Stadtansichten

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Stalinisten bitte auf getrennte Listen!

17. 7. 2013 - Text: Josef FüllenbachText: Josef Füllenbach; Foto: privat

Die Olschaner Friedhöfe (Olšanské hřbitovy) laden mit ihrem alten und vielfältigen Baumbestand, mit den vielen Kilometern gut unterhaltener Wege und ihren Ruhebänken zu jeder Jahreszeit zum Spazieren und Verweilen ein. Dieser Einladung folge ich oft und gerne. Am Eingang zu diesen altehrwürdigen Friedhöfen begrüßen mich zwei Hinweistafeln. Rechts ermahnt mich die Friedhofsordnung, unter anderem auf Radfahren, Rollschuhe oder Skateboards zu verzichten und das Areal weder im angetrunkenen Zustand zu betreten noch Hunde, Katzen oder sonstiges Getier mitzuführen. Linker Hand präsentiert ein Schaukasten eine Liste weithin bekannter Namen, die in Tschechien ob der hohen und bleibenden Verdienste ihrer verstorbenen Träger den besten Klang haben. Die Namen sind mittels laufender Nummern einzelnen Friedhofsabschnitten zugeordnet. Es fällt also leicht, die betreffenden Gräber aufzusuchen und etwa eine Blume aufs Grab zu legen.

Ein näherer Blick auf die Liste versetzte mich neulich in großes Erstaunen: Unter Namen wie Josef Jungmann, der große Sprachforscher und Erwecker der Nation; Radovan Lukavský, einer der bedeutendsten Schauspieler des vergangenen Jahrhunderts; Jan Palach, der 1969 durch seine Selbstverbrennung ein Fanal gegen das Sich-Abfinden mit der sowjetischen Okkupation setzte – unter solchen Namen, bei deren Nennung das Herz eines jeden braven Tschechen höher schlägt, findet sich in schöner alphabetischer Einordnung auch ein gewisser Klement Gottwald. Schon die Römer lehrten ihre Nachkommen: de mortuis nihil nisi bene, über Tote solle man nur wohlwollend reden (oder schweigen). Aber wenn die erwähnte Liste Gottwald in eine Reihe mit Palach, Lukavský, Jungmann und weiteren über vierzig Großen der Nation stellt, dann redet sie nicht wohlwollend, sondern sie lügt. Und dann kann man nicht mehr schweigen.

Der Friedhof ist riesengroß, der größte in Prag. Dass es unter den angeblich rund 100.000 Toten dort so viele Verstorbene gibt, die unser ehrendes Gedenken verdienen, ist erfreulich und gereicht der Stadt und dem Land zur Ehre. Dass sich unter den Vielen auch so mancher namenlose Halunke versteckt, ist wahrscheinlich und unvermeidlich – so sind wir Menschen nun mal. Dass aber die Hochverdienten, die Herausragenden herabgewürdigt werden, indem man sie in die denkbar schlechteste Gesellschaft, nämlich die eines Staatsterroristen und Mörders vieler Unschuldiger einschließlich seiner engsten Freunde stellt, das ist skandalös:

Nicht wenige Namen von dieser Liste wären von Gottwald – hätten ihre Träger denn zu Zeiten des ersten kommunistischen Präsidenten der Tschechoslowakei gelebt und gewirkt – mit großer Sicherheit auf seine Todesliste geschrieben oder in den Uranbergwerken von Joachimsthal (Jáchymov) für Jahre ausgelöscht worden.

Wenn es denn überhaupt – was traurig genug wäre – einen Bedarf gibt, den Weg zu jenem Grab zu weisen, dann schlage ich eine zweite, von der ersten deutlich getrennte Liste vor. Auf der können dann die Berüchtigten unter sich bleiben, also Gottwald mit seinen 24 Spießgesellen, die zu Lebzeiten schon mit ihm unter einer Decke steckten und jetzt unter einer – gottlob! – sehr, sehr schweren Grabplatte.