„Wir haben das mutigste Publikum der Welt“

„Wir haben das mutigste Publikum der Welt“

Für das „Belarus Free Theatre“ ist der 80. Geburtstag von Václav Havel eine Herzensangelegenheit. Anfang Oktober tritt die Kompanie beim Festival „Prague Crossroads“ im Nationaltheater auf

27. 9. 2016 - Text: Katharina WiegmannInterview: Katharina Wiegmann; Foto: Jane Hobson und Nicolai Khalezin

Wie könnte man besser an den 80. Geburtstag Václav Havels erinnern als mit einem Theaterfestival? Wohl nur mit einem Theaterfestival, das nicht in Erinnerungen schwelgt, sondern politische Debatten ermutigt. Das diejenigen würdigt, die sich heute darum bemühen, in der Wahrheit zu leben. Das „Belarus Free Theatre“ („Freies Weißrussisches Theater“) bringt seit mehr als zehn Jahren Stücke auf die Bühne, die dem Regime von Präsident Alexander Lukaschenko unangenehm sind. Darin wird offen über das gesprochen, was es in der Gesellschaft offiziell nicht gibt – Repression durch den Geheimdienst und persönliche Tragödien wie Alkoholismus, Missbrauch, Schmerz, Verlust. „Wenn ihr weiter in einer Diktatur leben wollt, flüstert weiter. Wenn ihr eure Situation ändern wollt, müsst ihr so laut schreien, dass euch die Machthaber hören“, sagte Havel einmal zu Natalia Kaliada. Sie ist eine von drei Gründern der Gruppe. Vor der Reise nach Prag sprach sie mit PZ-Redakteurin Katharina Wiegmann über Havels Einfluss und das Leben im britischen Exil.

Was verbindet Sie mit Václav Havel?
Er war einer der größten Humanisten des 20. Jahrhunderts. Er hat die Idee des gewaltfreien Widerstands in eine Waffe im Kampf gegen den Totalitarismus verwandelt. Für uns war er ein enger Freund und wichtiger Lehrer. Bevor wir im März 2005 mit dem „Belarus Free Theatre“ an die Öffentlichkeit traten, hatten mein Mann und ich einen Brief an Sir Tom Stoppard und Václav Havel geschrieben. Die Antwort kam sofort.

Wie hat Havel Ihnen geholfen?
Einmal sollte Alexander Lukaschenko zu einem Treffen der Östlichen Partnerschaft der EU nach Prag eingeladen werden. Wir baten Havel darum, moralischen Druck auszuüben, damit das nicht passiert. Ich weiß nicht, wie er es gemacht hat, aber Lukaschenko kam tatsächlich nicht. Stattdessen holte Havel unsere Show „Generation Jeans“ während des Treffens nach Prag. Darin geht es um Musik, Jeans und den Widerstand gegen jede Form von Diktatur. Jan Palach, der sich aus Protest gegen die russischen Panzer selbst verbrannte, hat uns zu diesem Stück inspiriert.

In Prag werden Sie am 4. Oktober das Stück „Zeit der Frauen“ aufführen. Inwiefern hat Havel auch das inspiriert?
Am 16. Dezember 2010, drei Tage vor den sogenannten Präsidentschaftswahlen in Weißrussland, schrieb Havel uns einen Brief. Ich habe ihn vor 50.000 Menschen vorgelesen, die gegen das Regime demonstrierten. Der Text war eine wundervolle Unterstützung für alle, die später wegen ihres friedlichen Protests verhaftet wurden. Natalia Radina, eine der führenden Initia­torinnen der Charta 97, nahm den Brief an sich, weil sie ihn später veröffentlichen wollte. Am Abend wurde sie festgenommen und ins Gefängnis des Geheimdienstes gebracht. Sie war drei Monate dort und las den Brief jeden Tag. Die Geschichte geht noch weiter – aber mehr möchte ich über das Stück nicht verraten. Es geht um Widerstand, weibliche Stärke und die Kraft zum Weiterkämpfen, selbst im Gefängnis.

