„Wir waren keine Monster“

„Wir waren keine Monster“

Er kämpfte in Polen, Frankreich und in Russland. Den von Hitler angezettelten Krieg hielt er damals für richtig. Heute kämpft Heinz Rothe gegen das Vergessen an

16. 7. 2015 - Text: Christoph ReichmuthText und Foto: Christoph Reichmuth

Wenn man von Heinz Rothe wissen will, was er am Kriegsende getan hat, dann fragt er zurück, ob man das persönliche oder das offizielle Kriegsende meint. Für Heinz Rothe, damals Leutnant in der 257. Berliner Infanteriedivision, endete dieser Krieg drei Mal. Einmal im August 1944, dann im Mai 1945. Wirklich zu Ende war dieser furchtbare Krieg für ihn aber erst im März 1950.

Heinz Rothe, heute 95 Jahre alt, hatte unglaublich viel Glück. Drei Mal wird er verwundet. Granatsplitter im Hals, Detonation auf einem Minenfeld, Streifschuss. Er kämpft für den „Endsieg“ im Namen des Führers auf den blutigsten Schlachtfeldern Europas. Heinz Rothe verliert Freunde. 1939 in Polen bestatten sie ihre Kameraden noch mit militärischen Ehren einzeln. Beim Durchbruch durch die Maginot-Linie 1940 in Frankreich sind die Toten schon so zahlreich, dass man Massengräber aushebt. Und drei Jahre nach dem Einmarsch in die Sowjetunion mit tausenden jungen Männern ist Rothe mit einem Kameraden alleine unterwegs, als er von Rotarmisten aufgegriffen wird. Die anderen aus seiner Kompanie sind verwundet, die meisten von ihnen aber liegen tot in den unendlichen Weiten dieses riesigen Landes. Erschossen, erdolcht, erfroren, verhungert.

Einzigartige Hinterlassenschaft
Heinz Rothe sitzt in seiner kleinen Dreizimmerwohnung in Berlin-Steglitz, seit den fünfziger Jahren lebt der spätere Grenzbeamte der BRD nun schon hier. Sein Leben ist bis heute geprägt von einer Epoche, die für viele Deutsche so trügerisch verheißungsvoll mit Adolf Hitler begonnen hatte und für die Menschen in Europa so grausam und zerstörerisch endete. „Ich wurde in den Nationalsozialismus hineingeboren“, sagt Rothe. Es klingt wie eine Rechtfertigung für seine Begeisterung fürs Militär, für seinen Kindheitswusch, die Offizierslaufbahn einzuschlagen. Rothe ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, der seine Ausführungen mit tragischen, manchmal auch amüsanten Anekdoten anreichert.

In einem mehrere hundert Seiten starken Album hat er sein junges Leben nachgezeichnet. Mit Originalfotos von der Russlandfront und Dokumenten, Befehlsblättern und Auszeichnungen, mit persönlichen Texten, die sich lesen wie ein spannendes Buch. Es trägt den Titel „30 Jahre meines Lebens im Rückblick – 1920-1950“. Im Vorwort wendet sich Heinz Rothe an seine Tochter, es ist eine Hinterlassenschaft für sie. Sein Versuch, auf Fragen zu antworten, die die Tochter vielleicht nie zu stellen wagte. „Ich bin kein Ewiggestriger“, sagt Rothe mehrere Male, als er satte vier Stunden erzählt. Und immer wieder will er aufzeigen, dass nicht alle Deutschen kalte Mörder waren in diesem barbarischen Krieg, in dem biedere Bürger zu abartigen Sadisten wurden, Kinder erschossen, Juden vergasten, Zivilisten hinrichteten. „Unser Regiment war geprägt von echtem preußischen Soldatengeist. Wir haben niemals Schweinereien veranstaltet. Wir waren keine Monster.“ Er zeigt verwackelte Fotos in Schwarzweiß. Rothe mit einem kleinen ukrainischen Mädchen auf dem Arm, Rothe mit einer hübschen Polin, sein „Mädchen“ damals, wie er lächelnd erzählt, Rothe mit einem russischen Gefangenen, er nennt ihn „Iwan“, so wie er alle Russen Iwan nennt. „Überzeugen Sie sich selbst, sehen diese Menschen aus, als ob sie leiden würden?“

