Shopping im Mondschein

Shopping im Mondschein

Blumen und Briefmarken kann man in Prag auch nachts kaufen. Ein Ausflug zwischen Mitternacht und Morgengrauen

5. 10. 2016 - Text: Corinna Anton, Franziska Neudert, Milena Fritzsche, Titelbild: Limandao, CC BY-NC 2.0

Die Nacht beginnt um 23.01 Uhr. In Vinohrady gab es gerade noch ein Glas mährischen Müller-Thurgau, stilvoll serviert im Sektglas. Dann schloss die „Dobrá trafika“. Doch es ist Freitagabend, da müsste man in Prag doch an jeder Ecke noch alles Mögliche anstellen können. Ein Bier trinken, natürlich, das geht immer. Aber es soll mal was Neues sein, ein Selbstversuch: Was und wo kann man um diese Zeit noch einkaufen?

Die Straßenbahn in Richtung Zentrum fährt am Non-Stop-Blumenladen bei der U-Bahn-Station I. P. Pavlova vorbei. Einen Strauß Rosen oder einen Kaktus könnte man mitnehmen – aber wohin dann damit? Vielleicht besser auf dem Rückweg. Um 23.17 Uhr hält die Tram am Wenzelsplatz. Ein Fahrgast steigt mit einer Wurst ein, die er dem Geruch nach gerade am 24-Stunden-Grill vor dem Fenster gekauft hat. An ihm vorbei drängt sich eine Gruppe schwäbischer Hausfrauen, leicht angeheitert, hellblaue Sweatjacken, die sich mit Highheels wie mit Turnschuhen kombinieren lassen. Zum Glück gibt es bei der Haltestelle Jindřišská einen Grund auszusteigen: Eine Briefmarke auf der Hauptpost ist das erste Shopping-Ziel. Der Nachtschalter hat zwar nicht durchgehend, aber immerhin bis Mitternacht und dann wieder ab 2 Uhr geöffnet.

Mittlerweile ist es 23.31 Uhr. Vor der Post stehen die Leute bis auf den Bürgersteig Schlange. „Was ist denn hier los?“, seufzt eine ältere Dame mit einem gelben Reflektor an der Hand­tasche. „Ist das normal?“, fragt sich ein junges Paar mit einem Paket der Online-Apotheke Dr. Max.

Warten auf der Post

Was hier nicht normal ist, erfährt man mit jedem Schritt, den man in der Schlange vorankommt. Es ist der Monatsletzte, sagt die Dame mit dem Reflektor, und sie habe vergessen, eine Rechnung zu zahlen. Die 1.500 Kronen hält sie schon in der Hand. Vor ihr stehen allerdings noch etwa 50 Leute in der Schlange – darunter auch ein Mann mit Rollkoffer, der gerade von einer Dienstreise zurück­gekehrt ist. Vom Bahnhof ging er gleich zur Post, weil er noch seine Miete überweisen muss. „Wenn ich es vor Mitternacht nicht schaffe, muss ich ein paar Kronen mehr zahlen. Aber vor allem ist meine Freundin dann sauer, weil ich es wieder vergessen habe.“

Ein Becher Wein auf der Post
Schon weiter nach vorn haben es zwei junge Prager mit einer Flasche Wein und einer Packung Plastikbecher geschafft. Heute sei die letzte Chance, Anträge auf Fördermittel vom Kulturministerium einzureichen, erzählen sie. Das erklärt auch, warum viele Menschen in der Schlange aussehen, als würden sie irgendwas mit Kultur machen – und warum eine Frau mit kurzen Haaren auf den Stufen sitzt und mit verzweifeltem Gesichtsausdruck abwechselnd etwas in ihren Laptop tippt und den Papier­stapel durchwühlt, der neben ihr auf der Treppe liegt. Die zwei mit dem Wein sind dagegen ganz entspannt, obwohl es nur noch knapp eine Viertelstunde bis Mitternacht ist.

„Als wir gesehen haben, wie lang die Schlange ist, haben wir uns was zu trinken geholt“, erzählen sie und bieten einen Becher an. Von den Umstehenden könnte wohl mancher einen Schluck gebrauchen. Einige werden immer nervöser, ein paar geben auf, als ein Wachmann mit Hosenträgern die Eingangstür schon zuzieht. „Am Quartalsende ist das hier immer so“, sagt er gelassen. „Ab und zu ist ein Lump dabei, aber die meisten Leute sind anständig.“ Um Mitternacht könnte er absperren, aber er schickt um 23.58 Uhr nur die nach Hause, die mit einem Inkassozettel noch warten: Die würden nun nicht mehr angenommen. Auch die Dame mit dem Reflektor muss unverrichteter Dinge nach Hause gehen. Die anderen dürfen ihre Anträge und Pakete noch abgeben. Das Briefmarkenprojekt wird verworfen: Es wäre nicht fair den Wartenden und den hinter dem Schalter Arbeitenden gegenüber, nur aus Spaß an der Freude die Warteschlange wegen einer einzigen Briefmarke zu verlängern.