Einige Mitglieder des „Belarus Free Theatre“ leben in London im Exil, andere arbeiten weiterhin in Weißrussland. Wie funktioniert das?
Es ist ein logistischer Alptraum. Kein Theater in einem demokratischen System kann sich mit uns vergleichen. In den Risikoanalysen unserer Businesspläne kommen der KGB und die Polizei vor. Es kann auch passieren, dass die Häuser, in denen wir spielen, anschließend zerstört werden. Ganz zu schweigen vom Verlust des Arbeits- oder Ausbildungsplatzes, nur weil man Theater macht. In Tschechien weiß jeder, der die Geschichte der Plastic People of the Universe kennt, wovon ich spreche. In den vergangenen Jahren haben Nikolai Khalezin, Wladimir Scherban und ich im Exil leidenschaftliche und professionelle Mitglieder für unser Team gefunden. Wenn eines Tages die Demokratie nach Weißrussland kommt, weiß ich, dass wir mit unseren britischen und weißrussischen Kollegen zusammen etwas Tolles aufbauen können. Bis dahin arbeiten wir über Skype mit unseren Schauspielern im Untergrund.

Welche Themen greift das „Belarus Free Theatre“ auf?
Wir wollen über Tabus in unserem Land sprechen. Wir wollen sagen, was wir wollen, und zwar wann, wo und zu wem auch immer – mit den Mitteln des Theaters. Alle unsere Aktivitäten, ob Produktion, Ausbildung der Schauspielschüler oder politische Kampagnen, zielen darauf ab, Tabus zu brechen. Und zwar nicht nur in Weißrussland, sondern auch in jeder anderen Gesellschaft. Und auch unsere ganz persönlichen Grenzen wollen wir überwinden.

Wer schaut sich in Weißrussland Ihre Stücke an?
Wir haben das mutigste Publikum der Welt. Wir existieren nur dank Mund-zu-Mund-Propaganda und weil wir soziale Medien nutzen. Als wir 2005 mit dem Untergrundtheater begannen, hängten wir Flugblätter mit unseren Telefonnummern und E-Mail-Adressen in den Toiletten sämtlicher Universitäten in Minsk auf. So entstand der erste Ausbildungsjahrgang unseres Theaters. Bis heute haben wir ein sehr junges Publikum. Direktoren internationaler Festivals, die sich unsere Stücke in Minsk anschauen, fragen uns immer, wie wir das machen. Um diese Zielgruppe zu erreichen, müssten sie ein Vermögen ausgeben. Unsere Antwort ist, dass wir die Sprache dieser Leute sprechen – und über alle Themen, die sie herausfordern und provozieren.

„Zeit der Frauen“ dreht sich um das Leben in einem repressiven Staat.

Einmal wurde das gesamte Theater einschließlich Publikum und anwesenden Journalisten während einer Vorführung verhaftet. Was ist genau passiert?
Oh, das ist nicht nur einmal passiert. Aber ich kann vom ersten Mal erzählen, im August 2007. Wir kamen gerade aus Warschau zurück. Tom Stoppard und Václav Havel hatten dafür gesorgt, dass uns Mick Jagger zum Rolling-Stones-Konzert einlud. Wir trafen Jagger und er nahm mit Havel und Stoppard auf Weißrussisch eine Videobotschaft auf, in der er der Bevölkerung die Freiheit wünschte. Das Video verbreitete sich rasch und dem Regime wurde klar, dass solche Botschaften viel stärker sind als Statements von Politikern. Lukaschenko bekam Angst. Kurz nach Beginn der Vorführung standen also Polizisten, Sondereinheiten und der KGB an unserem geheimen Veranstaltungsort und verhafteten das gesamte Publikum, 60 bis 70 Leute, darunter auch schwangere Frauen und Kinder. Und natürlich uns.

