„Wir sind gerne Nervensägen“

„Wir sind gerne  Nervensägen“

Die Bürgerinitiative Karlín sobě mischt die Lokalpolitik in Prag 8 auf

27. 10. 2015 - Text: Katharina Wiegmann, Foto: Asurnipal, CC BY-SA 4.0

Acht Uhr morgens, Karlínská kavárna, direkt neben der U-Bahn-Station Křižíkova. Gut gelaunt und hellwach betreten Renata Lišková und Václav Stránský das kleine Café. Es ist nie zu früh, um die Welt zu retten – oder zumindest Karlín, den Stadtteil im achten Prager Verwaltungsbezirk. Knapp 11.000 Einwohner, historische Bausubstanz, eine Vergangenheit als Industrie- und als sozialer Problembezirk. Bis in Folge des historischen Hochwassers viele Gelder und Investitionen in das Viertel flossen. Heute ist Karlín ein dynamischer Stadtteil; neue Weinbars, Cafés und Geschäfte beleben die Straßen.

Lišková und Stránský repräsentieren die Bürgerinitiative Karlín sobě (etwa: Karlín für sich selbst). Sie leben gerne im Viertel, haben aber auch viel zu kritisieren. Die unbebauten Grundstücke am Flussufer sind aufgrund der Nähe zum Zentrum in den vergangenen Jahren zur begehrten Ware für Investoren geworden. Bürogebäude und Luxusapartments säumen inzwischen ungefähr die Hälfte der Uferstraße zwischen dem Těšnov-Tunnel und der U-Bahn-Station Invalidovna.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Entwicklung des Stadtteils, der Zuzug internationaler Firmen – das ist es nicht, wogegen Lišková, Stránský und ihre Mitstreiter kämpfen. „All die neuen kleinen Geschäfte und Cafés wären ohne dieses Geld und die Leute aus den Büros gar nicht hier“, sagt Stránský, der selbst in Karlín einen Laden betreibt. Er verkauft „Tokyobikes“, japanische Markenfahrräder. Lišková und Stránský geht es darum, dass inmitten der anhaltenden Goldgräberstimmung auch die Bedürfnisse der Bewohner berücksichtigt werden.

Engagierte Mütter
Eine besondere Rolle spielen bei Karlín sobě die Mütter. Renata Lišková hat zwei Töchter und störte sich im Jahr 2011 daran, dass der einzige Spielplatz des Stadtteils viel zu klein war. Sie kontaktierte die örtlichen Abgeordneten, andere Frauen taten es ihr gleich. Nichts passierte. Erst als sie eine Organisation gründeten, konnten sie ihren Zielen Nachdruck verleihen. Lišková und Stránský setzen sich für mehr Spielplätze und Fahrradständer ein, sie wollen weniger Autos und dass Falschparker auf Bürgersteigen und in Fußgängerzonen konsequent bestraft werden.

Dafür klopfen sie regelmäßig bei den Stadtteilpolitikern an. Über die seit 2014 amtierende Koalition unter der Führung von ANO haben sie nicht viel Gutes zu sagen. „Es ist sehr schwierig, mit den Politikern zu sprechen, viele Aktivitäten und Initiativen wurden einfach eingestellt. Die Stadtverordneten wollen, dass die Investoren die Infrastruktur entwickeln und finanzieren. So läuft das aber nicht.“ Lišková, Stránský und ihre Mitstreiter haben auch – und das ist für eine Stadtteilinitiative wohl eher ungewöhnlich – das große Ganze im Blick. „Karlín hat eine besondere historische Struktur, ein Erbe, das geschützt werden muss“, redet sich Stránský langsam in Rage.

Kampf den Glaspalästen
Ein Beispiel, bei dem die Stadträte seiner Meinung nach versagt haben: das seit 2012 geplante AFI Business Center, ein futuristischer Koloss aus Glas und Beton. Das Grundstück liegt zwischen dem Lyčkov-Platz und dem Vítkov-Hügel, inmitten einst prunkvoller Gründerzeitbauten. Da es sich weder um ein Wohn- noch um ein Gewerbegebiet handle, könne die Stadt entscheiden, was hier gebaut werden dürfe, erklärt Stránský die Rechtslage. „Dabei spielt die Umgebung natürlich eine Rolle.

Unserer Meinung nach hätte das Zentrum hier nie geplant werden dürfen.“ Karlín sobě mischte sich ein. Die Gruppe fand heraus, dass zunächst ein anderer Investor das Gelände gekauft hatte. Unter dem Projekttitel „Crystal Karlín“ wollte die Karlín Group hier bauen, die Pläne waren schon genehmigt. Dann verkaufte die Gruppe an AFI. Die geänderten Pläne hätten noch einmal ein bürokratisches Verfahren durchlaufen müssen.

