Phänomenaler Gott

Phänomenaler Gott

Warum Tschechiens berühmtester Sänger auch mit 75 Jahren noch erfolgreich ist

10. 7. 2014 - Text: Marcus HundtText: Marcus Hundt; Foto: ČTK/DPA/Andreas Lander (Karel Gott mit Schlagersängerin Helene Fischer)

Anzeige

Auf zwei Fragen antwortet er gar nicht gern: wo er seinen Urlaub verbringt und wie er seinen Geburtstag feiert. Die zweite Frage bekommt Karel Gott in diesen Tagen öfter gestellt. Schließlich begeht die „goldene Stimme aus Prag“ bald einen rundes Jubiläum. Am 14. Juli wird er 75 Jahre alt.

„Über Geburtstage mache ich mir überhaupt keine Gedanken, das Alter ist kein Verdienst. Wichtig ist nur, wie man die Jahre verbracht hat“, sagte Gott vor wenigen Tagen. Er selbst würde keinen einzigen Tag seines Lebens bedauern. Denn auch, wenn es einmal nicht so gut lief, habe er daraus seine Lehren gezogen.

Wie auch sonst hätte er es zum gefeierten Star geschafft? Ein halbes Jahrhundert steht Karel Gott mittlerweile auf der Bühne, und noch heute wird er von vielen buchstäblich „vergöttert“. Seine Landsleute wählten ihn in den vergangenen 50 Jahren 38 Mal zum „beliebtesten Sänger“ – zum letzten Mal nahm er die „Nachtigall“ („Český slavík“, vor 1996 „Zlatý slavík“), den wichtigsten Musikpreis Tschechiens, im November 2013 entgegen. Und wahrscheinlich gewinnt er sie auch in diesem Jahr.

Für seine Freundin, die tschechische Sängerin Yvonne Přenosilová, kann man Gotts Popularität nicht nur mit einem „außergewöhnlichen Talent“ erklären. „Gegenüber seinem Publikum zeigt er eine unglaubliche Demut und er ist sehr hart zu sich selbst.“ Das mache ihn so einmalig. Fragt man andere Kollegen von ihm, kommt fast immer die gleiche Antwort: Karel Gott sei „außerordentlich professionell und ebenso perfektionistisch“. Egal ob ein Konzert vor ausverkaufter Halle oder ein Auftritt im Altersheim ansteht, er würde sich immer genauso gewissenhaft vorbereiten.

Singender Botschafter
Karel Gott ist ein einzigartiges Phänomen. Wie sonst ließen sich die Worte des damaligen Kulturministers Pavel Dostál erklären, der im Jahr 2000 feststellte, „für unser Land hat Karel Gott die gleiche Bedeutung wie die Karlsbrücke“? Gott ist ein singender Botschafter. Denn, so sagte Schauspieler und Sänger Jiří Korn: „Ohne Karel würden viele Menschen auf der Welt immer noch nicht wissen, wo die Stadt Prag liegt.“ Und selbst Tschechiens nicht minder berühmter Dichterpräsident Václav Havel machte Gott im Juli 1999 ein großes Kompliment. „Für mich ist er ein Beispiel professioneller Beständigkeit. Er ist so etwas wie der Berg Říp, der hier ja auch immer noch steht“, schrieb Havel in einem Brief wenige Tage vor Gotts 60. Geburtstag.

Auch 15 Jahre später liest und hört man in Tschechien ausschließlich Positives über den „göttlichen Kája“ („božský Kája“). Zu seiner Tournee im vorigen Jahr kamen über 100.000 Zuschauer – und im Gegensatz zu Deutschland gehören auch viele junge Leute zu seinen Fans. Sein Auftritt beim Festival „Rock for People“ in Hradec Králové wurde im vergangenen Sommer entgegen eigener Bedenken frenetisch bejubelt. Gott ist Kult – bei Alt und Jung. Deshalb denkt er auch mit 75 Jahren nicht ans Aufhören. „Das Publikum hat mir gezeigt, dass ich es mit meinem Gesang immer noch nicht langweile und es sich nicht vor mir fürchtet“, meint Gott mit einem Augenzwinkern. Vielleicht ist gerade das seine größte Sorge: von den Zuschauern ausgebuht zu werden, den richtigen Zeitpunkt für ein Karriereende verpasst zu haben.

