Sensibler Realismus

Sensibler Realismus

In der Leica Gallery vermitteln Fotografien von Anton Podstraský einen Einblick in den Alltag der ČSSR

1. 10. 2015 - Text: Melanie Nolte, Foto: A. Podstraský/Leica Gallery

„Er rückte den Alltag in den Fokus, oft geprägt von Hilflosigkeit sowie persönlicher und sozialer Resignation“, beschreibt der langjährige Wegbegleiter und Ausstellungs-Kurator Aurel Hrabušický das Werk des 2007 verstorbenen slowakischen Fotografen Anton Podstraský. In der Leica Gallery ermöglicht eine Schwarz-Weiß-Retrospektive einen spannenden Einblick in das Leben in der Tschechoslowakei zwischen 1965 und 1991, das Pod­straský abseits seiner professionellen Tätigkeit bei staatlichen Filmstudios oder Zeitschriften dokumentierte.

Anton Podstraský wurde 1939 in einem kleinen Weiler nahe Žilina geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Nicht zuletzt der politische Systemwechsel nach dem Zweiten Weltkrieg erlaubte es Podstraský, auch als Sohn eines Hausierers vom Lande ein Studium im fernen Bratislava in Angriff zu nehmen. Von 1955 bis 1960 lernte er an der Hochschule für Kunst und Handwerk das Fotografieren und fand nach seinem Abschluss eine Anstellung in den Filmstudios von Bratislava. In den Anfängen der Reformbewegung des Prager Frühlings Mitte der sechziger Jahre wagte sich Podstratský an das private Projekt, sein Lebensumfeld in den Straßen Bratislavas auf Zelluloid zu bannen.

Es sind zuweilen sehr banale Szenerien, die er dabei festhielt – und gerade deswegen vermögen die Aufnahmen zu fesseln. Ein Mann mit umgehängten Gewehr zwischen Spaziergängern; ein Paar, das sich kurz vor Ankunft eines Busses an einer Haltestelle im Arm hält oder ein kleiner Junge, der gerade so groß ist, das er noch unter einer Theke stehen kann. Podstraský suchte und fand oft die Ausgestoßenen der Gesellschaft – marginalisierte Menschen in Bars und Tavernen und in den heruntergekommenen Ecken seiner Stadt. Mit viel Geduld und Anteilnahme pickte er einen Moment aus ihrem Leben heraus und setzte seine meist tragischen Helden raumgreifend, berührend und gleichzeitig wie beiläufig ins Bild.

Wurde Podstraskýs ungeschminkter Realismus in Zeiten des Tauwetters unter Alexander Dubček geduldet, so endete diese Phase abrupt mit dem Einmarsch der Warschauer -Pakt-Truppen. Ein Jahr darauf nahm die Tschechoslowakei zumindest sportlich Revanche, als ihr Eishockey-Team bei der Weltmeisterschaft 1969 den übermächtigen Gegner aus der Sowjetunion schlug. Auch Podstraský verewigte den Moment des Triumphes auf eigenwillige Weise: Zwei Männer stehen vor einer kahlen Mauer, der eine kniet mit Hut und Gehstock in der Hand auf dem Boden, der andere steht rauchend neben ihm. Dahinter steht groß auf die Wand gemalt das Resultat des denkwürdigen Spiels: 4:3.

Doch mit dem Einsetzen der „Normalisierung“ endete die kurze Phase der politischen und gesellschaftlichen Liberalisierung. Podstraskýs Inszenierung der Lebenswahrheiten widersprach dem staatlichen Diskurs vom Fortschritt und dem Idealbild des Aufbaus vom Kommunismus. Seine kritische Sichtweise führte 1970 zur Verhaftung und Aburteilung wegen „Diffamierung der Tschechoslowakei und des Sozialismus“. Pod­straský verbrachte vier Monate im Gefängnis.

Ab 1974 arbeitete er als freier Mitarbeiter für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Es waren sachliche Auftragsarbeiten, die er zwecks Broterwerb anfertigte. Damit verschwand der Kunstfotograf Podstraský bis zum Ende des sozialistischen Regimes von der Bildfläche. Doch privat blieb er seinen authentischen Dokumentationen treu und lichtete die Realität in den unterschiedlichsten Facetten ab. Heute gilt Podstraský in seiner Heimat als einer der herausragendsten Vertreter realistischer Fotografie.

Podstraský liebte absurde Situationen und Gegensätze. Und so wohnt vielen seiner Bilder auch eine spezielle Art von Humor inne. Dann zum Beispiel, wenn ein Landwirt auf seinem alten Pferdegespann sitzt und dahinter ein großer weißer Wohnblock zu sehen ist. Oder wenn ein Schwein an der Leine eines Mädchens durch eine kleine Gasse Bratislavas trabt. Der Mensch und seine Existenz im Realsozialismus wurde den Zukunftsvisionen der politischen Nomenklatura offensichtlich nicht gerecht. Der Rundgang durch die zirka 40 Exponate zählende Retro­spektive ist eine sensible Annäherung an die Lebensumstände in der sozialistischen Tschechoslowakei – meist am Rande ihrer Gesellschaft aufgenommen und mit verstörenden Motiven, aber zuweilen auch mit bissigem Humor und menschlicher Wärme ausgestattet.

Anton Podstraský 1939–2007. Leica Gallery (Školská 28, Prag 1), geöffnet: Mo.–Fr. 10 bis 21 Uhr, Sa. & So. 14 bis 18 Uhr, Eintritt: 70 CZK (ermäßigt 40 CZK), bis 22. November, www.lgp.cz



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