Karlín sobě protestierte, legte Einspruch gegen die neuen Pläne ein und verklagte schließlich die Stadt. Mit Erfolg. „Die Entscheidung wurde allerdings wieder zurück an das Rathaus gegeben, und dann haben sie schließlich doch angefangen zu bauen.“ Die aktiven Bürger gaben aber nicht auf – und es sieht so aus, als hätten sie neben fähigen Anwälten auch höhere Gewalten auf ihrer Seite. Zunächst wurde auf dem Grund ein alter Soldatenfriedhof entdeckt, der Bau verzögerte sich durch die Arbeit der Archäologen. Als das Projekt fortgesetzt wurde, begann der Vítkov-Hügel zu rutschen. Bereits abgetragene Erde musste wieder aufgeschüttet werden. Derzeit liegt das Vorhaben auf Eis.

Karlín sobě hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Politikern im Stadtrat auf die Finger zu schauen, sämtliche Möglichkeiten zur Mitbestimmung zu nutzen. „Wir sind gerne Nervensägen“, lacht Stránský, der zu jeder Ecke, jedem verschlossenen Tor, jedem Baukran eine Anekdote zu erzählen hat. Nebenher grüßen er und Renata Lišková immer wieder Bekannte aus dem Viertel. „Wir erzählen gerade viel Negatives – dabei ist das Leben hier wirklich schön“, sagt Lišková, die hauptberuflich Theaterproduktionen für Kinder betreut. „Wir sind eine gute Gemeinschaft, helfen uns gegenseitig aus. Daraus ziehen wir unsere Energie.“

Lišková zeigt das Café der „Divoké matky“, der „Wilden Mütter“, das ein Knotenpunkt für die Aktivitäten im Viertel ist. Es liegt in der Pernerova-Straße, wo die verschiedenen Welten, die den Mikrokosmos Karlín prägen, aufeinanderprallen. Noch rauchende Fabrikschornsteine reihen sich an renovierte Gründerzeitbauten, heruntergekommene Industrieareale an Vorzeigeprojekte wie das Forum Karlín, das unter anderem die Redaktionen des Medienkonzerns Economia sowie eine moderne Konzerthalle beherbergt, über die Stránský regelrecht ins Schwärmen gerät. Seiner Meinung nach ist das Forum eines der gelungenen Bauprojekte im Viertel.

Ein Hafen für Karlín
Über eine Fußgängerbrücke führt der Spaziergang durch das Viertel auf die Rohanský-Insel. Es geht vorbei an sterilen Bürotürmen, hinein in die Wildnis aus Bäumen, Sträuchern und Zement. Hier am Fluss finden sich auch zwei Lieblingsprojekte der engagierten Bürger. Für den „Přístav 18600“ wurde ein Areal am Ufer gesäubert, eine kleine Containerbar installiert, ein Beachvolleyball-Feld angelegt. In einem Baum hängt eine Vogelhaus-Kolonie aus alten Lautsprecherboxen.

Jetzt ist das Gelände verwaist, im Sommer fanden fast täglich Konzerte, Theateraufführungen und kleine Festivals statt. „Früher musste man hier Angst haben, wenn man mit seinem Hund spazieren ging“, erzählt Lišková. Přístav heißt Hafen. Einen Miniatur-Hafen hat Karlín sobě, das aus gut einem Dutzend aktiver Mitglieder besteht, in unmittelbarer Nähe zum Přístav 18600 auch selbst gebaut. Stolz zeigen Lišková und Stránský den Anlegeplatz der neuen Fährverbindung von Karlín über die Insel Štvanice nach Holešovice. „Nachdem uns unsere Politiker lange erklärt haben, warum das mit der Anlegestelle nicht geht, haben wir es einfach selbst gemacht. Zur Eröffnung kamen sie dann aber alle und haben es als ihre Idee gefeiert.“

Steht man auf der Rohanský-Insel, öffnet sich an einer Stelle der Blick durch eine Lücke in der Wand aus Luxusapartments, Bauzäunen und Bürokomplexen. Man sieht die Sokolovská-Straße und das einstige Hotel Hamburk, das zu Zeiten der Habsburgermonarchie Handelsreisende beherbergte. Die niedrigen Häuser hier bildeten früher das Zentrum der Vorstadt Karolinenthal, die erst im Jahr 1922 nach Prag eingemeindet wurde. Man sieht auch die Statue Jan Žižkas auf dem Vítkov-Hügel.

Unermüdlich wie der Hussitenkämpfer geben sich auch Lišková und Stránský, wenn es um ihren Stadtteil geht. Nach einem Spaziergang mit ihnen gewinnt man den Eindruck: Den eigenen Stadtteil mitgestalten und „denen im Rathaus ein bisschen auf die Nerven gehen“, wie Stránský es grinsend formuliert, kann offenbar ziemlich viel Spaß machen.



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