Ziel verfehlt

Ziel verfehlt

Trotz vier Siegen in Folge: Tschechien beendet die Handball-WM auf Platz 17

28. 1. 2015 - Text: Marcus HundtText: Marcus Hundt; Foto: Gjorgji Licovski, epa/Qatar 2015

Im WM-Achtelfinale gegen Deutschland haben die Tschechen ihre beste Turnierleistung gezeigt. Nach eher mittelmäßigen Auftritten in der Vorrunde stellten sie ihr ganzes Können unter Beweis und ließen keinen Zweifel aufkommen, wer in dieser Partie den Ton angibt. Die knapp 12.500 Zuschauer in der eigens für die Handball-WM errichteten Sporthalle von Lusail sahen ein eingespieltes Team, das auch nach unfairen Aktionen der Deutschen den Überblick bewahrte. Die Tschechen trafen fast immer die richtigen Entscheidungen, überzeugten mit schnellen Positionswechseln und behielten auch im Strafraum die Nerven – egal, ob nun Carsten Lichtlein oder Silvio Heinevetter im Tor stand. Keine Frage: Václav Horáček und Jiří Novotný, die beiden Schiedsrichter aus Tschechien, hatten beim 23:16-Sieg der Deutschen gegen Ägypten gute Arbeit geleistet. Trotzdem hätten sie wohl lieber ein anderes Achtelfinale geleitet und sich gewünscht, dass am Montag nicht die ägyptische, sondern die tschechische Auswahl gegen Deutschland aufläuft.

Zwei Tage zuvor sah es auch ganz danach aus. Doch während die deutsche Mannschaft den Gruppensieg gegen Saudi-Arabien perfekt machte, gewann Island im letzten Gruppenspiel gegen die favorisierten Ägypter und sicherte sich damit den Einzug ins Achtelfinale. Tschechien hatte somit bereits vor dem Anpfiff der Partie gegen Algerien keine Chance mehr, sich für das Achtelfinale gegen Deutschland zu qualifizieren. Bei der im Vorfeld als Entscheidungsspiel angekündigten Begegnung ging es also nur noch um die Ehre.

Den drei Niederlagen gegen Frankreich (27:30), Schweden (22:36) und Ägypten (24:27) folgten zwar zwei starke Auftritte gegen Island (36:25) und – obschon das Ergebnis kaum eine Rolle spielte – gegen Algerien (36:20). Unter dem Strich zählte jedoch nur eines: Das zuvor gesteckte WM-Ziel, mindestens zwei Mannschaften in der Gruppe hinter sich zu lassen, wurde verfehlt.

Der Faktor Jícha
Dass Tschechien gegen Frankreich und Schweden unterliegt, war erwartet worden – ebenso aber auch Siege gegen Island, Ägypten und Algerien. Weder die Mannschaft noch die Trainer wollten ihr Abschneiden auf das überraschende Unentschieden zwischen Europameister Frankreich und den für Bahrain nachgerückten Außenseiter Island zurückführen. Ein Erfolg der Franzosen hätte den Tschechen im Nachhinein das Weiterkommen gesichert.

Ausschlaggebend war allein die Niederlage gegen Afrikameister Ägypten. Alle Beteiligten wussten, dass sie dieses entscheidende Spiel selbst aus der Hand gegeben hatten und hinter ihren eigenen Ansprüchen zurückgeblieben waren. Gründe dafür gab es viele: Auf der einen Seite wurden die klarsten Torchancen kläglich vergeben, auf der anderen mussten die Torhüter an diesem Tag selbst bei den schwächsten Würfen zu oft hinter sich greifen. Hinzu kam die Zuschauerkulisse, die den Ägyptern eine Art Heimspiel bescherte. Und, wahrscheinlich der wichtigste Grund für die Niederlage: Mannschaftskapitän Filip Jícha hatte noch nicht zu gewohnter Stärke zurückgefunden, nachdem ihn eine Magen-Darm-Grippe außer Gefecht setzte und er deswegen in den ersten beiden Begegnungen pausieren musste. Binnen weniger Tage hatte er sieben Kilo abgenommen.

