Prunk vergangener Tage

Prunk vergangener Tage

Die Kunstgewerbeschule stellt deutschböhmische Architektur aus der Zeit der Nationalen Wiedergeburt vor

13. 8. 2015 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: APZ

 

Die ohnehin erschütterten Beziehungen zwischen deutschen und tschechischen Böhmen gipfelten im Jahr 1891 in einen historischen Boykott. Die deutschen Industriellen verweigerten sich der Prager Landes-Jubiläumsausstellung, die den Innovationsgeist der Donaumonarchie demonstrieren sollte. Da die Schau ausschließlich von tschechischen Unternehmen ausgestattet und organisiert worden war, luden sie sich selbst aus.

Jenes Jahr, in dem die Abgrenzung zwischen Deutschen und Böhmen einen unrühmlichen Höhepunkt fand, haben die Kuratoren der deutsch- und tschechischsprachigen Ausstellung „Ein fremdes Haus? Die Architektur der Deutschböhmen 1848–1891“ als zeitlichen Eckpunkt gewählt. Die Schau in der Galerie der Akademie für Kunst, Architektur und Design am Jan-Palach-Platz vermittelt einen Einblick darin, wie die Spannungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen das architektonische Bild Böhmens prägten. Im Mittelpunkt stehen Fotos aus jener Epoche und Entwürfe von Bauwerken, die aus der Feder deutscher Baumeister stammen.

Seit Beginn der bürgerlichen Revolution wuchs sowohl bei der tschechischen als auch der deutschen Bevölkerung der Wille, ihrer Identität nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch künstlerisch Ausdruck zu verleihen. Natürlich waren es die Tschechen, die nach zweieinhalb Jahrhunderten deutscher Dominanz den Drang verspürten, ihrer unterdrückten Nation zu mehr Präsenz zu verhelfen. Dazu dienten unter anderem der Bau des Nationalmuseums, des Rudolfinums oder später des Gemeindehauses. Aber auch die Deutschböhmen errichteten repräsentative Gebäude, die der eigenen Identitätsstiftung – in dem Falle eher -bewahrung – zugute kommen sollten. Die beiden Bevölkerungsgruppen verkehrten zunehmend in Parallelwelten. So gab es in Prag nicht nur eine explizit deutsche Universität, ein deutsches Theater (die heutige Staatsoper) oder deutsche Salons, sondern auch deutsche Turnhallen, Vereinshäuser oder lutherische Kirchen. Die Akademie für Kunst, Architektur und Design präsentiert einige Dutzend historische Aufnahmen, Skizzen und Modelle, um an diese teilweise noch erhaltenen, teilweise längst zerstörten Bauten zu erinnern.

Ausdruck nationaler Identität
Zu den Bauwerken, die heute nicht mehr existieren, gehört die Synagoge von Teplitz (Teplice). Im Jahr 1939 fiel sie dem nationalsozialistischen Rassen- und Zerstörungswahn zum Opfer. Bis dahin war das Gebäude, das Hermann Rudolf in den Jahren 1880 bis 1882 angeblich nach Plänen des berühmten Wiener Architekten Wilhelm Stiassny errichtete, das größte jüdische Gotteshaus Böhmens. Am Jan- Palach-Platz ist nun ein Modell des Neorenaissancebaus zu sehen. Das gleiche Schicksal ereilte die prachtvolle Synagoge von Karlsbad (Karlovy Vary). Eine Fotografie erinnert an den Bau von Adolf Wolff, der wie sein Teplitzer Gegenstück von zahlreichen orientalischen Elementen verziert wurde.

Der wachsenden tschechischen Identitätsfindung setzte die deutsche Minderheit auch zahlreiche administrative Prachtbauten entgegen. Ein Beispiel hierfür ist das zwischen 1888 und 1893 erbaute Neue Rathaus in Reichenberg (Liberec) von Franz Neumann. Die von Deutschen dominierte nordböhmische Stadt setzte sich ein zeitgenössisches Denkmal und riss dafür das alte Renaissance-Rathaus ab. Mit dem Neubau wollte man den Reichtum der damals zweitgrößten Stadt Böhmens verdeutlichen – der Denkmalschutz kam erst rund 100 Jahre später auf.

Die Schau zeigt aber auch Bilder von schlichteren Bauten wie zum Beispiel einer Turnhalle für eine deutsche Schule in Eger (Cheb) oder eines deutschen Vereinshauses. Spannend ist die alte Fotografie des Deutschen Kasinos in Prag. Das klassizistische Gebäude wurde  Ende des 18. Jahrhunderts nach Plänen von Filip Heger in der Flaniermeile Am Graben (Na Příkopě) erbaut. Heute dient es unter dem Namen „Slovanský dům“ („Slawisches Haus“) als Einkaufstempel für Konsumfreudige.

Leider erfährt der Besucher der Schau recht wenig über die vorgestellten Bauwerke, ihre Geschichte und ihren, falls vorhanden, heutigen Verwendungszweck. Das ist die Schwachstelle einer überschaubaren Ausstellung, die dem Gast aber immerhin eine gute Übersicht zu dem Thema liefert.

Ein fremdes Haus? Die Architektur der Deutschböhmen 1848–1891. Galerie der Akademie für Kunst, Architektur und Design Prag (Náměstí Jana Palacha 80, Prag 1), geöffnet: täglich außer sonntags 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei, bis 5. September



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