Schützenhilfe für den Erzfeind

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Slavia Prag schlägt Viktoria Pilsen und macht das Titelrennen wieder spannend

15. 5. 2013 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: M. Malý/Slavia Prag

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Grundsätzlich will jeder Profisportler immer nur eines: gewinnen. Der Siegeshunger gehört zu jenen Motivationsfaktoren, die den Körper zu Höchstleistungen treiben. Diesen verspürte auch der 27 Jahre alte Stürmer Milan Škoda von Slavia Prag, bevor er ihn vergangenen Samstagabend mit einem herrlichen Treffer zum 1:0-Sieg gegen Tabellenführer Viktoria Pilsen stillte.

Es war weitaus mehr als nur ein schönes Tor. Drei Spieltage vor Saisonende machte Slavia den Klassenerhalt perfekt, nachdem der Tabellenvorletzte Hradec Králové bei Schlusslicht České Budějovice verloren hatte. Mit 36 Punkten auf Tabellenplatz Acht liegend, bestehen jedoch auch keine Chancen mehr, einen der drei Europapokal-Plätze zu erreichen. Davon träumt man im Eden-Park zu Vršovice schon lange nicht mehr: Zu inkonstant, zu mittelmäßig präsentierte sich das Team in dieser Saison. Aus diesem Grund rang sich die Führung Slavias vor zwei Wochen dazu durch, den Trainer zu wechseln. Dem glücklosen Altmeister und ehemaligen Nationaltrainer Petr Rada folgte der 43-jährige Trainer der B-Mannschaft Michal Petrouš. Anscheinend schließt man sich auch in Tschechien dem Bundesliga-Trend an, junge Nachwuchstrainer aus den eigenen Reihen in die Chefposition zu hieven. Damit verbunden ist nicht nur die Hoffnung, mittels „neuem Besen“ bessere Resultate zu erzielen, sondern auch die Rücksicht auf den Geldbeutel.

Nur noch zwei Punkte
Škodas Treffer war auch in Hinblick auf die Meisterschaft ein besonderer. Vor dem 27. Spieltag hatte Viktoria Pilsen noch fünf Punkte Vorsprung auf Rekordmeister Sparta Prag. Nun sind es nur noch zwei, das Titelrennen ist wieder spannend. „Darauf haben wir nicht groß geschaut, wir wollten einfach nur das Spiel gegen Pilsen gewinnen“, reagierte Torschütze Škoda auf die Meisterschaftsfrage. Von Wettbewerbsverzerrung wagt aufgrund der innerstädtischen Feindschaft zwischen Slavia und Sparta niemand zu sprechen. Doch wie kam es zu dem überraschenden Erfolg gegen die offensiv agierenden Pilsener? Überraschend auch deswegen, weil Slavia bereits nach 19 Minuten auf seinen Flügelflitzer Martin Juhar verzichten musste, der nach einer vermeintlichen Tätlichkeit gegen Pilsens Kapitän Pavel Horváth des Feldes verwiesen wurde. Zehn Kämpfer mit dem roten Stern auf der Brust wehrten sich aufopfernd über 70 Minuten lang gegen die immer verzweifelter anrennenden Spieler des Titelaspiranten. Der Zuschauer hätte meinen können, er verfolge das Prager Stadtderby und Slavia wolle dem verhassten Erzrivalen Sparta den Titel verderben.

Horváths Theatervorstellung
„Die rote Karte war verdient“, sagte Pilsens Mannschaftskapitän Horváth, der sich auf das Reglement stützte, getreu dem Motto: Ein Platzverweis ist korrekt, weil der Schiedsrichter die rote Karte zeigt. Genützt hat die theatralische Vorstellung Horváths bekanntlich nichts. Es war eines jener Fußballspiele, bei dem einem das Gefühl beschleicht, Viktoria könne noch vier Stunden weiterspielen und es würde doch kein Tor fallen.

„Das war das schwierigste Spiel meiner Trainerkarriere“, hielt Slavias neuer Trainer Petrouš nach dem Schlusspfiff mit einem Augenzwinkern fest. Aus den zwei Spielen unter seiner Regie holte Slavia sechs Punkte. Zum Einstand hatte das Team in der Woche zuvor den in der Tabelle besser platzierten FK Jablonec mit 5:1 nach Hause geschickt. Petrouš feierte einen Einstand nach Maß.

Dessen Trainerkollege Pavel Vrba analysierte die Niederlage des Tabellenführers kurz und sachlich. „Ich kann meinem Team keinen Vorwurf machen, es hat gut gespielt. Uns hat einfach das Glück im Abschluss gefehlt. Darüber hinaus hat Slavia taktisch hervorragend gegen den Ball gearbeitet“, so der Pilsener Erfolgstrainer. Mannschaftskapitän Horváth fügte hinzu: „Ich wusste, dass die Meisterschaft bis zum Schluss spannend bleiben würde. Wir halten nach wie vor alles in unserer eigenen Hand und es gibt keinen Grund, den Mut zu verlieren. Wir brauchen aus den letzten drei Spielen einfach sieben Punkte, dann sind wir durch.“ Er verweist damit auch auf die Tatsache, dass man immer noch über das bessere Torverhältnis als Sparta verfügt – allerdings nur geringfügig.
Anscheinend wollte der Routinier mit seinen Worten die Gemüter seiner Mannschaftskameraden beruhigen – schließlich hatte Verfolger Sparta zu diesem Zeitpunkt seine Partie noch vor sich.

Sparta nutzte Sonntagabend den Ausrutscher Pilsens meisterhaft aus und fertigte Mladá Boleslav ohne Ex-Bundesligaprofi David Jarolím mit 4:0 ab. Drei Treffer gingen dabei auf das Konto von Liga-Topscorer David Lafata. Sparta revanchierte sich damit gleichzeitig für die 1:2-Niederlage im Pokal-Halbfinale vor heimischem Publikum wenige Tage zuvor – am Freitag, 17. Mai trifft Mladá Boleslav in Chomutov im Finale auf Jablonec; der Sieger ist für die Europa League qualifiziert.

Nach dem Aus im Pokal darf das Team von Vítězslav Lavička weiterhin vom Titel träumen, auch weil ihm das vermeintlich leichtere Restprogramm bevorsteht.

Auch Milan Škoda interessiert, wer in dieser Saison den Meistertitel holt. Welchem Verein der Slavia-Stürmer die Daumen drückt, ist kein Geheimnis. Dennoch gab er nach dem Spiel nur einen Tipp ab. „Ich denke schon, dass Viktoria Pilsen Meister wird“, sagte Škoda und lächelte dabei verschmitzt in die Fernsehkamera. Sollte er recht behalten, überkämen ihn wohl wieder ähnliche Emotionen wie bei seinem Siegtreffer. Denn eines der schönsten Gefühle für einen Slavia-Spieler ist es, wenn Sparta verliert und den Pokal nicht in seinen Händen hält.

Tabellenspitze der Gambrinus-Liga nach 27 Spieltagen:
1. Viktoria Pilsen      59 Pkte     49:19 T
2. Sparta Prag         57 Pkte     47:20 T
3. Slovan Liberec     47 Pkte     40:31 T

Restprogramm der Titelkandidaten
Viktoria Pilsen: Olomouc (A), Liberec (H), Hradec Králové (A)
Sparta Prag: Brünn (A), Teplice (A), Dukla Prag (H)