Schauerliches zum Lesen und Lernen

Schauerliches zum Lesen und Lernen

In der zweisprachigen Sammlung „Prager deutsche Erzählungen“ schildern bekannte und vergessene Autoren mystische Gassen und menschliche Abgründe

16. 7. 2015 - Text: Corinna AntonText: Corinna Anton; Bild: Nakladatelství Edika

Mal geht es mystisch zu, mal modrig, gelegentlich festlich und oft schauerlich. Im neuen zweisprachigen Band „Pražské německé povídky. Prager deutsche Erzählungen“ schildern sieben Autoren das Leben in der Hauptstadt gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zwischen Franz Kafka und Gustav Meyrink (bekannt unter anderem durch „Der Golem“) finden sich in der Sammlung auch Schriftsteller, deren Werke heute nur wenigen ein Begriff sind – darunter Rudolf Fuchs (1890–1942) und Hermann Ungar (1893–1929), die der Herausgeber Jan Budňák in seinem Vorwort als „engagierte, zur Tschechoslowakischen Republik loyale Literaten“ bezeichnet.

Zu den weniger berühmten Autoren zählt auch Aloisia Kirschner (1854–1934), die unter dem Namen Ossip Schubin Romane und Novellen veröffentlichte. Im vorliegenden Band beschreibt sie mit ihrer Erzählung „Holunderblüten“ die mystische Stimmung in der Josefstadt: „Moos­zerfressen, zeitverdorben, eng aneinandergedrückt, ragen die Grabsteine aus dem smaragdfarbenen Rasen, unter dem zahllose Generationen ihren letzten Schlaf genießen.“ Vor dieser Kulisse erzählt die Autorin vom Schicksal der Esther Blümele, die den Tod ihres Geliebten nicht verkraftet: „Kalt und rein sah sie aus wie eine Schneeflocke und erinnerte an die blonden Engel, die Botticelli in seine Heiligenbilder gemalt hat, neben dem Thron der Gottesmutter, eine Lilie in der Hand.“ Kirschners Text endet mit einer schauerlichen Entdeckung: „Dort gegen die feuchte Wand gedrückt, lag Esther tot. Neben ihr, von ein paar halb vermoderten Lappen umhüllt, ein menschliches Gerippe!“

Ebenfalls ein eher vergessener Schriftsteller ist Camill Hoffmann, der 1878 im mittelböhmischen Kolín geboren und 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Der jüdische Autor und Diplomat übersetzte und verlegte unter anderem Schriften der tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk und Edvard Beneš. In „Philipp“ erzählt er von Tonitschek und dessen Hund, der eines Tages plötzlich verschwindet.

Grausames Ende
Am Verhalten der Mutter schildert Hoffmann die Rolle der Sprachen im damaligen Alltag: „Dennoch war sie in meinen Augen eine feine Frau, immer sauber herausgeputzt und mit schlanken Händen, und sie legte Wert darauf, sich von Arbeitern und Bauern zu unterscheiden, indem sie deutsch sprach. Sie machte dabei immer ein ernstes, geradezu abweisendes Gesicht, obwohl das ihre blassen Züge nicht verschönte“, heißt es an einer Stelle. Als sie mit ihrem Sohn redet, verwendet sie jedoch die tschechische Koseform: „Tot, lieber Tonitschku, gestorben. Reg dich nicht auf, Tonitschku.“ Nicht unbekannt, aber dennoch eine lohnenswerte Lektüre ist die Erzählung „Frau Blahas Magd“. Der 1875 in Prag geborene Rainer Maria Rilke braucht nur wenige Worte, um dem Leser das Grauen vor Augen zu führen. „Da packte Annuschka ihre blaue Schürze, welche nah am Bette hing, zog die Gürtelbänder derselben über dem kleinen Halse zusammen und legte das ganze blaue Bündel zuunterst in ihren Koffer. Dann ging sie in die Stube, zog die Vorhänge auf und begann den Kaffee zu kochen.“

Bevor die Geschichte um Annuschka und ihr getötetes Neugeborenes ein noch grausameres Ende nimmt („Und dann, als die Küche schon ganz dunkel war, ging sie herum und spaltete allen Puppen die Köpfe, auch der großen blauen.“), schildert der deutschsprachige Prager Autor, wie es dem jungen Mädchen vom Land in der Großstadt ergeht: „Anna saß in der kleinen, finsteren Küche, welche ein Fenster in den Lichthof hatte, und wartete, bis der Leierkastenmann kam. (…) Wenn ihr dann ängstlich wurde, begann sie durch das ganze Haus zu gehen, über die finsteren und schmutzigen Treppen bis hinunter in die qualmige Gassenschenke, wo dann und wann irgendeiner sang in der ersten Trunkenheit.“

Natürlich dürfen auch Franz Kafkas „Vor dem Gesetz“, „Schakale und Araber“ und „Eine kaiserliche Botschaft“ nicht in der Sammlung fehlen, die insgesamt einen abwechslungsreichen Einblick in die Prager deutsche Literatur gibt. Dass Worttrennungen am Ende einer Zeile fast immer falsch sind, ist ein Schönheitsfehler, der Muttersprachler wohl mehr stört als Deutschlernende, an die sich die Publikation hauptsächlich richtet. Für sie gibt es zu jeder Erzählung Fragen zum Textverständnis und Schreibaufgaben, wodurch sich der Band gut für den Unterricht eignet – vorausgesetzt die Schüler verfügen bereits über einen ausreichend großen Wortschatz. Wer keine Lust zu Lesen hat und zudem an seiner Aussprache feilen möchte, kann die im Buch enthaltene CD anhören, auf der deutsche Muttersprachler die Texte vorlesen.

Jan Budňák (Hrsg.): Pražské německé povídky. Prager deutsche Erzählungen. Nakladatelství Edika (Verlag), Brünn 2015, 200 Seiten, 289 CZK, ISBN 978-80-266-0616-1



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