Sehnsucht nach Entgrenzung

Sehnsucht nach Entgrenzung

Eine Ausstellung im Agneskloster beleuchtet die Kunst des Symbolismus

30. 4. 2015 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Bild: Maxmilián Pirner: „Konec na všech věci“, 1887/NGP

 

Gedankenverlorene Menschen, verführerische Nymphen und dämonische Naturgeister streifen durch die Gänge des Agnesklosters. Auf Leinwand gebannt versetzen sie den Betrachter in traumhafte Landschaften, konfrontieren ihn mit Sehnsüchten, aber auch Abgründen. „Tajemné dálky“ – „Geheimnisvolle Weiten“ – heißt der Titel der Ausstellung, die die Nationalgalerie bis 27. September im Erdgeschoss des Klosters präsentiert. Sie gibt einen Überblick über den böhmischen Symbolismus in den Jahren von 1880 bis 1914.

Neben bekannten Künstlern wie Max Švabinský, Jan Preisler, Bohumil Kubišta und Jakub Schikaneder sind auch weniger berühmte Namen wie Beneš Knüpfer, Josef Mandl und Maxmilián Pirner vertreten. Zu sehen sind sowohl Grafiken und Gemälde als auch Skulpturen und illustrierte Bücher.

Der Symbolismus markiert einen Meilenstein in der tschechischen Kunstgeschichte, da sich mit dieser Strömung die Künstler erstmals internationalen Tendenzen öffneten. Damit überschritt die bildende Kunst an der Schwelle zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert nationale Schranken und wurde Teil einer mitteleuropäischen Szene. Die Einflüsse ausländischer Bewegungen und Künstler kann man vielen Werken ansehen. So trägt beispielsweise Švabinskýs „Chudý kraj“ („Arme Gegend“) Formelemente des Impressionismus; die Bilder Mandls zeugen von der Bedeutung Arnold Böcklins für die Malerei jener Zeit.

Untergliedert in acht Abschnitte bringt die Ausstellung dem Besucher zentrale Themen des Symbolismus näher. „Vnitřní zrak“ („Inneres Auge“) erzählt von der Sehnsucht nach Spiritualität und Entgrenzung. „Ztracený ráj“ („Verlorenes Paradies“) kündet von Einsamkeit und Abkehr von einer immer materialistischer werdenden Gesellschaft. Um Tod und Sterben geht es in „Přízraky noci“ („Phantome der Nacht“) und „Et in Arcadia ego“ konfrontiert den Betrachter mit Melancholie und der Flucht in eine mythische Vergangenheit oder Natur.

Ein Zeitstrahl bettet die Kunstströmung in den historischen Kontext ein und listet bedeutende Ereignisse auf. Er erinnert unter anderem an die Teilung der Prager Karls-Universität in eine tschechische und eine deutsche Hochschule im Jahr 1882. Dreizehn Jahre darauf wird Oscar Wilde aufgrund seiner Homosexualität vor Gericht gestellt, 1900 vollendet Max Planck seine Quantentheorie und 1913 entwirft der Architekt Josef Chochol die ersten kubistischen Häuser, die am Prager Vyšehrad entstehen.

Die Schau ermöglicht einen bemerkenswerten Einblick in die Innenwelt der Künstler und vermittelt zugleich eine Ahnung von den Themen, die die damalige Gesellschaft bewegten. Die Werke sind nicht nur für Kunstinteressierte aufschlussreich, sondern für alle, die in jene Epoche eintauchen wollen.

Geheimnisvolle Weiten. Symbolismus der Böhmischen Länder 1880–1914. Agneskloster (U Milosrdných 17, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 180 CZK (ermäßigt 90 CZK), bis 27. September, www.ngprague.cz



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