Piloten am Boden

Piloten am Boden

Czech Airlines trennt sich von einem Drittel seiner Mitarbeiter

2. 10. 2014 - Text: Corinna AntonText: ca/čtk; Foto: ČSA

Anzeige

Die tschechische Fluggesellschaft Czech Airlines (České aerolinie, ČSA) will etwa 300 Mitarbeiter entlassen. Die Kündigungen betreffen 77 Piloten, etwa 150 Flugbegleiter sowie rund 60 Verwaltungsmitarbeiter, bestätigte die Fluggesellschaft am Mittwoch vergangener Woche. Das sind etwa ein Drittel der Piloten und rund die Hälfte der Flugbegleiter. Letztere bekräftigten daraufhin in der vergangenen Woche ihre Streikbereitschaft. Zum Ausstand aufrufen wollen die Gewerkschaften aber in den kommenden Tagen nicht. Noch am Mittwoch vergangener Woche versprach ihnen die ČSA-Führung Verhandlungen.Vertreter der beschäftigten Piloten haben noch nicht mit Streik gedroht, aber auch sie bestehen darauf, dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Czech Airlines hatte zuvor sechs Maschinen des Typs A320 aus der Flotte entfernt, da sie aus Sicht des Unternehmens nicht wirtschaftlich zu betreiben waren. Die aktuellen Kündigungen seien eine zwingende Folge dieses Schrittes, erklärte ČSA-Sprecher Daniel Šabík. Beide Maßnahmen gehörten zu einem umfassenden Restrukturalisierungsplan der Airline. Auch aufgrund der Maßnahmen dieses Plans habe das Unternehmen im laufenden Jahr sechs Monate in Folge einen operativen Gewinn erzielt – erstmals seit einigen Jahren, so der ČSA-Sprecher. Er versprach, das Unternehmen werde zusammen mit seinen Partnern von SkyTeam, einer Luftfahrtallianz von derzeit 20 internationalen Fluggesellschaften, versuchen, einigen betroffenen Mitarbeitern neue Stellen zu vermitteln. Ein Großteil der Piloten der Airbusse A320, für die die tschechische Airline „keine Verwendung mehr“ habe, könnte zum Beispiel bei Korean Air, das seit knapp anderthalb Jahren 44 Prozent der ČSA-Aktien hält, oder der russischen Gesellschaft Aeroflot unterkommen.

Šabík zufolge habe die Fluggesellschaft bereits im Frühjahr angekündigt, dass sie die sechs Airbusse ab Beginn der Wintersaison 2014/2015 nicht mehr verwenden werde. „Zur Beschleunigung dieses Schrittes hat sich das Unternehmen entschieden, nachdem es im Zusammenhang mir der Ukraine-Krise zu einem deutlichen Rückgang der Passagierzahlen aus Russland und weiteren Ländern der ehemaligen Sowjetunion gekommen war.“ Im Sommer habe ČSA die Airbusse A320 kaum für Linienflüge eingesetzt.

Vorwürfe gegen Vorgänger
Die angekündigten Entlassungen riefen rasch Reaktionen auf höchster politischer Ebene hervor. Der Präsident der Pilotenvereinigung CZALPA Stanislav Fiala sagte, die Piloten riefen die Eigentümer der Fluglinie, also den Staat vertreten durch den Finanzminister, dazu auf, die Situation neu zu bewerten. Die Vereinigung sei bereit, über Gehälter zu verhandeln, wenn es darum gehe, Arbeitsplätze zu erhalten. Finanzminister Andrej Babiš (ANO) zufolge braucht die Airline mehr Kapital. Das Ministerium verhandele darüber mit den anderen Aktionären, so Babiš, als künftiger Minderheitsaktionär habe er jedoch eine schwache Position.

Premier Bohuslav Sobotka (ČSSD) will sich mit dem Vorstandsvorsitzenden der staatlichen Český Aeroholding treffen, über die der Staat Anteile an ČSA hält. Er wäre unglücklich, wenn weitere Entlassungen dazu führen würden, dass die Fluggesellschaft nicht mehr funktionieren und ihren Platz auf dem Markt räumen müsse, so Sobotka. Babiš macht für den wirtschaftlichen Zustand die Vorgängerregierungen verantwortlich. Er gibt Ex-Premierminister Petr Nečas und dessen Mitte-Rechts-Koalition die Schuld daran, dass der Staat nur noch ein Fünftel der Anteile hält.

Travel Service profitiert
Sobotka glaubt, dass sich der Einstieg von Korean Air nun vor allem für die Konkurrenz-Gesellschaft Travel Service als positiver Schritt erweise. „Ich habe das ziemlich starke Gefühl, dass die Privatisierung in der Art, wie sie in den vergangenen Jahren unter Nečas organisiert wurde, am Ende dazu führt, dass ČSA immer schwächer und Travel Service immer stärker wird“, sagte der Regierungschef. Der ehemalige Finanzminister Miroslav Kalousek (TOP 09) hat dazu eine andere Meinung: „Wenn es nicht zur Privatisierung gekommen wäre, hätten wir ČSA schon vor drei Jahren liquidieren müssen“, so Kalousek.

Der Pilotenvereinigung CZ­ALPA zufolge stehen die Entlassungspläne im Widerspruch zu den Bedingungen des Verkaufs der ČSA-Aktien an die Fluggesellschaft Korean Air. Unter anderem sei von einer höheren Auslastung der Kapazitäten die Rede gewesen. Die Vereinigung des Kabinenpersonals sieht ein Hauptproblem darin, dass eigene Mitarbeiter über Agenturen von anderen Flugbegleitern ersetzt werden.  

Czech Airlines und Travel Service
Mit mehr als 90 Jahren gehört ČSA zu den ältesten Fluggesellschaften überhaupt, in den vergangenen Jahren hatte sie jedoch große wirtschaftliche Probleme. Als Folgen davon wurde im April 2013 für umgerechnet 2,6 Millionen Euro ein Großteil der Aktien an Korean Air verkauft. Noch im Jahr 2010 bestand die Flotte der ČSA aus etwa 50 Flugzeugen und das Unternehmen beschäftigte rund 3.300 Mitarbeiter. Ende August waren es nur noch 23 Flugzeuge und knapp 900 Mitarbeiter. Im Jahr 2013 wies die Fluggesellschaft einen Verlust von umgerechnet 34 Millionen Euro aus.

Die Konkurrenz-Fluglinie Travel Service gehört zur Gesellschaft Unimex Group, Eigentümer sind die Unternehmer Jiří Šimáně und Jaromír Šmejkal. Die Firma bietet seit dem Jahr 1997 Flüge an und ist führend im Bereich Charterverkehr in Tschechien, Ungarn und der Slowakei. Auch in Polen verfügt sie einen hohen Marktanteil. 2013 flog Travel Service mit 42 Maschinen. Im Dezember vergangenen Jahres kündigte das Unternehmen an, es wolle über Korean Air 34 Prozent der Aktien von ČSA erwerben. Die Südkoreaner hatten sich das Vorkaufsrecht für die staatlichen Anteile gesichert. Sofern die EU-Kommission und die Kartellbehörden in Russland, der Ukraine und Israel der Transaktion zustimmen, würde der Staat dadurch seine Mehrheit der Anteile verlieren.