Über Pilsen nach Deutschland

Über Pilsen nach Deutschland

Westböhmisches Kreisarbeitsamt vermittelt tschechische Arbeitskräfte ins Nachbarland

10. 10. 2012 - Text: Bernd RudolfText: Bernd Rudolf; Foto: Bundesagentur für Arbeit

Die Müdigkeit konnte man Jaroslav Malchárek an seinen Augen ablesen. Viel Schlaf hatte er am Montag nicht gefunden, als er mit dem Bus vom ostmährischen Opava nach Pilsen fuhr. Er wollte dort pünktlich um 9 Uhr an der Informationsveranstaltung des Kreisarbeitsamtes teilnehmen. Es war die Wut und Enttäuschung über seinen früheren Arbeitgeber, die Malchárek dazu getrieben hat, die weite Reise auf sich zunehmen. Von Tschechien will der gelernte Schlosser und Schweißer momentan nichts wissen. „Mein Chef hat mir zwei Monate meinen Lohn nicht bezahlt. Nun hab ich genug. Ich will in Deutschland arbeiten“, schimpft Malchárek.

Auslandserfahrung kann Malchárek bereits vorweisen. Noch vor drei Jahren hatte der 55-Jährige in Österreich gearbeitet. Dort stimmte nicht nur die Bezahlung, die Löhne wurden auch pünktlich überwiesen. „Ich weiß, dass auch in Deutschland die Löhne korrekt bezahlt werden, in Tschechien ist das leider nicht immer so.“

Bereits seit Anfang Mai dieses Jahres betreiben die drei bayerischen Grenzagenturen Weiden, Schwandorf und Deggendorf in Kooperation mit dem Kreisarbeitsamt Pilsen im Rahmen der EURES-T-Partnerschaft ein Büro im westböhmischen Pilsen. „Wir wollen den tschechischen Mitbürgern helfen, in Deutschland eine Arbeit zu finden“, erklärt Karin Hartung von der Agentur für Arbeit in Weiden, die auch die Informationsveranstaltung leitet. An drei Mittwochen im Monat haben Interessenten die Möglichkeit, sich über den deutschen Arbeitsmarkt zu informieren, erhalten Bewerbungstipps und Hinweise auf die entsprechenden Internetseiten. „Im Anschluss führe ich dann die Einzelgespräche“, so Hartung.

„Nur flexibel sein“
An diesem Montag sitzen nur wenige Interessenten im großzügig gestalteten Besprechungszimmer. „Wegen des Feiertages in Deutschland mussten wir den Termin ausnahmsweise von Mittwoch auf Montag vorverlegen, daher sind heute weniger Leute bei uns“, meint Hartung, die sich sonst nicht über mangelnde Resonanz beklagen könne. „Zu uns kommen fast immer zwischen 30 und 50 Leute“, fügt sie hinzu. Unter den Besuchern seien sowohl Akademiker als auch Facharbeiter und Handwerker. Allerdings verfügten nur 75 Prozent der Bewerber über ausreichende Deutschkenntnisse.

In den hinteren Reihen sitzt ein junger dunkelhaariger Mittzwanziger. Konzentriert lauscht er dem Vortrag und versucht den Worten von Frau Hartung zu folgen, obwohl er kaum ein Wort Deutsch versteht. „Ich bin Lagerist und habe auch den Gabelstaplerschein. Kann auch ich in Deutschland eine Arbeit finden“, lautet seine Frage auf Tschechisch. „Zwar haben wir auch schon Hilfskräfte ohne Sprachkenntnisse an einen Arbeitgeber in Zwiesel vermittelt, aber die meisten Firmen verlangen, dass ihre zukünftigen Mitarbeiter zumindest Deutsch verstehen“, antwortet ihm die Beraterin aus Weiden.

Wer die gesuchten Qualifikationen vorweisen kann, hat jedoch gute Chancen, eine Stelle in Deutschland zu finden. Vor allem in Bayern sieht derzeit der Arbeitsmarkt sehr gut aus. Laut Hartung sind der Agentur für Arbeit momentan 71.000 offene Stellen in Bayern gemeldet, im Bezirk Weiden 1.000. „Wir können sagen, dass wir in Bayern derzeit Vollbeschäftigung haben. Vor allem Ingenieure, Facharbeiter, Ärzte und Personal für Gesundheitsberufe sowie Mitarbeiter im Hotel und Gaststättengewerbe werden dringend gesucht. Man muss nur flexibel sein“, so Hartung.

Kein Massenandrang
Mobilität und Flexibilität hätten in der Vergangenheit nicht zu den Stärken tschechischer Arbeitnehmer gezählt, meint der EURES-Koordinator Petr Arnican. Für ihn stelle Malchárek zwar keine Ausnahme mehr dar, aber viele Tschechen hätten auch heute noch nicht erkannt, dass die Arbeitsstelle manchmal nicht vor der eigenen Haustür zu finden ist. Allerdings könne er diesbezüglich eine Trendwende feststellen. „Wir sehen, dass vor allem jüngere Leute immer öfter bereit sind, für einen guten Job auch die Stadt zu verlassen“, so Arnican. Nach Aussage des Leiters der Regionalagentur Bayern, Manfred Stamm, kann man daher in Zukunft mit einer moderaten, aber kontinuierlichen Zunahme von Bewerbern rechnen. „Einen Massenansturm aus Tschechien wird es aber nicht geben, weil sich die Löhne in den beiden Staaten immer mehr angleichen werden“, so der Leiter der Regionalagentur Bayern. Eher glaube er, dass viele Bewerber aus den Krisenstaaten Südeuropas nach Deutschland strömen werden.

Malchárek blickt trotz seines Alters positiv in die Zukunft, schließlich sei er bereit, jeden Job anzunehmen. Hoffnung machen ihm nicht nur seine guten Deutsch-Kenntnisse, sondern auch die Statistik der Arbeitsagentur. Denn von 355 Beratungsgesprächen, die seit Mai 2012 geführt wurden, konnten immerhin schon 33 Bewerber erfolgreich vermittelt werden. „Die Höhe des Verdienstes ist mir nicht so wichtig. Ich hoffe nur, möglichst bald in Deutschland arbeiten zu dürfen.“ Wo in Deutschland sei ihm egal. Der Arbeitgeber sollte ihm nur pünktlich seinen Lohn zahlen.



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