„Der ‚Iwan‘ oder ich“
Es ist nicht Begeisterung für den Krieg, die in seinen Erzählungen mitschwingt. Keine Heroisierung. Aber eine Faszination für diese Zeit, die ist herauszuhören aus seinen Berichten. Nach Polen, sagt er einmal, hätten wir aufhören sollen. Man wird stutzig bei einem solchen Satz, Rothe erkennt den fragenden Blick und korrigiert sich. „Wir hätten gar nie Krieg führen dürfen. Auch Polen war ein Verbrechen.“

Den Untergang des Reiches besiegelte Hitler mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941. Rothe und seine Kameraden spüren, dass das nicht gut kommen wird. Am Anfang läuft es gut, wenn auch die Kämpfe in Slawjansk in der Ostukraine erbittert geführt werden. Ein verheerender Winter kündigt sich an, die Wehrmacht ist nicht ausgerüstet für die eisige Kälte. Rothe hat Glück, wird nach Frankreich abkommandiert. Als er 1942 zurückkehrt, kennt er kaum noch jemanden aus seiner Kompanie. Die meisten sind gefallen oder erfroren. Wieder hat Rothe Glück, als die 6. Armee nach Stalingrad aufbricht. Rothe erkrankt an Gelbfieber, wird im Herbst 1942 in Deutschland behandelt. Er trifft erst im Frühjahr auf seine alten Kameraden, von denen nur wenige übrig geblieben sind. Die Schlacht um Stalingrad ist da schon verloren, der Krieg faktisch auch.

Zusammen mit versprengten Einheiten der 6. Armee wird Rothes Kompanie aus der Donezk-Region zurückgedrängt, Moldawien bis Rumänien, 830 Kilometer in wenigen Monaten zu Fuß. „Von Frühjahr 1943 an ging es nur noch zurück.“ Die deutschen Stellungen werden zermalmt, Rothe sieht Kameraden, die von Panzern überrollt werden, junge Männer, die nach Granateinschüssen Beine und Arme verlieren, an Kopfschüssen sterben, einfach nur verbluten. Ein Kamerad liegt vor ihm verwundet am Boden, irgendwo in Moldawien, die Russen sind wenige Meter entfernt. Der Kamerad weint, Rothe sagt, ich hole dich später, halte durch. Dann rennt er um sein Leben. „Ich wusste, dass ich dieses Versprechen nicht halten kann. Diese Szene verfolgt mich bis heute.“ Auch Rothe tötet, manchmal schießt er blind um sich, manchmal von Angesicht zu Angesicht. Aber ins Detail geht er nicht, wenn er davon erzählen soll. Dann sagt er einen Satz, der klar macht, wie es damals lief. „Manchmal hieß es einfach nur noch: Der Iwan oder ich.“

Straflager in Sibirien
Der endgültige Untergang Großdeutschlands und der 6. Armee erfolgt im August 1944 in Rumänien. Bei der Niederlage von Pruth endet auch für Heinz Rothe der aktive Krieg. Innerhalb von fünf Tagen vernichtet die Rote Armee mit 360.000 Soldaten 19 deutsche Infanteriedivisionen, eine Panzer- und eine Panzergrenadierdivision. 150.000 Deutsche sterben, 106.000 geraten in Gefangenschaft, 80.000 bleiben verschollen.