Ein Zeitungsartikel über seinen geplanten Auftritt bei der Weltausstellung „Expo 2000“ in Hannover, in dem er als „Zombie“ bezeichnet wurde, machte ihn derart betroffen, dass er seine Teilnahme zunächst absagte. Letzten Endes hörte er aber auf seine Fans, das Konzert fand wie geplant statt – und war ein voller Erfolg. Vier Jahre später verarbeitete er die Geschichte in einem seiner tschechischen Lieder: „Sie haben mich schon hundertmal begraben und ich bin hundertmal auferstanden. Und solange es etwas zu singen gibt, werde ich auch weiterhin singen.“

Vom Casanova zum Ehemann
Vor wenigen Wochen veröffentlichte Karel Gott seine Memoiren in deutscher Sprache. In dem Buch „Zwischen den Welten“ schreibt er über seine jungen Jahre als Elektromechaniker, wie er mit 24 Jahren zum Superstar in der damaligen Tschechoslowakei wird, über sein Leben vor und hinter dem Eisernen Vorhang. Und auch darüber, warum er sich erst mit 68 Jahren für den Bund des Lebens entschied. Es hat viel mit seinem Image in der Bundesrepublik zu tun. „Ich wollte wie ein romantischer Sänger wirken, der verliebt ist. Ich hatte Angst, wenn ich heirate, kommt die Romantik abhanden. Das war auch ein Grund, immer neue Romanzen zu erleben“, erinnert sich Gott, der vor sechs Jahren zum vierten Mal Vater wurde.

Karel Gott wird am 14. Juli 1939 in Pilsen geboren. Nach dem Krieg zieht er mit seinen Eltern nach Prag und geht dort aufs Gymnasium. Dass er eines Tages der berühmteste Sänger seines Landes werden sollte, konnte damals niemand absehen. Denn seine größte Leidenschaft gilt zunächst der Malerei. Doch sein Wunsch, an der Prager Kunstakademie zu studieren, bleibt unerfüllt. Also begnügt sich Gott vorerst mit einer Lehre zum Elektromechaniker. Danach arbeitet er drei Jahre für den Maschinenhersteller ČKD in Prag–Vysočany – und entdeckt in dieser Zeit seine Liebe zur Musik. Er singt in den Prager Tanzcafés Reduta, Akord und Vltava, tritt unter anderem mit dem Orchester des berühmten Jazz-Musikers Karel Krautgartner auf, den Gott später seinen musikalischen Entdecker nennt. Mit 21 Jahren besteht er die Aufnahmeprüfung am Staatlichen Konservatorium, er studiert Operngesang. Doch auf der Bühne will er nicht Puccini, Verdi oder Mozart singen, sondern die Lässigkeit des Rock’n’Roll verkörpern. Und genau damit beginnt sein Aufstieg: Ein Duett mit Vlasta Průchová landet 1962 auf Platz eins der Hitparade, sein Lied „Oči sněhem zaváté“ wird zum „Hit des Jahres“ gewählt, Gott gewinnt seine erste von 38 „Nachtigallen“.

In einem seiner Konzerte sitzt ein Plattenmanager aus dem Westen, der ihn 1967 zum ersten Mal in die Bundesrepublik holt. Dort wird er als „die goldene Stimme aus Prag“ vermarktet. Sein gleichnamiges Album führt wochenlang die Charts an. Die sozialistischen Machthaber lassen die Auftritte beim Klassenfeind durchgehen. „Schließlich brachte ich ihnen jede Menge Devisen“, sagt Gott rückblickend. Die Kritik, er habe sich bewusst bei ihnen angebiedert und sich benutzen lassen, prallt bei ihm ab. „Ich habe immer versucht, auch wenn das nicht wirklich einfach war, mich von allem Politischen abzuschotten.“ Das gelingt nicht immer. Im Januar 1977 unterschreibt er als einer von 2.000 Künstlern die sogenannte Anticharta, eine Reaktion der Kommunistischen Partei auf die von der Bürgerrechtsbewegung um Václav Havel verfasste Charta 77. Natürlich sei er im gewissen Sinne ein Opportunist gewesen, sagt Gott heute. Denn: „Was nutzt ein Künstler, der nicht auftreten darf? Was kann er bewirken?“

In Deutschland wird er einer der erfolgreichsten Schlagersänger, veröffentlicht insgesamt 25 Alben und landet mit dem Titellied zur Zeichentrickserie „Biene Maja“ einen Evergreen. Wenn man Karel Gott fragt, warum er in Tschechien, Deutschland und anderen Ländern so beliebt ist, muss er nicht lange überlegen: „Ich überbringe den Menschen frohe Botschaften. Und ich bin ein Sänger, bei dem es nicht allzu sehr auf tiefsinnige Texte ankommt.“