Von Rosen und Gitarren

Von Rosen und Gitarren

Blatná in Südböhmen ist nicht nur für Blumen- und Musikfreunde eine Reise wert

17. 10. 2012 - Text: Yvette PolášekText und Foto: Yvette Polášek

 

Was verbindet die tschechische Nationalhymne, den Radsportler Christian Battaglia und den Beatles-Gitarristen George Harrison? Die Stadt Blatná am Rande des Mittelböhmischen Waldgebirges (Brdská vrchovina), die knapp 20 Kilometer nördlich von Strakonice am Fluss Lomnice liegt. Es ist der Geburtsort des Opernsängers Karel Strakatý, der im Jahre 1834 als erster die tschechische Hymne „Kde domov můj“ („Wo ist mein Heim?“) gesungen hat. Die Umgebung rund um Blatná gilt mit ihrem dichten Fahrradwege-Netz als „kraj Christiana Battaglii“, als Region des phänomenalen Radfahrers Christian Battaglia (1914–1991), der in seinem Leben beinahe eine Million Kilometer zurückgelegt haben soll. Und zu guter Letzt wird die rund 6.700 Einwohner zählende Stadt auch als eine der Geburtsstätten elektrischer Musikinstrumente in Europa angesehen. Auf in Blatná hergestellten E-Gitarren spielten neben Musikern aus der ehemaligen Tschechoslowakei auch weltbekannte Künstler wie George Harrison von den Beatles, Jimmy Page von „Led Zeppelin“ und Gerry Marsden von „Gerry & the Peacemakers“.

Erfolg auf der Expo
Die Basis für den Aufstieg der hier ansässigen Musikinstrumentenindustrie bildete die im Jahre 1947 gegründete Firma Resonet, die noch im gleichen Jahrzehnt das legendäre E-Piano „Resonet 506“ auf den Markt brachte. Nach ihrem Konkurs wurde der Betrieb von der Produktionsgenossenschaft Dřevokov aufgekauft. Josef Růžička, Vladimír Vlček, Jan Hořejš und Vladimír Salivar gelang es, mit dem „Goldenen Dreier“ („zlatá trojka“) – wie man die E-Gitarren „Gracioso“, „Arioso“ und „Arco“ nannte – auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel die Goldene Medaille zu holen.

Die Auszeichnung auf der Expo ebnete den Weg für den erfolgreichen Export tschechischer E-Gitarren ins europäische Ausland – wobei die „Gracioso“ in Westeuropa unter dem Namen „Futurama“ bekannt geworden ist. In einem Interview kommentierte einst Instrumentenbauer Josef Růžička mit einem verschmitzten Lächeln den Erfolg im eigenen Land: „Nebýt nás, tak by ti kluci u nás neměli na co hrát.“ – „Wären wir nicht gewesen, hätten die Jungs bei uns nichts gehabt, worauf sie hätten spielen können.“

Blatná hat sich hierzulande auch durch die Rosenzucht einen Namen gemacht, die ihr den Beinamen „Stadt der Rosen“ („město růží“) einbrachte. Nach dem Ersten Weltkrieg legte der Züchter und Gärtner Jan Böhm Rosenplantagen an, die in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts mehr als 30 Hektar umfassten. Zahlreiche Neuzüchtungen wurden unter klingenden Namen bekannt – der gelbe „Stern von Blatná“, die lachsfarbene Blüte „Böhmisches Märchen“ und die Rosen „Herz Europas“, „Südböhmische Sonne“ und „Kde domov můj“.

Doch auch den Rosen von Blatná war nur eine kurze Blütezeit vergönnt. Während des Protektorats mussten die Blumenplantagen Ackerland weichen und der Staatsbetrieb, der die Rosenzucht bis in die neunziger Jahre fortführte, konnte nicht an alte Erfolge anknüpfen.

Gespenster im Schloss
Heute präsentiert sich das bereits im Jahre 1235 erstmals schriftlich erwähnte Blatná seinen Besuchern als idyllisches Städtchen mit bewegter Geschichte, eingebettet in eine malerische Umgebung mit zahlreichen Teichen und sanften Hügeln. Die Dominante der Stadt bildet eines von drei Wasserschlössern, die es in der Republik gibt. Die anderen beiden stehen in Červená Lhota, einem Ortsteil von Pluhův Žďár, und Švihov bei Klatovy.
Wie zahlreiche andere Adelssitze wechselte auch Schloss Blatná mehrmals die Besitzer – von den Rosentals (Rožmitál) über die Sternbergs (Šternberk) bis zu den aus Tirol stammenden Freiherren Hildprandt von und zu Ottenhausen, die das Schloss im Jahre 1798 erwarben, bis zur Enteignung 1948 besaßen und zu einem modernen Großgrundbesitz ausbauten.

Aufgrund der Restitution erhielt die Familie ihr Anwesen 1992 zurück und zog in das „Gartenhaus“ mit seinem beeindruckenden zweiarmigen Treppenaufgang – das eher an ein Lustschlösschen erinnert – ein. Die Besitzer wollen dem Wasserschloss nun durch eine aufwendige Restaurierung seine romantische Gestalt zurückgeben.

Heute ist Schloss Blatná ein beliebtes Ausflugsziel, wo Besucher zwischen sechs Besichtigungstouren wählen können. Angeboten werden eine klassische Schlossführung, die rund eine Stunde dauert, Kinder- und Nachtführungen sowie eine über zweistündige Besichtigung, die auch das grüne Zimmer mit Wandmalereien aus dem Jahre 1480 umfasst. Für Furchtlose beherbergt das historische Gemäuer eine „Gespenster-Ausstellung“.

Märchenhafte Kulisse
Nicht nur das Wasserschloss, auch der dazugehörige rund 42 Hektar große Englische Landschaftsgarten zieht Besucher an. Er bildet in der südböhmischen Kleinstadt eine Ruheoase, in der man während ausgedehnter Spaziergänge Damhirschen und Pfauen sowie exotischen Hölzern und jahrhundertealten Eichen begegnet.

Wen nach den vielen märchenhaften Eindrücken in Blatná – nicht umsonst bildeten das Schloss und dessen Umgebung die Kulisse zahlreicher tschechischer Filme – der Hunger plagt, kann sich von der hier ansässigen traditionellen Fischzucht überzeugen und einen Fisch aus lokalen Gewässern kosten. Am besten tut man das im urigen Gasthof „U Bryndů“, in dem man wählen kann, ob man sich in die Lokalhälfte setzt, die der k. & k. Monarchie gewidmet ist, oder in die mit dem Ambiente der Ersten Republik. Egal, für welche Epoche man sich entscheidet, den Ausblick auf Schloss Blatná und den angrenzenden Teich können alle genießen.

Infocentrum Blatná, tř. J. P. Koupka 4, Tel. 383 323 100, www.mesto-blatna.cz

Zámek Blatná, Na Příkopech 320, Tel. 383 422 934, www.zamek-blatna.cz

Hospůdka U Bryndů, Na Příkopech 185, Tel. 383 423 417

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