Rothe ist mit einem Kameraden alleine übrig geblieben, sie verstecken sich auf einem weiten Feld hinter Strohballen, 25 Heuhaufen liegen verstreut auf der weiten Wiese. Sie sehen, wie die Rotarmisten die Haufen nach versteckten Deutschen durchsuchen, sie stechen einfach mit ihren auf das Gewehr aufgesetzten Bajonetten in die Strohballen, einen nach dem anderen. Sie kommen immer näher. Rothe entsichert seine Offizierspistole, er will sich in den Kopf schießen. Es besteht kein Zweifel, die Russen werden sie töten. Rothe fehlt der Mut, zum Glück. Noch vier solcher Heuhaufen, dann ist es aus. Jemand aus der Ferne ruft plötzlich etwas, wie durch ein Wunder ziehen die Rotarmisten wenige Meter vor Rothe und seinem Kameraden ab. „Wir wollten jubeln, vor Freude über die Wiese springen. Aber wir mussten leise bleiben, hielten uns an unseren Händen fest.“

Die beiden warten, bis die Nacht hereinbricht. Dann schleichen sie über das Feld in einen Wald. Sie wollen irgendwie nach Westen kommen, vielleicht gibt es dort eine deutsche Einheit. Es ist 23 Uhr an diesem 23. August 1944, als jemand auf Russisch ruft: „Wi kuda idijote?“ – „Wo geht ihr hin?“. Rothe spricht kaum Russisch, er kennt nur wenige Worte. „Domoj!“ – „Nach Hause!“ antwortet er und läuft wie in Trance einfach weiter. Die Russen schießen in die Luft. Es ist aus.

Rothe gerät in Gefangenschaft, zuerst in ein Offizierslager in der Tatarenrepublik, wo er am 9. Mai vom Lagerkommandanten vom Kriegsende erfährt. Er schöpft Hoffnung, vielleicht darf er jetzt nach Hause. Doch er wird noch fünf Jahre überstehen müssen, er schuftet sich fast zu Tode, im Kohlebergbau, in der Landwirtschaft, wieder denkt er an Selbstmord. Rothe kommt in ein Gefangenenlager nach Sibirien, es gibt kaum etwas zu essen. Wieder sterben Menschen, tausende. Rothe weiß nicht, was zu Hause ist. Lebt die Mutter, der Vater?

Gefallen im Kampf um Berlin
Am 5. März 1950 kehrt Rothe zurück nach Berlin, abgemagert und entkräftet läuft er die Straße in Steglitz entlang, sieht das Haus seiner Eltern. Die Gardinen sind noch die gleichen wie 1943, als er das letzte Mal hier war. An der Klingel steht R. Rothe, Richard Rothe. Er fällt seiner Mutter in die Arme, „es war ein Wiedersehen, das man nie vergessen kann.“ Die Mutter erzählt, dass Vater Richard im Januar 1945 zum Volkssturm eingezogen wurde. Acht Tage vor Kriegsende ist er in Berlin gefallen, seine Leiche hat man in einem Massengrab gefunden. Ein Jahr nach seiner Rückkehr heiratet Heinz Rothe seine Liselotte. Er hat sie 1938 kennengelernt und im Krieg nur einmal gesehen. Liselotte starb 2010. „Sie war das Glück meines Lebens.“

Rothe sagt, er sei heute ein überzeugter Europäer. Schade nur, die Sache mit diesem Putin. „Man muss die Russen an den Tisch holen“, meint er. Reden, das sei wichtig. Man müsse miteinander reden. Immer wieder. Niemals mehr Krieg, sagt Rothe. Er sei in einem Verbrecherregime aufgewachsen, und ein Teil geworden von dieser auf Rassenwahn basierenden Ideologie. Von den Vernichtungslagern und den Verbrechen, sagt Rothe, habe er erst später in Kriegsgefangenschaft erfahren. „Aber dass ich als Soldat kämpfte“, betont er, „das war kein Verbrechen.“ Er erzähle seine Geschichte, damit niemals vergessen werde, wozu Menschen fähig sind. Aber auch um aufzuzeigen, welche Torturen Menschen aushalten können. „Unsere wunderbare Erde“, sagt Heinz Rothe, „hat uns der Herrgott geschenkt. Wir müssen Sorge für sie tragen. Noch so ein Krieg, und die Menschheit ist verloren.“



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