Wie viel kostet das Leben der Kultur?

Wie viel kostet das Leben der Kultur?

Staat und Künstlerinitiativen streiten über das Förderbudget für Darstellende Künste

13. 2. 2013 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Foto: ZK2013

Hansgünther Heyme trifft es auf den Punkt. „Der Staat muss die Kultur auch in Zukunft fördern, genauso wie er die Müllabfuhr finanziert“, so der Ludwighafener Theaterregisseur. „Denn sie ist die Müllabfuhr für die Seele.“ Kunst und Kultur sind von unschätzbarem Wert für eine Gesellschaft. Ein Befund, der seit der Antike feststeht. Die Frage ist vielmehr, was sie uns wert ist – eine zeitlose und zugleich hochaktuelle Frage.

Seitdem das tschechische Kulturministerium Ende Januar wieder einmal Kürzungen in seinem Ressort verkündet hat, bangen viele kulturelle Institutionen um ihr Überleben. Im Vergleich zum vergangenen Jahr plant der Staat 100 Millionen Kronen (etwa 4 Millionen Euro) weniger in die Förderprogramme der Darstellenden Künste – „Živé umění“, also lebendige Kunst heißt der entsprechende Haushaltstopf am Ministerium – zu investieren. Das ist eine Differenz, die den ohnehin unterfinanzierten Kultursektor empfindlich trifft. Nichtstaatliche Kultureinrichtungen, Vertreter von Zeitschriften, Künstler und Initiativen wie „Für ein kulturelles Tschechien“ („Za Česko kulturní”) haben sich deshalb mit einem offenen Brief an das Kulturministerium und die Kommission für die Verteilung der Subventionen gewendet. Sie fordern eine Revision des Entschlusses von Kulturministerin Alena Hanáková (TOP 09).

Im Irrgarten der Zahlen
Betrug der Etat für Darstellende Künste – dazu zählen Tanz, Theater, aber auch Medien-, Konzept- und Klangkunst – im vergangenen Jahr noch etwas mehr als 372 Millionen Kronen (circa 14 Millionen Euro), ist er in diesem Jahr auf knapp 280 Millionen Kronen (etwa 11 Millionen Euro) geschrumpft. Paradoxerweise ist das Gesamtbudget des Ministeriums aber nicht gesunken, sondern sogar um über 460 Millionen Kronen (knapp 18 Millionen Euro) gestiegen. Eine Diskrepanz, die viele Kulturschaffende nicht verstehen und für eklatant halten: „Wenn sich in der Kulturszene schon im letzten Jahr viele am Rande des Überlebens bewegt haben, dann bereitet der nun bewilligte Betrag vielen kulturellen Aktivitäten endgültig den Garaus. Nach 20 Jahren ihres Bestehens gibt die Tschechische Republik praktisch ihre Tradition staatlicher Kulturförderung auf. Offensichtlich scheint das Ministerium, sämtliche kulturelle Aktivitäten ersticken zu wollen. Das ist ein Skandal!“, heißt es in dem offenen Brief.

Glaubt man dem Presseamt des Kulturressorts, handelt es sich um einen Irrtum. Entgegen der in den Medien kolportierten Behauptungen sei das Budget nicht gestiegen, sondern wesentlich gesunken. Jan Vondryska aus der Presseabteilung erklärt warum: „Das Ministerium befindet sich in einer schwierigen Lage. Obwohl wir über ein Gesamtbudget von etwa 8,9 Milliarden Kronen verfügen, fällt der effektive Haushalt in diesem Jahr bedeutend geringer aus.“ Hanáková seien die Hände gebunden, da ein Großteil der zur Verfügung stehenden Gelder aus den Töpfen der Europäischen Union stammt. Die Verteilung der Mittel ist demnach auch an EU-Projekte gekoppelt. Laut Vondryska sind es 1,65 Milliarden Kronen (rund 65 Millionen Euro), die Tschechien von der EU erhält – damit einher geht die Verpflichtung, die entsprechenden EU-Projekte mit einem 15- prozentigen Anteil des Gesamtetats zu unterstützen. „Am Ende bleiben dem Ministerium also 7,24 und nicht 7,39 Milliarden Kronen wie noch im vergangenen Jahr. Wir haben demnach 150 Millionen Kronen weniger“, so Vondryska.

