Sichtbarer Wandel

Sichtbarer Wandel

Die politische Wende veränderte vieles zum Positiven. Doch gibt es noch einiges zu verbessern

5. 11. 2014 - Text: PZText: PZ; Foto: Alfred Palmer

 

Mit dem friedlichen Übergang vom Kommunismus zur Demokratie vor 25 Jahren wurde die Planwirtschaft von der marktwirtschaftlichen Ordnung abgelöst. Doch nicht nur Politik und Wirtschaft erfuhren einen grundlegenden Wandel. Das zurückliegende Vierteljahrhundert brachte den Tschechen auch bessere Luft und ein längeres Leben. Über drei Dinge, die sich seit dem Ende des Kommunismus grundlegend geändert haben.

Freier atmen
Ähnlich wie in der damaligen DDR und anderen Ländern des einstigen Ostblocks herrschten vor dem Fall des Eisernen Vorhangs auch in der Tschechoslowakei katastrophale Umweltbedingungen. Das galt vor allem für die Industriegebiete an der sächsisch-böhmischen Grenze und im Zentrum der Stahlindustrie im mährisch-schlesischen Ostrava. Doch auch in der Hauptstadt Prag herrschte dicke Luft. Im Jahr 1989 wurde dort ein Kohlenstoffdioxid-Ausstoß von etwa 53.000 Tonnen gemessen. Bis 2012 ging er auf 413,4 Tonnen zurück, Tendenz fallend. Die Feinstaubbelastung lag im Wendejahr bei über 22.000 Tonnen. Obwohl dieser Wert bis heute um fast 90 Prozent zurückgegangen ist, gehört Prag wegen seines enormen Verkehrsaufkommens zu den – auf die Luft bezogen – schmutzigsten Regionen der Europäischen Union.

Staatliche und später EU-geförderte Umweltprogramme nach dem Ende des Kommunismus (das alte Regime widmete sich in den achtziger Jahren fast ausschließlich dem Gewässerschutz und der Trinkwasserversorgung) führten nicht nur zu einer besseren Luftqualität. Sie halfen, die Umweltsünden der Tschechoslowakei zu beseitigen und Probleme wie Abfall- und Abwasserentsorgung sowie die Folgen der „industriemäßig“ betriebenen Land- und Forstwirtschaft in den Griff zu bekommen. Die Ausgaben für den Umweltschutz haben sich nach Angaben des Tschechischen Statistikamts (ČSÚ) seit 1989 von 6,05 Milliarden Kronen auf 27,07 Milliarden Kronen im vergangenen Jahr erhöht. „Aus den Fördertöpfen der EU hat das Umweltministerium bis heute etwa 120 Milliarden Kronen erhalten“, sagte die Sprecherin des Ministeriums Petra Roubíčková. Doch trotz dieser finanziellen Mittel sind die Schäden aus der Zeit vor 1989 längst nicht behoben. Zum Beispiel ist das Grundwasser unter einem Industriegebiet in Ústí nad Labem nach wie vor mit Salzsäuregas (Chlorwasserstoff) verunreinigt. In den Standorten des Staatsbetriebs DIAMO (Stráž pod Ralskem (Liberec), Mydlovary (České Budějovice), Třinec (Mährisch-Schlesien) und Pardubice) hat der Uranabbau tiefe Spuren hinterlassen, die bis heute nicht beseitigt sind.

Ein Problem bleibt auch der Güterverkehr. „Der Ausbau von Umgehungsstrecken schreitet leider nur langsam voran. Damit könnte der Lärm in Ballungszentren reduziert und die durch die Züge verursachte Luftverschmutzung eingedämmt werden“, meint Tereza Ponocná von der Umweltagentur CENIA.

Länger leben
Weniger Schmutz, ein gesünderer Lebensstil und die moderne Medizin haben den Tschechen im Schnitt ein längeres Leben beschert. Lag die Lebenserwartung der Männer im Jahr 1989 noch bei 68 Jahren, ist sie inzwischen auf 75 Jahre angestiegen. Frauen werden durchschnittlich sogar 81 Jahre alt, Ende der Achtziger waren es sechs Jahre weniger. Zum Vergleich: Im Zeitraum zwischen 1964 und 1989 hatten sich diese Werte kaum verändert. Männer wurden innerhalb dieser 25 Jahre im Schnitt nur ein halbes Jahr, Frauen immerhin 1,7 Jahre älter.