Warum verfolgt das Regime überhaupt die Aktivitäten einer Theaterkompanie?
Wir bringen die Menschen zum Nachdenken und vor einer denkenden Bevölkerung fürchten sich die Machthaber am meisten. Unsere Botschaft wird in mehr als 40 Ländern gehört. Wir sprechen mit Hillary Clinton und anderen Führungspersönlichkeiten. Wir werden als künstlerische Botschafter der Menschenrechte anerkannt. Ich denke, das weißrussische Regime sollte Angst vor uns haben.

Sehen Sie sich als politische Aktivistin?
Ich weiß, was es heißt, Familienmitglieder und Freunde zu verlieren. Wenn das passiert, kann man nicht ruhig bleiben und beobachten, wie jemand das eigene Leben zerstört, nur weil er an der Macht bleiben will. Wir tun, was wir können, damit andere nicht erleben müssen, was wir erlebt haben.

Sie haben Weißrussland nach den Präsidentschaftswahlen 2010 verlassen. In der Zwischenzeit hat Lukaschenkos fünfte Amtszeit begonnen, vor einigen Wochen hat das Land ein neues Parlament gewählt. Haben Sie noch Hoffnung, dass sich die Situation ändert und Sie zurückkehren können?
Mein Schwager ist noch in Weißrussland, ebenso wie mein Vater, der unsere Schauspielschüler im Untergrund unterrichtet. Beide mussten wegen des Theaters Repressionen erleiden und es ist sicherer für sie, wenn wir nicht da sind. Ich vermisse unser Zuhause, wo fünf Generationen unserer Familie zusammenlebten. Ich vermisse die Partys bei unseren Freunden. Aber wenn es keine Hoffnung gäbe, würden wir nicht weitermachen. Es fühlt sich auch so an, als nähmen wir am Leben in Weißrussland noch teil, mit dem kleinen Unterschied, dass Nikolai, Wladimir und ich nur über Skype dabei sind.

Hat das Leben im Exil Ihre Arbeit verändert?
Das Exil hat unser Leben komplizierter gemacht. Die Heimat zu verlieren, plant man nicht. Wir fühlen wie alle Flüchtlinge, die versuchen, ihre Familien zu retten. Das Theater existiert in Weißrussland und außerhalb des Landes. Wir leben in zwei parallelen politischen Realitäten. In den vergangenen sieben Jahren haben wir verstanden, dass wir als Theatermacher nicht nur gegen Tabus in Weißrussland kämpfen müssen, sondern dass wir eine Verantwortung für unsere Umgebung haben, auch für die Ukraine und Russland. Aus unserer Position können wir beide Systeme durchdringen – Diktatur und Demokratie.

Wie wirkt sich das Leben im Exil auf Ihre Stücke aus?
Als wir verstanden haben, dass ein anderes Land unsere zweite Heimat wird, wollten wir auch mit den Menschen hier arbeiten und einen kulturellen Austausch beginnen. 2012 produzierten wir mit „Trash Cuisine“ unser erstes Stück auf Englisch. Wir wollten eine Botschaft über die Todesstrafe in Weißrussland und weltweit senden, und zwar in der Muttersprache unseres Publikums in Großbritannien und den USA, damit nichts in der Übersetzung verloren geht. Mit den Schauspielern und einem Choreographen hatten wir schon zuvor gearbeitet – wir bauen langsam ein internationales Ensemble auf. Ab Oktober wird unser neues Stück „Tomorrow I Was Always A Lion“ unter der Regie von Wladimir Scherban aufgeführt. Es ist das erste mit ausschließlich britischen Schauspielern. Aber auch unsere politische Arbeit geht weiter. In der Show „Burning Doors“, die sehr erfolgreich im Londoner Soho Theatre läuft, machen wir auf den Filmemacher Oleg Sentsov aufmerksam, der in Russland zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Das echte Leben und echte Menschen – darum wird es für uns immer gehen, egal wo wir leben.



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