„Sind daran etwa die Tschechen schuld?“
Interview

„Sind daran etwa die Tschechen schuld?“

Der Leiter der Gedenkstätten Lidice, Ležáky und Lety über Vergangenheitsbewältigung und Mahnmale

31. 10. 2012 - Interview: Sabina Poláček, Titelbild: Michal Ritter, CC BY-SA 3.0

Der Zweck ist Milouš Červencl wichtiger als die Form. Im Gespräch mit PZ-Mitarbeiterin Sabine Poláček erläutert der Leiter der Roma-Gedenkstätte in Lety die Bedeutung von Mahnmalen und beklagt mangelndes Interesse seitens der Roma-Minderheit.

In Berlin ist vor wenigen Tagen das zentrale Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma enthüllt worden. Ist die Gedenkstätte in Lety dem Mahnmal in Berlin ebenbürtig?
Červencl: Man müsste zunächst beide Stätten besuchen und auf sich wirken lassen. Es ist aber gar nicht entscheidend, wie die Gedenkstätten aussehen, sondern welchem Zweck sie dienen. Hierbei ist das Konzept von großer Bedeutung, also in welcher Umgebung das Denkmal eingebettet ist.

Regierungschef Nečas erklärte, der Staat habe kein Geld, die Schweinefarm auf dem Gelände der Gedenkstätte Lety aufzukaufen. Was halten Sie davon?
Červencl: Ich möchte Petr Nečas nicht die Schuld geben, denn er ist nicht der einzige Premierminister, der dieses Problem nicht gelöst hat. Die Aufgabe war es, eine Gedenkstätte für Sinti und Roma zu errichten, die an den Holocaust erinnert. Diese Aufgabe haben wir erfüllt. Nun sind wir bemüht, dass diese Stätte sowohl bei den Besuchern als auch beim Fachpublikum auf positive Resonanz stößt. Das Problem der Schweinefarm ist eine komplexe Angelegenheit, die die Politiker regeln sollten und nicht unsere Organisation, die mit nur 22 Mitarbeitern alle drei Gedenkstätten betreut.

Wie gehen die Tschechen mit diesem Teil der Vergangenheit um?
Červencl: Für die Tschechen ist die tragische Vergangenheit der Roma während des Zweiten Weltkriegs ein untrennbarer Teil der modernen Geschichte. Dies bezeugt auch die hohe Besucherzahl unserer Gedenkstätte in den vergangenen drei Jahren – über 10.000 Menschen pro Saison. Keiner von ihnen äußert sich über das Schicksal der Sinti und Roma negativ. Erwähnenswert bleibt jedoch, dass uns während des ganzen Jahres keine Angehörigen der Sinti und Roma besuchen, abgesehen vom Gedenktag am 13. Mai, an dem rund 100 Roma teilnehmen. Sind daran etwa die Tschechen schuld?

Welche Formen der Aufarbeitung bietet die Gedenkstätte an?
Červencl: Für Schulen entwickeln wir DVDs, Publikationen und Wanderausstellungen. Seitens der Lehrer besteht durchaus Nachfrage. Vor zwei Jahren haben wir ein pädagogisches Seminar zum Thema „Lager als Instrumente der Macht“ angeboten. Was aber beispielsweise die Zwangssterilisierung von Roma-Frauen während des Kommunismus anbelangt, darüber habe ich keine Informationen. Das Problem ist, dass diese Thematik bisher nicht ausreichend erforscht wurde. Damit befasst sich nun das internationale Forschungsprojekt „Violence“.

Was hat die tschechische Regierung hinsichtlich der Anerkennung von Sinti und Roma erreicht und was lässt sich noch verbessern?
Červencl: Als Beamter kann ich das schwer beurteilen. Meine persönliche Meinung ist jedoch, dass die ehemaligen Regierungsvertreter für Menschenrechte wie Frau Stehlíková, Herr Mlynář oder Herr Kocáb der Roma-Problematik näher standen. Die Errichtung der Gedenkstätten in Lety und Hodonín ist Michael Kocáb (ehemaliger Minister für Minderheitenfragen, Anm. d. Red.) zu verdanken. Und Petr Nečas, der als erster Premierminister die Gedenkstätte in Lety besuchte und sich vor den Roma-Opfern verbeugte.



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