Vom Mensch zum Käfer und zurück

Vom Mensch zum Käfer und zurück

 

Der 1917 verstorbene Prager Schriftsteller Karl Brand verfasste kurz vor seinem Tod „Die Rückverwandlung des Gregor Samsa“. Sie schließt an Franz Kafkas berühmte Erzählung an und gibt Hinweise auf eine neue Interpretation

16. 7. 2015 - Text: Konstantin KountouroyanisText: Konstantin Kountouroyanis; Foto: Joop Zuijdendorp

 

Fragt man nach bekannten deutschsprachigen Dichtern und Literaten, die in Prag lebten, werden meist drei Namen genannt: Franz Kafka, Rainer Maria Rilke und Franz Werfel. Doch die Stadt hat mehr hervorgebracht als lediglich drei – wenngleich ohne Frage große – deutschsprachige Schriftsteller. Kafka, Rilke und Werfel sind heute die Galionsfiguren einer literarischen Bewegung, zu der mehr als 120 Autoren zählten und von denen Max Brod bereits 1966 in seinen Erinnerungen mit dem Titel „Der Prager Kreis“ berichtete.

Karl Brand, geboren 1895, war einer von ihnen. Er wäre wahrscheinlich in Vergessenheit geraten, wenn er sich nicht in einem seiner Texte auf die Erzählung „Die Verwandlung“ von Franz Kafka bezogen hätte. Allein der Titel verrät Brands genialen literarischen Schachzug: „Die Rückverwandlung des Gregor Samsa“ stellt eine eindeutige Verbindung zu Kafkas Werk her. Enttäuschend ist dagegen die Länge. Gerade vier Seiten umfasst der Text des expressionistischen Autors, der am 11. Juni 1916 im „Prager Tagblatt“ erschien.

Während bei Kafka der Käfer Gregor Samsa eines Morgens „krepiert“ ist, wie das Dienstmädchen gegen Ende der Erzählung verkündet, erwacht er in Brands Fortsetzung auf einem Kehrichthaufen und beginnt sich auf unerklärliche Weise zurückzuverwandeln. Am Ende des Textes heißt es: „Und Gregor Samsa erhob sich und ging. Seine Schritte waren langsam, aber fest und unerbittlich. Und als er zu den ersten Häusern der Stadt gelangte, schrien ihm die Häuserzeilen zu: ‚Ein neues Leben beginnt!‘“

Überdeutlich spricht aus diesen Zeilen Brands Sehnsucht nach einem sorglosen Leben in einem gesunden Körper. Als er diese Zeilen zu Papier brachte, hatte er nicht mehr lange zu leben. Im Jahr, in dem „Die Rückverwandlung des Gregor Samsa“ entstand, wurde bei ihm Lungentuberkulose diagnostiziert – genau die Krankheit, an der später auch Franz Kafka starb. Die ständigen Fieberschübe und Schweißausbrüche musste Brand schon lange gespürt haben, denn in einem Brief an den Dichter Antonín Macek schrieb er: „Ich ließ mich untersuchen (…). Die Diagnose ist – Tuberkulose!!! Ich habe längst gewußt, daß ich tuberkulös bin, aber doch glaubte ich nicht recht daran. Nun habe ich die furchtbare Gewissheit. Ich verzweifle nicht. Ich will mich nun schonen, wenn mir noch Schonung nützt.“ In einer Zeit, in der das Penizillin noch nicht entdeckt war, kam eine solche Nachricht einem Todesurteil gleich. Die Tuberkulose war auch der Grund, weshalb der Autor sich selbst das Pseudonym „Brand“ gab. Mit bürgerlichem Namen hieß er Karl Müller.

Auffallende Ähnlichkeiten
Bevor er seinen kurzen Text niederschrieb, hatte Brand mit Sicherheit „Die Verwandlung“ von Franz Kafka gelesen, die 1912 entstand und erstmals im Oktober 1915 in der von René Schickele herausgegebenen Zeitschrift „Die weißen Blätter“ gedruckt wurde. Die heute viel bekanntere Erstausgabe in Buchform erschien bei Kurt Wolff im Dezember 1915 in der Reihe „Der jüngste Tag“. Viel Zeit jedenfalls blieb Brand nicht, denn er sollte schon in weniger als zehn Monaten der schnell fortschreitenden Tuberkulose erliegen.

Umso erstaunlicher ist seine Produktivität. „Die Rückverwandlung“ ist nur einer von vielen Texten, die der junge Autor schrieb. Ein weiteres Werk Karl Brands („Novelle im Traum“) ist kürzlich in der zweisprachigen „Anthologie der deutschmährischen Literatur“ erschienen, die von Lukáš Motyčka und Barbora Veselá herausgegebenen wurde. Doch die Nähe zu Kafka macht Brand aus heutiger Sicht besonders interessant.

