Warten auf den Erfolg

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Frauenfußball hat in Tschechien einen schweren Stand. Doch die Damen könnten bald aufholen

26. 8. 2015 - Text: Corinna AntonText: Corinna Anton; Foto: Hana Výmolová

Als vor ein paar Wochen die Fußballweltmeisterschaft der Frauen ausgetragen wurde, staunte ein tschechischer Kollege: „Es gibt Frauen, die Fußball spielen? Auch bei uns?“ Damit brachte er ungewollt auf den Punkt, wie es um den Frauenfußball hierzulande steht: Von Verhältnissen wie in Deutschland, wo selbst gestandene Männer den DFB-Damen die Daumen drücken, ist man in Tschechien weit entfernt. Für die WM hatte sich die weibliche Nationalelf gar nicht erst qualifiziert. Doch Grund zur Hoffnung sieht ausgerechnet ein Mann.

Dušan Žovinec ist 57, für den tschechischen Frauenfußball schlägt sein Herz seit 1988. „Unser Problem ist, dass viele Offizielle sagen, Frauen könnten nicht Fußball spielen“, ärgert er sich über manche männlichen Kollegen. „Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Sichtweise auch bei uns ändern wird.“ Žovinec hat lange die Nationalmannschaft trainiert, jetzt ist er als Manager für die Damen von AC Sparta Prag zuständig. Der Verein ist einer von acht, die in der ersten Liga vertreten sind, und laut Žovinec neben Slavia und dem 1. FC Slovácko aus Uherské Hradiště einer von wenigen, die viel Wert auf Frauen­fußball legen.

Vor 15 Jahren habe ein Sponsor aus Passau in den Club investiert, sagt der Manager, seitdem werde Frauenfußball bei Sparta ähnlich unterstützt wie in Deutschland. Die 25 Damen der A-Mannschaft haben Verträge und werden bezahlt – wenn auch nicht so, dass sie davon leben könnten. 30 Talenten aus dem A- und dem U19-Kader finanziert der Verein zudem eine Ausbildung an seiner Fußballakademie, die mit der deutsch-englischen Handelsakademie zusammenarbeitet. Umgerechnet rund 350.000 Euro pro Jahr fließen bei Sparta insgesamt in den Frauenfußball; das entspreche etwa dem Budget einer Herrenmannschaft in der dritten Liga, sagt Žovinec. Die Spielerinnen haben seinen Worten zufolge alle ein Ziel: Sie wollen ins Ausland.

Michaela Čulová hat sich diesen Traum bereits erfüllt. Ein Jahr spielte die heute 24-Jährige für den niederösterreichischen SV Neulengbach in der ersten Liga. Obwohl sie dort ihren Lebensunterhalt mit Fußball bestreiten könnte, ist sie zu Sparta zurückgekehrt. „Es hat mir nicht so gut gefallen“, sagt die Verteidigerin aus Nordböhmen, die in der Grundschule begonnen hat, mit den Jungs aus ihrer Klasse auf dem Pausenhof zu kicken und die mit kurzen Unterbrechungen seit 16 Jahren für Sparta auf dem Platz steht. Ihren bisher größten Erfolg feierte sie mit dem SV Neulengbach im Viertelfinale der Champions League – obwohl sie auch zum Kader der tschechischen Nationalmannschaft gehört. „Da warten wir aber noch auf einen richtig großen Triumph“, sagt Čulová.

Ihre Kollegin Alžbeta Blažková hat ebenfalls zuerst nur mit Jungs gespielt. „Ich wusste am Anfang gar nicht, dass es Frauen­fußball überhaupt gibt“, sagt die Verteidigerin, die vor einem Jahr vom FC Slovácko zu Sparta wechselte. Auch die 21-Jährige spielt für die Nationalelf, ebenso Adelka Pivoňková. Alle drei wünschen sich mehr Zuschauer. „Zum Derby kommen vielleicht 200, 300, wenn wir in der Champions League spielen etwa 1.500“, erzählen die jungen Frauen. Zu ihren Fans gehören auch Kollegen und Chefs, die Verständnis dafür aufbringen, dass sie viermal pro Woche pünktlich von der Arbeit direkt zum Training gehen. Als ihre Idole nennen die Spielerinnen Namen wie Lionel Messi und Sergio Ramos, aber auch die 21-jährige Melanie Leupolz, die beim FC Bayern München unter Vertrag steht.

Von Deutschland lernen will auch Žovinec – und irgendwann vielleicht sogar mit dem großen Nachbarn gleichziehen. „Wir haben eine Chance, aber wir müssen effektiver arbeiten“, sagt der Manager. Seit 1988, als die Spielerinnen noch über den Zaun auf ein Schulgelände kletterten, um dort zu trainieren, habe Tschechien „enorme Fortschritte“ gemacht. Als Slavia im vergangenen Jahr in der Champions League auf Barcelona traf (und mit 0:1 verlor), kamen mehr als 4.000 Zuschauer ins Stadion; auch die Medien interessierten sich für die Partie. Und immer mehr Damen kaufen sich Fußballschuhe. Derzeit seien in Tschechien etwa 12.000 bis 14.000 Frauen und Mädchen in Vereinen aktiv, sagt Žovinec. „Vor 15 Jahren waren es nur rund 2.000 Spielerinnen im ganzen Land.“ Nur bei manchen Männern ist es noch nicht angekommen, dass auch Frauen in der Lage sind, das Runde in das Eckige zu befördern.



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