So nah, so fern
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So nah, so fern

Eine Ausstellung auf dem Hradschin widmet sich den nachbarschaftlichen Kulturbeziehungen zwischen Böhmen und Sachsen

29. 8. 2019 - Text: Marcus Hundt, Titelbild: Meister IW - Epitaph aus Pšovka (1536/37, Ausschnitt), Diözese Litoměřice

Was verbindet Sachsen und Böhmen? Wahrscheinlich viel mehr als die meisten denken. Unter dem Titel „So nah, so fern“ („Jak blízko, tak daleko“) stellt eine Ausstellung im Sternberg-Palais die Beziehungen zwischen beiden Ländern vor. Der Schwerpunkt liegt auf der Kunst, aber auch Alltag und Wirtschaft spielen eine Rolle. Über 200 Exponate sind für das Gemeinschaftsprojekt der Nationalgalerie Prag und dem Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz zusammengetragen worden, die ältesten entstanden vor rund 7.000 Jahren.

„Die Grenze zwischen den beiden Ländern gehört zu den ältesten in Europa – meist war sie passierbar und ermöglichte einen vielfältigen Austausch“, sagt Olga Kotková. Heute seien Böhmen und Sachsen zwar politisch und sprachlich voneinander getrennt, so die Kuratorin. Doch „noch im ersten Jahrtausend wurde in beiden Regionen slawisch gesprochen.“ Darauf weisen allein schon die Namen von Städten wie Dresden, Leipzig oder Chemnitz hin.

Ludwig Richter – Überfahrt am Schreckenstein (1837)

Die Geschichte der gegenseitigen Beziehungen beginnt in der Steinzeit, wie Keramik und Werkzeuge zeigen. Auch die Bronze- und Eisenzeit sowie die Epoche der Völkerwanderung sind in der Ausstellung vertreten – etwa mit keltischen Goldmünzen oder Schmuckstücken aus einem Kindergrab des fünften Jahrhunderts, das im heutigen Prager Stadtteil Zličín entdeckt wurde.

Zu den herausragenden Exponaten zählen auch die Seidenstoffe aus dem Grab der Ludmilla von Böhmen (gestorben 921), der ersten christlichen Herrscherin und ersten Heiligen des Landes. Laut Ausstellungsmachern beginnt mit ihr die „fassbare Beziehungsgeschichte“ zwischen Böhmen und Sachsen. Daneben können die Besucher auch eine in Prag entstandene Prunkhandschrift sehen, die vor den Hussiten in Sicherheit gebracht und 1420 nach Zittau geschafft wurde. Rund 600 Jahre später ist sie nun zum ersten Mal an den Ort ihrer Entstehung zurückgekehrt.

Blick in die Ausstellung | © NGP, Helena Fikerová

Für Marius Winzeler, der seit 2015 die Sammlung Alter Kunst in Prag leitet und zuvor viele Jahre in Zittau und Görlitz arbeitete, kennzeichneten auch immer wieder Konflikte die Geschichte zwischen den Bewohnern beider Länder. Aber auch die anschließenden Versöhnungen. „Die dynamischen Beziehungen und die wechselnden Symbiosen von Kunst, Alltagskultur und Wirtschaftsleben stellen wir in neun thematischen Bereichen vor“, erklärt der Kunsthistoriker.

Ein Beispiel für die nachbarschaftlichen Kulturbeziehungen sind auch die Werke des kursächsischen Hofmalers Lucas Cranach, die er für böhmische Auftraggeber anfertigte. Oder die Dresdner Originalhandschrift des Prager Friedens von 1635, Kelche der böhmischen Exulanten und Meisterwerke bedeutender Maler und Bildhauer wie Jan Kupecký und Balthasar Permoser, die in der Barockzeit Böhmen und Sachsen eng miteinander verbanden.

Schreitendes Pferd (um 1605) | © Staatliche Kunstsammlungen Dresden

In der Ausstellung wird auch eine Neuerwerbung der Nationalgalerie präsentiert, auf die Olga Kotková besonders stolz ist: „Das Tafelbild Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers wurde von Meister IW geschaffen, dem talentiertesten böhmischen Schüler Cranachs.“ Die Darstellung entstand vermutlich um 1525 im Auftrag eines Mitglieds der in Böhmen und Sachsen wirkenden Familie Schlick. Nachdem die Güter von Joachim Andreas von Schlick nach der Schlacht am Weißen Berg beschlagnahmt wurden, ging das Tafelbild schon bald in den Besitz der Markgrafen von Baden über und kehrt nun wieder nach Böhmen zurück.

Meister IW – Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers | © NGP

Aus dem 19. Jahrhundert stammen die romantischen Landschaftsbilder der sächsischen Maler Carl Gustav Carus und Ludwig Richter sowie vom „tschechischen Nationalmaler“ Josef Mánes. Auch Werke des in Nordböhmen geborenen Josef Hegenbarth und des Grenzgängers Oskar Kokoschka gehören zu „So nah, so fern“.

Oskar Kokoschka – Blick auf den Hradschin und die Karlsbrücke (1935) | © NGP

Böhmen – Sachsen: So nah, so fern / Čechy – Sasko: Jak blízko, tak daleko, bis 15. September, Palais Sternberg (Hradčanské náměstí 15, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr (am Mittwoch bis 20 Uhr), Eintritt: 220 Kronen (erm. 120 Kronen, freier Eintritt für Besucher bis 26 Jahre), www.ngprague.cz

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