Wo der Weihnachtskarpfen zuhause ist

Wo der Weihnachtskarpfen zuhause ist

Im Wittingauer Becken taucht der Besucher ein in die Geschichte einer vom Menschen erschaffenen Teichlandschaft

5. 11. 2014 - Text: Peter HuchText und Foto: Peter Huch

Zu den wichtigsten Festtagstraditionen Böhmens gehört zweifellos die Zubereitung und der Verzehr des Weihnachtskarpfens. Alljährlich finden sich im Dezember auf den zentralen Plätzen der Gemeinden riesige Bottiche mit den noch lebenden Fischen. Um herauszufinden, woher sie in das übrige Tschechien exportiert werden, muss man nach Třeboň (Wittingau) fahren. Im südböhmischen Naturschutzgebiet, nahe der Grenze zu Österreich, findet jeden Herbst das Abfischen der künstlich angelegten Teiche statt. Der Zug aus Prag passiert auf dem Weg dorthin romantische Birkenwälder und malerische Auenlandschaften. Umso näher man dem Ziel kommt, desto wasserreicher wird die teils sumpfige Landschaft.

Der Fischfang am Záblatský-See, einer der Karpfenzuchtstätten rund zehn Kilometer nordwestlich von Třeboň, erweist sich als denkbar einfach: Die Fischer lassen das Wasser ab wie in einer Badewanne. Übrig bleibt ein kleines Stück Gewässer, in dem sich die Fangfische konzentrieren. Die künftigen Weihnachtsspeisen werden mit einer elektrischen Hebebühne herausgeholt und direkt in einen Lastwagen verfrachtet. Diese Arbeitsweise hat nichts gemein mit dem idealisierten Bild des Laien, der Anglerei mit beschaulicher Ruhe gleichsetzt. Es besteht keinerlei Bezug zur friedlichen Welt der Angelausflüge in Carl Barks’ Entenhausen. Statt einem Kutter und einem älteren Herrn mit Pfeife dominiert industrielle Abfertigung und sogar ein Fließband das Bild.

Das Wetter an diesem kalten Morgen im späten Oktober ist so trüb wie die Stimmung der werktätigen Einwohner. Kein Wunder, denn pro Jahr werden knapp 3.200 Tonnen Karpfen aus den Weihern geborgen; da bleibt der hiesigen Petrus-Zunft keine Zeit für Romantik. Und dennoch: Im Prinzip hat sich an der Arbeitsweise seit dem Spätmittelalter kaum etwas geändert. Dabei sind Tradition und Folklore mit den Einheimischen, die hier vorbeikommen und die „Fisch-Ernte“ feiern, unzertrennlich verwoben.

Einzigartige Natur
Die Entwicklung hin zum Gebiet mit der größten Karpfenzucht Europas hat ihre Wurzeln im Hochmittelalter. Die Region wurde verhältnismäßig spät besiedelt; die ersten Menschen kamen erst im 12. Jahrhundert. Der Grund ist so banal wie einleuchtend: Die Gegend war so unbewohnbar wie der Mond. Moor- und Sumpflandschaften wurden einzig durch unzugängliche und undurchdringliche Urwälder aufgelockert. Der Morast wurde trockengelegt und erste Siedler machten das Land urbar. Die Teichwirtschaft entwickelte sich dann relativ zügig zur einzig gangbaren Nutzung. Schon Kaiser Karl IV. verfügte, dass Fischweiher gebaut werden sollten, auch zum Hochwasserschutz. Heutzutage bestehen ungefähr zehn Prozent der Oberfläche des Wittingauer Beckens aus Wasser.

Die künstlich erschaffene Teichlandschaft wirkt sich auch auf die Fauna aus. Das Resultat der tiefgreifenden Veränderungen ist weitherum einzigartig. Wenn man im Blick behält, was für katastrophale Auswirkungen die menschlichen Einschnitte oftmals haben, erscheint die sich in Südböhmen seit Jahrhunderten entwickelnde Natur beinahe sagenhaft. In den Biotopen leben 600 verschiedene Schmetterlingsarten. Luchse und Otter streifen durch die Wälder und Gewässer. Vereinzelt sind sogar Elche gesichtet worden.

Lebensader der Fischzucht ist der „Zlatá stoka“ („Goldener Kanal“). Das unscheinbare Rinnsal ist das Rückgrat, das seit beinahe 500 Jahren alle Teiche miteinander verbindet. Das System ist so gut ausbalanciert, dass es selbst heute ohne Nachbesserungen bestens funktioniert. Das Wittingauer Becken halfen sogar beim Jahrhunderthochwasser 2002, die Wassermassen einzudämmen. Und obwohl die Landschaft künstlich angelegt wurde, ist der Eingriff des Menschen beim Spaziergang kaum zu erkennen.

Ein Ausflug in das Landschaftsschutzgebiet lohnt sich vor allem im Herbst. Neben dem traditionellen Karpfenfischen, das an den Fangtagen bis zu 59.000 Neugierige anlockt, lässt gerade der Anblick des sich färbenden Laubes in Verbindung mit dem Bodennebel, der die Waldpfade und Gewässer erfasst, das Wanderherz höher schlagen.

Das Herz der Gegend
Rund drei Stunden braucht man vom Záblatský-See aus, um Třeboň zu erreichen. Die Stadt bildet das kulturelle Zentrum der umliegenden Gemeinden. Ihr Erscheinungsbild hat, ähnlich wie die Natur, seit Jahrhunderten kaum Veränderungen erfahren. So kommt es dem Besucher, der durch eines der drei Stadttore in das Zentrum schreitet, so vor, als würde er in das Innere einer Schneekugel treten. Der knapp 10.000 Einwohner zählende Ort ist eine wahre Perle der Renaissance. Der Marktplatz und mit ihm die ganze Altstadt wirken artifiziell und irgendwie unwirklich. Den höchsten Punkt bildet der Turm der Kirche Sankt Ägidius. Darunter laden Geschäfte in den Arkaden der wunderschön renovierten Bürgerhäuser zum Einkaufen, Schmökern oder Kaffeetrinken ein.

Rund zehn Minuten Fußweg vom Marktplatz entfernt befindet sich an den Ufern des „Svět“-Teiches die neogotische Gruft eines Zweiges der Adelsfamilie Schwarzenberg. Sie gehört heute zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Das Wittingauer Becken gehört mit gutem Grund zu den beliebtesten Touristenzielen Tschechiens. Der an das Renaissance-Städtchen grenzende Rosenberg-Weiher bildet die größte Wasserfläche des Landes. 1590 von Jakub Krčín angelegt, wird der gigantische Teich auch das „Tschechische Meer“ genannt, von der Sehnsucht nach den Weiten des Ozeans berichtend.



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