Spiegel des Zerfalls

Spiegel des Zerfalls

Adam Vačkářs Arbeiten prangern die moderne Konsumgesellschaft an

2. 10. 2014 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: GHMP

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„Vielleicht wenn wir vom Tod ins Leben übergehen, wird alles wunderschön.“ Diesen etwas sonderbaren Satz des britischen Science-Fiction-Schriftstellers und Soziologen Herbert George Wells zitiert der tschechische Installationskünstler Adam Vačkář in seiner Ausstellung „Intervention_2: Von den ersten und letzten Dingen“ („Intervence_2: První a poslední věci“). Im Colloredo-Mansfeld-Palais konfrontiert der 35-jährige Prager den Besucher mit kritischen, zuweilen schwer zugänglichen Fragen und Reizpunkten zur postmodernen Konsumgesellschaft und hält dieser mit seinen Exponaten einen subtil arrangierten Spiegel vor.

Vačkářs Exponate wirken in den hohen und weitläufigen Räumlichkeiten des barocken Prunkbaus wie beiläufig hingestellt. Man wähnt sich in einer interaktiven Installation, in der man die Dinge anfassen soll und darf, um sich mit ihnen auch physisch auseinanderzusetzen. Nun, so weit geht es bei Vačkář dann doch nicht. Zumal viele Kreationen sehr labil wirken, wie zum Beispiel die fein zusammengerollten und aneinandergeklebten Dollarscheine. Sie sollen ein mathematisches Chaos symbolisieren, gebastelt aus dem Zahlungsmittel, das wie kein anderes für den globalen Neoliberalismus steht. Mit solchen Metaphern will Vačkář den Betrachter zum politischen Philosophieren anregen.

Vačkářs konzeptueller Ansatz übt Kritik an der postmodernen Wegwerf-Gesellschaft, die sich scheinbar gedankenlos auf sinnentleerte Symbole einer durch und durch materiellen Welt stürzt. Als  Sinnbild hierfür dient Vačkář eine Coca-Cola-Plastikflasche aus Marokko. In der Videoinstallation „Margine of Hope“ (frei übersetzt etwa „Die Bandbreite der Hoffnung“) erklärt Vačkář, wie der Gegenstand in Nordafrika als ein Symbol des Wohlstandes gilt, während er bei uns im reichen Europa sinnbildlich für die überbordende Umweltverschmutzung steht. Die abgenutzten „tote“ Plastikflasche wird durch die künstlerische Inszenierung zu neuem Leben erweckt, zumindest als Ausstellungsobjekt.

Anhand der Foto-Serien „Still Life/Nature morte“ („Stillleben/Tote Natur“) und „Krásni a prokletí“ („Das Schöne und Verdammte“) übt sich Vačkář weiter in seiner Kapitalismuskritik. Abgebildet sind abwechselnd natürlich blühende sowie welkende Blumen und deren aus Plastik hergestellte Gegenstücke. Auf den Bildern ist kein Unterschied zwischen den echten und den nachgebildeten Pflanzen auszumachen, Original und Duplikat sind nicht zu trennen. Daran anknüpfend stellt Vačkář die Frage, ob dies für den Konsumenten überhaupt von Bedeutung ist. Schließlich zählt meist nur der oberflächliche Effekt.

Man braucht Adam Vačkářs Ansichten nicht zuzustimmen, um den von ihm aufgeworfenen Diskurs aufzunehmen. In einer Welt, die ökologisch, wirtschaftlich und politisch in einer epochalen Krise steckt, muss er geführt werden. Um die subtilen Andeutungen der Schau im Colloredo-Mansfeld-Palast aber besser zu verstehen, erscheint es empfehlenswert, sich ein wenig mit der theoretischen Basis zu beschäftigen. Am besten man fängt bei Max Weber an und arbeitet sich zu Wells vor – zugegeben kein leichtes Unterfangen, aber lohnenswert.

Adam Vačkář: Intervence_2: První a poslední věci. Colloredo-Mansfeld-Palais (Karlova 2, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 60 CZK (ermäßigt 30 CZK), bis 30. November, www.ghmp.cz