Vor dem Scherbenhaufen

Vor dem Scherbenhaufen

Der Glashersteller Rückl Crystal blickt auf eine lange Tradition zurück. Nun ist das Familienunternehmen insolvent

10. 9. 2015 - Text: Corinna Anton

Das Kreisgericht in Prag hat Ende August den Glashersteller Rückl Crystal in die Insolvenz geschickt. Das Familienunternehmen aus dem mittelböhmischen Nižbor war seit Juni zahlungsunfähig und hatte den Insolvenzantrag selbst gestellt. Etwa 60 Gläubiger fordern insgesamt mehr als 156 Millionen Kronen (rund 5,8 Millionen Euro) von Rückl Crystal – unter ihnen die Finanzierungsgesellschaft Swiss Forfait, das Unternehmen RWE Energie und die Tschechische Sparkasse (Česká spořitelna). Der derzeitige Wert der Firma wird auf 74 Millionen Kronen geschätzt. Der Betrieb laufe momentan weiter, sagte Insolvenzverwalter David Jánošík.

Das Gericht gab dem Insolvenz­antrag statt, weil innerhalb der gesetzlichen Frist kein Plan für eine Neuordnung des Unternehmens vorgelegt wurde. „Die Geschäfte des Schuldners sind auch nach der Entscheidung über den Bankrott verlustreich, er kämpft mit Umsatzeinbußen, dem Weggang wichtiger Mitarbeiter und weiteren Komplikationen“, heißt es in der Nachricht des Insolvenzverwalters.

In wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet der Hersteller von Bleikristall in den vergangenen Jahren, als die Nachfrage wegen der Finanzkrise zurückging – und aufgrund der politischen Lage in wichtigen Exportländern wie Ägypten, Russland und dem Iran. 2013 erzielte die Glasfabrik, die damals 161 Angestellte beschäftigte, 103 Millionen Kronen Umsatz und machte damit 1,9 Millionen Kronen Verlust. Im folgenden Jahr sank der Umsatz auf 83 Millionen Kronen, der Verlust stieg auf 59 Millionen. Zuletzt hatte die Firma außerdem mit technischen Problemen zu kämpfen. Die Zahl der Mitarbeiter ging bis Anfang Juni dieses Jahres auf 133 zurück.

Der Name Rückl ist seit mehr als drei Jahrhunderten mit der Glasherstellung verbunden. Die Familie kam um 1700 aus dem Gebiet der heutigen Schweiz nach Böhmen. Über Italien und Bayern gelangten sie zunächst in den Böhmerwald, dann weiter nach Nord- und Ostböhmen. Bei Chrudim nahe Pardubice gründete Jan Rückl 1846 eine Glashütte; sein Sohn Antonín baute später Werke in der Nähe von Jindřichův Hradec, bei Česká Lípa und in Nižbor bei Beroun. Er wandelte den Betrieb 1923 in eine Aktiengesellschaft um, deren Anteilseigner ausschließlich Familien­mitglieder waren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie auf Grundlage der „Beneš-Dekrete“ enteignet und der Betrieb verstaatlicht. Zuerst gehörte er zu Český křišťál in České Budějovice, ab 1965 war er ein Teil der Glaswerke Sklárny Bohemia in Poděbrady. Nach der Samtenen Revolution kaufte Jiří Rückl, ein Nachfahre des Gründers, das Unternehmen für 37 Millionen Kronen zurück. 2005 übernahmen seine Töchter Simona und Markéta den Betrieb.

Neben Haushaltsglas fertigt Rückl aus Bleikristall auch Trophäen, etwa für Golf- und Tennisturniere sowie den Filmpreis „Český lev“ („Böhmischer Löwe“). Glas aus Nižbor hatten Papst Johannes Paul II., Queen Elizabeth II. sowie der ehemalige US-Präsident Bill Clinton in ihrem Schrank stehen.

Gerüttelt, aber nicht zerbrochen
Vier große tschechische Glashersteller gerieten in den vergangenen Jahr in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Sie alle gehörten zur Firmengruppe Bohemia Crystalex Trading (BCT), die im Herbst 2008 bankrottging. Mittlerweile erwirtschaften sie aber wieder Gewinne.

Crystalex (Nový Bor)
Anfang 2009 wurde die Glasproduktion bei Crystalex eingestellt. Vorher hatten für das Unternehmen etwa 1.800 Angestellte in Nový Bor, Hostomice, Karolinka na Vsetínsku und Vrbno pod Pradědem gearbeitet. Einen Teil der Anlagen kaufte später für 363 Millionen Kronen die Gesellschaft CBC Invest (heute Crystalex CZ), die 2010 die Produktion wieder aufnahm. Die neuen Eigentümer meldeten zuletzt Erfolge. Im vergangenen Jahr belief sich der Umsatz auf 960 Millionen Kronen, der Betrieb schrieb schwarze Zahlen.

Sklárny Bohemia (Poděbrady)
Die Herstellung von Bleikristall wurde im Herbst 2008 gestoppt. Dann kaufte die Aktiengesellschaft Crystal Bohemia die Fabrik für 61 Millionen Kronen, im Oktober 2009 wurde die Produktion in Poděbrady wieder aufgenommen. Derzeit beschäftigt das Unternehmen rund 400 Angestellte. Der Umsatz belief sich 2014 auf etwa 440 Millionen Kronen, der Gewinn betrug mehr als 30 Millionen Kronen.

Sklárny Kavalier (Sázava)
Der Produzent von Borosilikatglas mit dem Handelsnamen Simax, das häufig in der Industrie zum Einsatz kommt, musste im Gegensatz zu den anderen Unternehmen der BCT-Gruppe die Produktion nach dem Konkurs nicht einstellen. Neuer Eigentümer wurde im August 2009 die Firma Ojgar. Öffentlich zugänglichen Informationen zufolge machte der Betrieb, der Haushalts- und Laborglas fertigt, zuletzt Gewinn.

Sklo Bohemia (Světlá nad Sázavou)
Das Werk in Světlá nad Sázavou kaufte nach dem BCT-Bankrott der Unternehmer Lubor Červa. Im Herbst 2009 wurde die maschinelle Glasherstellung wieder aufgenommen. Heute trägt die Firma den Namen Crystalite Bohemia und ist der größte heimische Produzent von Haushaltsglas. Derzeit arbeiten etwa 700 Angestellte in den Werken in Světlá nad Sázavou und in Květná an der Grenze zur Slowakei. Das Unternehmen wies 2013 einen Gewinn von rund 41 Millionen Kronen aus, der Umsatz belief sich auf 801 Millionen Kronen.



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