Sonne unter Sternen

Sonne unter Sternen

Erstmals in Prag: Tizians lebhaftes Kolorit auf dem Hradschin

19. 1. 2016 - Text: Franziska Neudert, Foto: Portrait d'une femme à sa toilette

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Er war ein Poet der Farbe und ein Maler, der stets von der Farbe aus dachte. Die Haare der von ihm porträtierten Frauen brachte Tizian (um 1490 bis 1576) mit einem so einzigartigen Goldrot zum Leuchten, dass der Ton später nach ihm benannt wurde – das Tizianrot. Sein kräftiges Kolorit behielt der Renaissance-Meister bis zu seinem Tod. Von seinen Zeitgenossen wurde Tizian deshalb auch als „Sonne unter den Sternen“ bezeichnet. Mit einem Œuvre von mehr als 640 Bildern gehört er zu den produktivsten Malern seiner Zeit. Bereits zu seinen Lebzeiten waren zahlreiche seiner Werke in den bedeutenden Sammlungen Europas vertreten, auch die Kunstkammer Rudolfs II. in Prag verfügte über einzelne Bilder.

Nun sind Tizians Werke erstmals öffentlich in Tschechien ausgestellt. Auf der Prager Burg können sich Interessierte von der Strahlkraft seiner Werke überzeugen. Die Ausstellung „Tizian – Vanitas“ präsentiert etwa 50 Gemälde des Künstlers, die vom italienischen Kunsthistoriker Lionello Puppi zusammengestellt wurden. Als Roter Faden dient das Thema „Vanitas“, die Einsicht, dass Schönheit und eitles Menschenwerk vergänglich sind. Als Paradebeispiel dafür steht Tizians „Frau im Spiegel“, die in mehreren Varianten zu sehen ist. An den verschiedenen Fassungen können sich Kenner darin üben, die Handschrift des Meisters von jener der Mit­arbeiter seiner Werkstatt zu unterscheiden. Das Bild wurde in der Kunstgeschichte zu einem Inbegriff des Vanitas-Motives, obwohl ihm die typischen Attribute wie ein Totenschädel, eine erloschene Kerze oder eine verwelkte Blume fehlen.

Etwa 60 Jahre nach der „Frau im Spiegel“ schuf Tizian „Die Häutung des Marsyas“ (1571), ein Bild das sich kaum stärker davon unterscheiden könnte. Die klaren Umrisse sind verschwunden, die düstere Gestaltung spiegelt das reine Grauen wider: Apollo lässt den kopfüber aufgehängten Satyr Marsyas foltern, nachdem ihm dieser im Wettstreit um das beste Flötenspiel unterlag. Das Gemälde, das in der Ausstellung zu sehen ist, haben Mitarbeiter der Werkstatt Tizians angefertigt. Das Original, das eindeutig der Hand des Künstlers zugeschrieben wird, befindet sich in der Galerie des Schlosses in Kroměříž und durfte nicht als Leihgabe auf die Prager Burg reisen.

Tizian – Vanitas. Kaiserliche Reithalle der Prager Burg (U Prašného mostu 3, Prag 1), geöffnet: täglich 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 180 CZK (ermäßigt 100 CZK), bis 20. März, www.tiziano.cz