Die Rechnung Vondryskas zur Rechtfertigung seines Arbeitgebers geht nicht auf. Betrachtet man die Entwicklung des Kulturhaushalts der letzten sechs Jahre, fallen nach einem Rückgang in den Jahren von 2008 bis 2011 steigende Zahlen auf. Summa summarum ist der Etat seit 2007 bis heute um beinahe eine Milliarde Kronen angestiegen. Anders verhält es sich mit der finanziellen Unterstützung der Darstellenden Kunst. Tatsächlich ist diese seit 2008 beständig geschwunden. Standen vor fünf Jahren noch 648 Millionen Kronen (etwa 25 Millionen Euro) zur Verfügung, spendierte das Kulturministerium zwei Jahre darauf knapp ein Viertel weniger. Mit dem aktuellen Vorschlag sind die Fördermittel seit 1993 gegenwärtig an ihrem historischen Tiefstand anbelangt.

David gegen Goliath
Die geplanten Kürzungen betreffen weniger staatliche Einrichtungen wie das Nationaltheater oder die Oper, sondern vor allem kleinere Kultureinrichtungen und Organisationen sowie die Förderung der Kultur der nationalen Minderheiten. Denn das Kulturministerium fördert zunächst alle 29 staatlichen Unterorganisationen, beispielsweise Nationalmuseum und Denkmalpflege. Erst danach kommen unabhängige Institutionen; für sie bleibt indes nicht mehr allzu viel übrig. Ein Aspekt, der vielen Kulturvereinen jenseits der etablierten Institutionen übel schmeckt. Das Problem ist nicht neu: Schon seit dem 19. Jahrhundert ringt die randständige, alternative Kunst mit ihrer etablierten Schwester. Was früher Avantgarde war, zählt heute längst zum guten Geschmack und ist gesellschaftsfähig geworden. Ums Überleben kämpfen kleinere „Kulturproduzenten“, die sich nicht problemlos in die kommerzielle Kette der kulturellen Angebote einreihen lassen. Gefördert wird in erster Linie, was den Interessen der Förderer dient. So wirft Eva Kreuzmannová, Leiterin des Tanzfestes „Tanec Praha“, dem Ministerium denn auch Lobbyismus vor: „Die ganzen Investitionen sind eng an bestimmte Aufträge geknüpft. Gegenüber ihrer Lobby sind unabhängige Künstler natürlich die am wenigsten interessante Gruppe – sie werden also systematisch überhört.“ Kreuzmannová befürchtet, dass der Beschluss des Ministeriums für viele kleine regionale Vereine und Projekte das Ende bedeutet. „Um halbwegs überleben zu können, benötigen wir mindestens 500 Millionen Kronen. Das wären immer noch weniger als sechs Prozent des Kulturbudgets“, betont Kreuzmannová.

Der offene Brief hat bisher 4.000 Unterzeichner gefunden. Protestaktionen gegen die „Zerstörung der lebendigen Kultur“ haben den öffentlichen Druck verstärkt. So kamen in der letzten Woche Vertreter unabhängiger Künste und Ressortleiter der Kommission für die Verteilung der Fördergelder zusammen. Am Dienstag gab das Kulturministerium bekannt, sein Budget für Förderprogramme Darstellender Künste überdacht zu haben. 40 Millionen mehr ist ihm eine lebendige Kultur wert. Die Initiative „Zachraňte kulturu 2013“ („Rettet die Kultur 2013“) hat indes zu einem weiteren Protest aufgerufen. Am Donnerstag, 14. Februar will sie vor dem Kulturministerium in Prag gegen das dürftige Budget vorgehen. Teilnehmende sind aufgerufen, mit einem Joghurtbecher in der Hand teilzunehmen. Um zu demonstrieren, wie viel von einer lebendigen Kultur am Ende übrigbleibt.



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