Stattdessen geht es an den vielleicht hässlichsten Ort der Altstadt: in die Passage zwischen dem Nachtclub Karlovy lázně und der Karlsbrücke. Einige – nun, man kann sie fast nur Ramschläden nennen – haben dort noch offen. Besucher können sich zum Beispiel Oblaten kaufen. Sie kosten etwa doppelt so viel wie im Supermarkt. Postkarten und Briefmarken gibt es nicht, nur Streichholzschachteln mit Prag-Panorama. Wahrscheinlich sind um diese Zeit die meisten Kunden nicht mehr in der Lage, eine Karte zu schreiben, sondern können nur noch eine Zigarette anzünden.

Wechselstube nahe der Karlsbrücke

Es ist schon kurz vor ein Uhr und die Einkaufstüten sind immer noch leer. Aber immerhin könnte man sich ein paar Schritte weiter auf dem Weg zum Altstädter Ring noch in ein Aquarium setzen und sich von Fischen die Hornhaut von den Füßen knabbern lassen. Muss aber nicht sein. Dann lieber noch ein Getränk, bevor man sich auf den Weg zur Nacht­tram macht. Dort steht ein paar Stunden später ein junger Mann auf und bietet seinen Platz an. Man fragt sich, ob man alt oder schwanger aussieht oder einfach nur hungrig.

Der Geruch in der Straßenbahn ist unangenehm. Man wünscht sich den Mann mit der 24-Stunden-Wurst und die schwäbischen Hausfrauen zurück. 3.37 Uhr am Platz des Friedens. Zum Glück sind es nur ein paar Schritte zum Supermarkt, der rund um die Uhr offen ist. Nudeln, Salat, Käse, Gemüse, Fleisch – eine solche Auswahl um diese Uhrzeit ist ein bisschen viel. Neben der Tiefkühltruhe gibt es Schlaf- und Schmerztabletten und Nahrungsergänzungsmittel. Im Einkaufskorb landen schließlich ein Laib Brot, eine Tüte Chips, ein Schokoriegel und eine Packung Schwämme. „Hey, was macht ihr hier?“, fragen zwei Amerikaner, denen aufgefallen ist, dass man nicht einfach eingekauft, sondern auch ein bisschen die anderen Kunden beobachtet hat. Sie leben in der Nähe und raten dringend, eine Geschichte über die Prager Schwulenclubs zu schreiben. Nach ein bisschen Smalltalk wünschen sie eine gute Nacht und zahlen ihr Bier.

Gerbera fürs Gewissen
Nun fehlt noch die Blume, aber I. P. Pavlova ist ein Stück entfernt. Wie gut, dass auch bei der Haltestelle an der Jan-Masaryk-Straße ein Geschäft durchgehend Pflanzen verkauft. Wer weit nach Mitternacht kommt, muss draußen klingeln und seine Wünsche durch die vergitterte Tür durchgeben. Die Verkäuferin wischt nachts Regale ab, räumt auf und bindet Sträuße für den nächsten Tag. Die Nachtschicht übernehmen oft Frauen, die keine andere Arbeit finden. „Was hätten Sie denn gern?“ Die Wahl fällt nach langem Überlegen auf eine gelbe Gerbera. Eine Schlange gibt es hier im Gegensatz zur Post nicht. „Die Leute kaufen nachts viele Blumen“, behauptet jedoch die Frau im Laden, während sie die Gerbera einwickelt. „Manche vielleicht, weil sie ein schlechtes Gewissen haben.“ Und wer keine Gewächse mag, den lockt womöglich der mährische Wein, der hier nachts verkauft wird.

Welche Blume soll es sein? Laden bei der Haltestelle Jana Masaryka

Bis die nächste Tram kommt, dauert es zu lange, statt warten empfiehlt sich die vielleicht letzte laue Nacht des Jahres für einen Spaziergang bis zur Halte­stelle Šumavská. Unterwegs arbeitet schon ein Angestellter eines Backwarengeschäfts. Er bringe jetzt die leeren Paletten in die Bäckerei, sagt er, dort würden sie frisch beladen. Einkaufen kann man bei ihm aber erst um halb sieben. Also doch in die nächste Tram. Kaum eingestiegen, fielen nur kurz die Augen zu, als die Stimme in der Straßenbahn schon „Biskupcova“ sagt. Die Bahn muss gerast sein, so schnell verging die Zeit bis nach Žižkov noch nie. Was nun?

Einige Meter von der Kreuzung Ohrada entfernt hat ein Laden rund um die Uhr geöffnet. Kurz vor Sonnenaufgang tummeln sich davor so manche, die das Ende der Nacht noch nicht wahrhaben wollen. Das erfreut die Ladenbesitzer nicht immer. Mitunter müssen sie sich gegen torkelnde Kundschaft wehren, die beim Einkauf das ein oder andere Produkt aus dem Regal mitreißt. Die Kühltruhe ist frisch befüllt. Käse, Joghurt und Milch machen Lust auf Frühstück. Mit einer Flasche Vollmilch geht es zurück zur Haltestelle. Sie liegt so kalt in der Hand, dass der Schlaf diesmal kaum siegen dürfte.

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