Wozu er, und mit ihm auch die Mannschaft, fähig ist, zeigte sich in den Platzierungsspielen gegen Russland (32:30) und Weißrussland (32:31). Tschechien beendet die Weltmeisterschaft auf Rang 17, auch wenn mehr möglich gewesen wäre.

Vier Siege in sieben Spielen: Die tschechischen Handballer sorgten bei ihrer sechsten WM-Teilnahme für einige Lichtblicke. Und es herrscht nun Gewissheit, dass die beiden Trainer Jan Filip und Daniel Kubeš, die bis vor kurzem noch selbst auf dem Spielfeld standen, den richtigen Weg eingeschlagen haben. Seit Sommer 2014 im Amt setzten sie von Beginn an auf den Nachwuchs. In Katar haben gerade die jungen Spieler wertvolle Erfahrungen gesammelt, die sie in Zukunft nutzen werden.

Der Umbruch in der Nationalmannschaft wird auch nach der WM weitergehen. Denn wer weiß, wie lange Weltstar Jícha, der im April 33 Jahre alt wird, noch für sein Heimatland aufläuft. Das Turnier hat einmal mehr gezeigt, wie sehr das Team von seiner Form abhängig ist. Das wollen Filip und Kubeš in den nächsten Monaten ändern.

„Das war unterirdisch“

Ansichten nach dem Schlusspfiff

Nach dem Island-Spiel
„Ich glaube, wir sind bei diesem Turnier zum ersten Mal als Mannschaft aufgetreten. Abgesehen davon, dass es für Island keine leichte Aufgabe war, sich auf uns einzustellen: Die drei Spiele, die wir hier vorher abgeliefert haben, waren wirklich eine Katastrophe und irgendwie unterirdisch.“   Filip Jícha

„Ich bin überzeugt, dass die Ägypter gegen Island gewinnen werden. Sie haben hier einen gewissen Heimvorteil. Die Zuschauer werden sie nach vorn peitschen. Wir müssen uns auf Algerien konzentrieren und dieses Spiel unbedingt gewinnen.“   Petr Štochl

Nach dem Algerien-Spiel
„Wir hatten die Pflicht, mit einer kämpferischen Einstellung in dieses Spiel zu gehen, damit wir am Ende nicht um den Sieg zittern müssen. Wir haben unser Gesicht gewahrt und vielleicht sogar eine gewisse Wiedergutmachung für das Ägypten-Spiel betrieben.“   Filip Jícha

„Ich bin sowohl mit dem Ergebnis, als auch mit der Leistung zufrieden. Besonders freue ich mich darüber, dass der Sieg der Isländer und unser damit verbundenes Ausscheiden keine Spuren hinterlassen hat.“   Trainer Jan Filip

Zum Vorrunden-Aus
„Unsere Fans werden wahrscheinlich niedergeschlagen sein. Für uns ist es aber wichtig, dass noch zwei Spiele gegen starke Gegner aus Europa vor uns liegen. Wir werden auch dort Erfahrungen sammeln und wieder ein kleines Stück vorankommen.“   Trainer Daniel Kubeš

„Bestimmt wollte jeder ins Achtelfinale und das war auch drin für uns. Das Spiel gegen Ägypten hat den Ausschlag gegeben. Wären wir da genauso stark aufgetreten wie gegen Island oder Algerien, hätten wir den Platz als Sieger verlassen.“   Petr Štochl

Nach dem Russland-Spiel
„Für jeden Einzelnen von uns war es schwer, über diese Enttäuschung hinwegzukommen. Wir haben es nicht ins Achtelfinale geschafft, obwohl wir zwei unserer Gruppenspiele gewonnen haben. Aber die ganze Mannschaft hat sich nun noch einmal motivieren können, wir wollen jetzt diesen President’s Cup holen.“   Ondřej Zdráhala



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