Vergleicht man Brands Familienverhältnisse mit denen des bei Kafka beschriebenen Gregor Samsa, so fallen Ähnlichkeiten auf. Hier wie dort findet sich ein junger Mann, der für die eigene Familie zur Last wird. Sein Tod wäre ein Befreiungsschlag für die Verwandten. Das lässt sich bei Samsa recht einfach feststellen. Bei Karl Brand belasten die schwere Lungenkrankheit und die enormen Kosten für die medizinische Behandlung die ohnehin in bescheidenen Verhältnissen auf der Prager Kleinseite lebende Familie.

Brand wohnte in dem Gebäude, das heute mit der Hausnummer eins in der Mostecká (nahe dem Platz Malostranské náměstí) steht und in den Geschichtsbüchern mit „Palais am Kleinseitner Ringplatz“ beschrieben wird. Doch die Lebensumstände um 1916 waren dort alles andere als palastartig. Erinnerungen des Schriftstellers Johannes Urzidil und Recherchen des Literaturwissenschaftlers Hartmut Binder zufolge soll Brands Vater nachts in einer Bäckerei gearbeitet, die Mutter sich als Haushälterin und Wäscherin betätigt haben und die Schwester in einer Anwaltskanzlei angestellt gewesen sein. Vergleicht man diese Verhältnisse mit denen der Familie des Gregor Samsa, so findet man erhebliche Übereinstimmungen. So heißt es bei Kafka wörtlich: „(…) die Mutter nähte, weit unter das Licht vorgebeugt, feine Wäsche für ein Modengeschäft; die Schwester, die eine Stellung als Verkäuferin angenommen hatte, lernte am Abend Stenographie und Französisch, um vielleicht später einmal einen besseren Posten zu erreichen.“

Abschreckendes Gehuste
Dass sich Brand selbst als „Parasit“ der Familie sah, bezeugt eine Textstelle im „Vermächtnis eines Jünglings“, in der er selbst die Erklärung dafür gibt, warum es die Schwester des Protagonisten vermeidet, ihren Freund mit nach Hause zu bringen. „Mein Gehuste könnte ihn abschrecken. Alle arbeiten meinetwegen, denn ich bin ja der Parasit, der das Geld aufzehrt, das man zurücklegen oder sinnvoll verbrauchen könnte. Ich liege da oder krieche herum, wanzen- und mistkäferartig und zu nichts gut.“ Brands Schwester vermied es tatsächlich, ihren Freund mit nach Hause zu bringen. Von hier aus ist es nicht weit zu Gregor Samsa, der „eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte“ und „sich zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ in seinem Bett wiederfand.

Die Frage, wer wen literarisch beeinflusste, scheint klar zu beantworten zu sein. Für einen dem Tod Geweihten könnte „Die Rückverwandlung“ geradezu als Hoffnung auf eine wundersame Genesung einer zum damaligen Zeitpunkt unheilbaren Krankheit verstanden werden. Doch Hartmut Binders Forschungen zeigen, dass es sich nicht ganz so einfach verhält. Auch Franz Werfel beschrieb in seiner 1931 erschienenen Erzählung „Kleine Verhältnisse“ die Zustände des Unterschichtenmilieus. Johannes Urzidil machte in seinem Nachwort darauf aufmerksam, dass Werfel mitunter auch die Verhältnisse der Familie Brand in der Erzählung charakterisiert habe. So heißt es in Werfels „Der Tod des Kleinbürgers und andere Erzählungen“: „Ich weiß ja, daß ich hier der Niemand bin! Ich weiß ja, daß ich von euch nur geduldet und ausgehalten werde! Ihr seid zu gar nichts verpflichtet. Jeder Bissen, den ich esse, würgt mich. Aber alles wird anders werden. Ihr sollt noch staunen.“

Vielleicht hatte Kafka nie beabsichtigt, in „Die Verwandlung“ seine eigenen Familienverhältnisse zu beschreiben und Generationen von Deutschlehrern und Literaturwissenschaftlern haben sich gründlich geirrt. Vielleicht war Franz Kafka von Karl Brands Schicksal und dessen Lebensumständen so ergriffen, dass er mit seiner Erzählung im Grunde nur versuchte, ein junges Genie zu beschreiben, das von seiner Familie missachtet wurde und dem es nie vergönnt war, nach Kairo zu reisen, was sich Karl Brand zeitlebens gewünscht hatte. Stattdessen starb er am 17. März 1917 jung und unbekannt in einem kalten und feucht-modrigen Haus auf der Prager Kleinseite an einer unheilbaren Krankheit.

Lukáš Motyčka, Barbora Veselá (Hrg.): Anthologie der deutschmährischen Literatur. Antologie německé moravské literatury. Univerzita Palackého Olomouc 2014, 590 bzw. 526 Seiten (2 Bände), 200 CZK, ISBN 978-80-244-4225-9