Vollendet schöne Musik

Vollendet schöne Musik

Jiří Bárta tritt zweimal beim „Festival Mitte Europa“ auf. Zur Grenzregion hat der Cellist eine besondere Beziehung

10. 6. 2015 - Text: Corinna AntonInterview: Corinna Anton; Foto: PR

Mit Bach ist Jiří Bárta weit gereist: Der tschechische Cellist hat Werke des deutschen Barockkomponisten unter anderem in Australien, Afrika und Südamerika aufgeführt. Nach dem Studium in Prag, Köln und Los Angeles gewann Bárta, Jahrgang 1964, zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Europäischen Förderpreis für Musik und den Hammer Rostropovich Award. Der Cellist arbeitete mit der Tschechischen Philharmonie, dem Royal Philharmonic Orchestra London und den Berliner Symphonikern zusammen und ist Mitbegründer sowie künstlerischer Leiter des Internationalen Musikfestivals Kutná Hora. Mit Terezie Fialová (Klavier) und Roman Patočka (Violine) bildet er das „Eben Trio“, das zu den bekanntesten Klassik-Ensembles Tschechiens gehört. Als Artist in Residence wird Jiří Bárta in diesem Jahr zwei Konzerte beim „Festival Mitte Europa“ geben. Mit im Gepäck hat er Bachs Suiten für Violoncello solo und die Goldberg-Variationen.

Als einer der bekanntesten tschechischen Cellisten spielen Sie auf den großen Bühnen der Welt. Wie kommt es, dass Sie beim „Festival Mitte Europa“ immer wieder in kleinen Kirchen und Konzertsälen im deutsch-tschechischen Grenzgebiet zu hören sind?

Jiří Bárta: Ich habe mich immer außerordentlich auf meine Auftritte beim „Festival Mitte Europa“ gefreut. Die ungewöhnlichen Veranstaltungsorte mit oft sakralem Charakter, das interessante Programm, die lockere Atmosphäre, die Herzlichkeit des Publikums und der Veranstalter – all das trägt dazu bei, dass ich bei kaum einem anderen Festival so gerne und regelmäßig auftrete wie bei diesem. Außerdem ist der Gedanke, über die Kultur eine Verbindung zwischen Deutschland und Tschechien zu schaffen, heute genauso aktuell wie zu Beginn der neunziger Jahre.’

Haben Sie auch eine persönliche Beziehung zur Grenzregion?

Bárta: Schon als kleiner Junge habe ich die Sommerferien im Wochenendhaus meiner Eltern im Schluckenauer Zipfel in der Nähe zur Böhmisch-Sächsischen Schweiz verbracht. Das waren unvergessliche Ferien voller Abenteuer in einer herrlichen Landschaft. Später habe ich mich gefragt, ob die Aussiedlung der ursprünglichen Bewohner dieser Gegend nach dem Zweiten Weltkrieg sinnvoll war. Noch später kam der Schmerz über den geistigen Morast hinzu, den ich in dieser Gegend oft wahrnehme.

Wie geht es Ihnen heute, wenn Sie in der Gegend auftreten?

Bárta: Die Konzerte in ehemals sudetendeutschen Kirchen, deren Bänke oft noch mit den Namen der deutschen Gläubigen beschriftet sind, empfinde ich als bescheidene Wiedergutmachung und als Bitte um Vergebung für uns alle, für beide Seiten.

Auch die Zuhörer beim Festival Mitte Europa kommen von beiden Seiten der Grenze. Gibt es Unterschiede zwischen dem deutschen und dem tschechischen Publikum?

Bárta: Ich glaube, es bestehen viele gemeinsame Züge. Das mitteleuropäische Publikum ist eines der gebildetsten der Welt, es ist sehr aufmerksam, herzlich und dankbar – auch wenn es das nicht unbedingt mit überschwänglicher Beifallsbekundung zeigt.

In diesem Jahr werden Sie mit Werken von Johann Sebastian Bach auftreten. Warum haben Sie sich für diesen Komponisten entschieden?

Bárta: Im Bachjahr 2015, also 330 Jahre nach seinem Tod, ist das eine ganz logische Wahl. Die Cello-Suiten von Bach habe ich auch für die Festivals in Ostrava, Litomyšl und Kutná Hora vorbereitet, im Herbst werde ich sie in Prag spielen. Außerdem begleitet mich Bach schon mein ganzes Leben. Ich habe ihn auf allen Kontinenten aufgeführt, und erst vor kurzem in Brüssel und Istanbul. Jede Darbietung der Suiten – egal ob ich sie alle spiele oder nur eine Auswahl – ist für mich ein Abenteuer, jede Aufführung ist anders. Das ist ein Weg, der wahrlich zum Ziel der Pilgerreise meines musikalischen Lebens geworden ist.

Was macht Bach so besonders?

Bárta: Ein tschechischer Journalist hat mich einmal gefragt, ob Bach ein Gott sei. Obwohl er natürlich ein Mensch aus Fleisch und Blut war, glaube ich, dass seine Musik uns an einen Punkt führen kann, an dem wir Glauben und Hoffnung finden. Ich jedenfalls werde meinen Glauben und meine Hoffnung auf die Rettung dieser herrlichen Landschaft voller guter Menschen, die man Sudetenland nennt, nicht verlieren – und auch nicht mein Staunen über die vollendet schöne Musik von Johann Sebastian Bach.

Zum Schluss eine eher profane Frage. Sie spielen Cello, seit Sie neun Jahre alt sind. Haben Sie vor einem Konzert noch Lampenfieber?

Bárta: Eine gute Vorbereitung ist die beste Medizin gegen Nervosität. Auf Tschechisch sagt man „hartes Training, leichter Kampf“.