Nicht von dieser Welt

Nicht von dieser Welt

Das Kunstzentrum DOX präsentiert eigenwillige Konzeptwerke von Milan Guštar

25. 7. 2013 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: DOX

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Die Klangkulisse im dritten Stock des Kunstzentrums DOX erinnert ein wenig an die Eröffnungsszene der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“ aus den sechziger Jahren. Hohe Tonabfolgen, an Piepsignale aus dem All erinnernd, dringen unkoordiniert ans Trommelfell des Besuchers – es fehlt nur noch die Synchronstimme von Mister Spock, der einem irgendetwas Wissenschaftliches erklärt. Die Installation „Flex in Space“ aus dem Jahr 2012 von Milan Guštar bezweckt wohl aber etwas anderes.

Was genau, das ist stets die Frage, wenn es um Konzeptkunst geht. Vieles hängt vom Rezipienten ab und fordert somit dessen Kunstverständnis, Fantasie und Intellekt heraus. Bei „Flex in Space“ befindet man sich in einem komplett abgedunkelten Raum. Acht kleine Lämpchen, auf Augenhöhe an allen Seiten angebracht, geben zumindest einen kleinen optischen Anhaltspunkt. Nahe dieser sind die Klangquellen installiert. Damit bleibt man dann auch allein.

Der 49-jährige Guštar ist studierter Musikwissenschaftler. Bereits in den achtziger Jahren begann er, sich interdisziplinär zu betätigen. Er verband Musiktheorie mit Elementen aus der Mathematik und wagte den Sprung in die Kunst. Bei der im DOX zu sehenden Retrospektive seines jüngeren Werks wechseln sich interdisziplinäre Experimente mit audiovisuellen Installationen und Fotografien ab.

Zu den Experimenten könnte man die auf mathematischen Berechnungen basierenden Musikstücke zählen. Im ersten Teil der Schau begleitet eine in der Endlosschlaufe befindliche Klangstruktur den Rundgang. Sie fußt auf einem Farbspektrum. Guštar löste die verschiedenen Abstufungen von Blau, Grün, Gelb und Rot heraus und überführte sie mittels Formel in eine bestimmte Abfolge. Jeder Farbe gab er einen Platz in der Tonleiter. Daraus ergibt sich ein Stück, das man der modernen Klangkunst beziehungsweise -forschung zuordnen könnte. Es ist weniger ratsam, den „Song“ zu Hause in den CD-Player einzulegen – er könnte auf Dauer an den Nerven zehren.

Für die Ausstellung ergeben sich aus Guštars eigenwilligen Konzepten allerdings aufregende Werke. So zum Beispiel bei „Aeternitas“, wo der in Prag lebende Künstler und Dozent dem Betrachter eine weiße Leinwand vorsetzt. Zu sehen ist nichts anderes als dies. Bei näherem Hinschauen, oder besser Lauschen, hört man einzelne Tonfolgen, die hinter der Leinwand pochende Rhythmen erzeugen. Auf einem ähnlichen Bild setzt Guštar auf eine vibrierende Oberfläche. Somit eröffnet er neue Möglichkeiten für weitere Sinneserfahrungen – man sieht sein Werk nicht nur, man hört und fühlt es sogar.

Spätestens hier wird klar, welche Absicht Milan Guštar zumindest teilweise hegt. Es geht um die Erweiterung des Fokus. Kunst soll auf der einen Seite naturwissenschaftlich und theoretisch erfasst, auf der anderen aber auch sinnlich und spirituell erfahren werden können. Genau diese Ambivalenz macht die Werkschau „Guštar“ aus. Angesprochen werden sämtliche Rezeptionssysteme des Menschen; ein jeder picke für sich heraus, was er für sinnstiftend oder einfach am spannendsten hält. Sei es auch nur eine schöne Kindheitserinnerung an eine Fernsehserie, die mit den Worten „Der Weltraum, unendliche Weiten“ beginnt.

Guštar. Zentrum für Gegenwartskunst DOX (Poupětova 1, Prag 7), geöffnet: Mo., Sa./So. 10–18 Uhr, Mi.–Fr. 11–19 Uhr, dienstags geschlossen, Eintritt: 180 CZK (ermäßigt 90 CZK), bis 14. Oktober