 pragerzeitung.cz
Datenschutz, Cookies & Tracking, Netiquette, Kontakt und Impressum

Design: ideasfirst, s.r.o. | Code: www.rinovo.cz