„Um Zuschüsse für kreative Neuheiten steht es schlecht“
Literatur

„Um Zuschüsse für kreative Neuheiten steht es schlecht“

Tschechische Autoren gründen eine neue Organisation für Schriftsteller. Mit ihr wollen sie erreichen, was der 1989 gegründete Verband versäumt hat. Ein Interview mit dem Vorsitzenden Jan Němec

7. 1. 2015 - Interview: Franziska Neudert, Titelbild: Anna Nádvorníková

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Ende November schlossen sich etwa 30 tschechische Autoren zu einem neuen Schriftstellerverband zusammen. Als Vereinigung „Asociace spisovatelů“ wollen sie einen Gegenpol zur bereits bestehenden „Obec spisovatelů“ („Schriftstellergemeinde“) bilden und sich für die grundlegenden Belange der Literaten einsetzen. Inzwischen zählt die neue Vereinigung 50 Mitglieder, unter ihnen sind zum Beispiel Marek Šindelka, Petra Hůlová, Emil Hakl und Kateřina Tučková. Im Interview mit PZ-Redakteurin Franziska Neudert spricht der Vorsitzende Jan Němec über die Absichten der Schriftstellergruppe.

Welche Ziele hat sich Ihr Schriftstellerverband konkret gesetzt?

Jan Němec: Wir wollen uns für die Gründung eines staatlichen Literaturfonds einsetzen, ähnlich wie es ihn seit 2013 für die Kinematografie gibt. Wenn vom Betrag – ohne Mehrwertsteuer – jedes im vergangenen Jahr verkauften Buchs ein Prozent in einen solchen Fonds geflossen wäre, hätte man 50 Millionen Kronen eingenommen. Damit könnte die Literatur maßgeblich finanziert werden. Außerdem bemühen wir uns um die Errichtung eines Literaturhauses. Es soll Stipendien für Autoren und Übersetzer ermöglichen und sich natürlich schrittweise zu einem Zentrum des literarischen Geschehens entwickeln. In anderen Ländern sind derartige Einrichtungen ja schon gang und gäbe, hier in Tschechien fehlen sie noch. Das ist auch der Grund dafür, dass nur so wenige Werke aus dem Tschechischen in andere Sprachen übersetzt werden. Wir wollen anderen Autoren Rechtsbeistand leisten, wenn es beispielsweise um Verträge mit den Verlagen geht. Und wir möchten auch das Bewusstsein dafür stärken, dass Literaturschaffen als berufliche Tätigkeit wahrgenommen wird, die ihre rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hat. Darüber hinaus stehen wir in Kontakt mit anderen Institutionen im Ausland, mit denen wir künftig enger zusammenarbeiten wollen.

Wie wollen Sie diese Vorhaben umsetzen?

Němec: Was den Rechtsbeistand für Schriftsteller betrifft, werden wir das gemeinsam mit den Juristen von Fair Art, einer Gruppe junger Künstler, Anwälte und Kuratoren, in Angriff nehmen. Was den Aufbau eines Literaturhauses anbelangt, ist das natürlich Verhandlungssache. Ich denke, dass gerade jetzt, wo Prag von der Unesco der Titel Literaturstadt verliehen wurde, ein guter Zeitpunkt dafür sein könnte. Wir werden das Projekt nun ausarbeiten und einen Entwurf einreichen – mal sehen, wie die Reaktionen darauf ausfallen. Ich glaube, irgendein Weg wird sich finden, denn noch hat Prag kein solches Haus für die tschechische Literatur.

Wo soll das Literaturhaus entstehen und wie soll es aussehen?

Němec: Noch steht uns kein Gebäude für das Literaturhaus zur Verfügung, eine Adresse kann ich daher nicht nennen. Von Gestalt und Betrieb her orientieren wir uns an den typischen europäischen Literaturhäusern: Es soll eine Residenz für Schriftsteller und Übersetzer sein, Raum bieten für Konferenzen, Lesungen und Diskussionen.

Sie haben den Schriftstellerverband „Obec spisovatelů“ kritisiert. Warum versagt die seit 1989 bestehende Organisation in Ihren Augen?

Němec: Auch wenn „Obec spisovatelů“ ein Fachverband ist, leistet er für die Literatur nicht gerade viel. Er hat sich beispielsweise nicht an der Kampagne für die Senkung der Mehrwertsteuer auf Bücher beteiligt, ebenso wenig setzt er sich für die Erhaltung von Literaturzeitschriften ein. „Obec spisovatelů“ ist eher in den Regionen aktiv als auf höchster Ebene, wo wir unsere Tätigkeit sehen. Uns geht es zum Beispiel nicht darum, dass mehr Lesungen in Frýdek-Místek stattfinden. Wir wollen dagegen das Kulturministerium dazu bewegen, die Arbeit der Autoren, die in Frýdek-Místek lesen, durch ein adäquates Honorar sicherzustellen. Die Literatur ist schon viel zu lang von der Begeisterung bestimmter Personen abhängig. Wir wollen da systematischer vorgehen.

Wie beurteilen Sie die staatliche Förderung der Literatur? Was möchten Sie mit Ihrer Organisation ändern?

Němec: Als Verleger hat man in Tschechien verhältnismäßig gute Chancen, vom Staat gefördert zu werden. Bücher herauszugeben ist also vergleichsweise einfach. Um die Zuschüsse für kreative Neuheiten steht es dagegen deutlich schlechter. Auch Literaturzeitschriften kämpfen seit Jahren um ihr Bestehen. Der bereits erwähnte staatliche Literaturfonds könnte eine Finanzierung in vielen Bereichen gewährleisten.

Jan Němec bei einer Lesung in Blansko | © Divadlo Kolárka

Jan Němec
Der tschechischen Literaturwelt bescherte Jan Němec im vergangenen Jahr eine kleine Sternstunde. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde „Dějiny světla“ („Die Geschichte des Lichts“) mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet. In seinem Romandebüt verarbeitet der 33-Jährige die Biographie des namhaften tschechischen Fotografen František Drtikol. Zuvor hatte Němec den Erzählband „Hra pro čtyři ruce“ („Spiel für vier Hände“, 2009) und die Gedichtsammlung „První život“ („Erstes Leben“, 2007) verfasst. Der gebürtige Brünner studierte Soziologie und Religionswissenschaften sowie Dramaturgie an der Janáček-Akademie der musischen Künste in Brünn. Gegenwärtig arbeitet er als Redakteur für den Verlag „Host“ und schreibt regelmäßig Beiträge für die Wochenzeitschrift „Respekt“.