Die Alterung der Gesellschaft ist die bedeutendste demographische Veränderung seit der Samtenen Revolution. In Tschechien leben – genauso wie im Rest Europas – mittlerweile mehr Rentner als Kinder. Im vorigen Jahr standen 100 Kindern (bis 14 Jahre) 116 Personen, die älter als 65 Jahre waren, gegenüber. 1989 gab es fast doppelt so viele Kinder wie Rentner; das Verhältnis lag bei 100 zu 57. Die rückläufige Geburtenrate und die höhere Lebenserwartung stellt die Tschechische Republik vor neue Aufgaben. Im Gesundheitswesen, der Rentenvorsorge und der Arbeitswelt stehen grundlegende Reformen bevor.

Sicherer fahren
In keinem anderen europäischen Land wird wohl so ausführlich über Unfallstatistiken berichtet wie in Tschechien, aus welchem Grund auch immer. So wundert es nicht, dass anlässlich des bevorstehenden Jubiläums viel über die Sicherheit im Straßenverkehr geschrieben und gesprochen wurde. Auch in dieser Hinsicht hat sich einiges geändert. „Der Straßenverkehr hat stark zugenommen und wird sich auch in den kommenden Jahren weiter erhöhen“, erklärt Ivana Nguyenová, die Sprecherin des tschechischen Polizeipräsidiums. „Das beeinträchtigt natürlich auch das Unfallgeschehen.“ Doch trotz dieser Entwicklung – im Jahr 1990 waren etwas mehr als 2,4 Millionen Personenkraftwagen gemeldet, im Sommer 2014 doppelt so viele – kommt es heute zu weniger Autounfällen als vor 25 Jahren.

Im ersten Jahr nach der Samtenen Revolution ereigneten sich laut Polizeistatistik rund 95.000 Verkehrsunfälle, knapp 1.200 Menschen verloren dabei ihr Leben. Im Jahr 2013 lag die Zahl der Unfälle bei etwa 85.000, die Zahl der Verkehrstoten bei unter 600. Jaroslav Vodička, der sich im Verkehrsministerium mit der Sicherheit im Straßenverkehr beschäftigt, führt diese Entwicklung zum einen auf die bessere Ausstattung der Fahrzeuge zurück. „Zum anderen sind die Verkehrswege besser ausgebaut und die Straßenausstattung wie Verkehrszeichen und Ampeln auf einem besseren Stand als damals“, meint Experte Vodička.

Dass vor der politischen Wende so viele Unfälle passierten, hängt auch für Petr Vomáčka vom ÚAMK, dem ADAC Tschechiens, mit der damals „kaum vorhandenen Sicherheit für die Fahrzeuginsassen“ zusammen. „Die meisten Autos verfügten lediglich über Sicherheitsgurte, Kopfstützen gab es nur selten und Airbags kannte man hierzulande überhaupt nicht.“ Auf die Frage, warum in Zeiten des Kommunismus vergleichsweise wenige Menschen ein Auto besaßen, erinnert sich wohl mancher an die Zustände in der ehemaligen DDR. „Damals musste man lange Wartezeiten in Kauf nehmen und aussuchen konnte man sich das Fahrzeug auch nicht“, erinnert sich Vomáčka.

Wie Tschechen, Slowaken, Ungarn und Polen über den Herbst 1989 denken
Über den demokratischen Umbruch in Mitteleuropa vor 25 Jahren herrschen in den vier zur sogenannten Visegrád-Gruppe zählenden Staaten unterschiedliche Ansichten. Meinungsinstitute aus Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei haben in einem gemeinsamen Projekt danach gefragt, wie die Menschen in den jeweiligen Ländern den im Jahr 1989 eingeleiteten Systemwandel  beurteilen. Dabei kam heraus, dass die Polen die politische Wende am positivsten bewerten. Es folgen Tschechen und Slowaken. Die ungarische Bevölkerung nimmt laut Studie die kritischste Haltung ein. 71 Prozent der Polen begrüßen demnach die Entwicklungen im Herbst 1989. Diese Ansicht vertreten auch 63 Prozent der Tschechen und 56 Prozent der Slowaken. Hingegen stimmt laut Befragung nicht einmal jeder zweite Ungar (48 Prozent) der Aussage zu, dass sich der Systemwandel positiv auf ihr Leben ausgewirkt hat. Trotz dieser Unterschiede haben die Meinungsforscher von CEORG (Central European Opinion Research Group) in allen vier Ländern auch einige Parallelen festgestellt: Je niedriger der Lebensstandard und Bildungsstand der Befragten war, umso skeptischer beurteilten diese die Ereignisse rund um den Fall des Eisernen Vorhangs. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Ältere Menschen begegnen der Wende mit größerer Kritik als jüngere.   (PZ/čtk)



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