Nationalstolz und rauschende Feste

Nationalstolz und rauschende Feste

Das Prager Gemeindehaus feiert mit der Ausstellung „1912“ sein hundertjähriges Bestehen

24. 10. 2012 - Text: Sabina PoláčekText: Sabine Poláček; Foto: Obecní dům

 

Nirgendwo wird die sinfonische Dichtung „Mein Vaterland“ („Má vlast“) von Bedřich Smetana so regelmäßig gespielt wie im Prager Gemeindehaus (Obecní dům). Das ist nicht verwunderlich, denn das Gebäude – einst Symbol der Nationalen Wiedergeburt – ist bis heute ein Kulturdenkmal, das eng mit der „slawischen Seele“ verbunden ist. Seit 1949 wird hier jedes Jahr, so will es die Tradition, mit „Mein Vaterland“ das internationale Musikfestival „Prager Frühling“ („Pražské jaro“) im Smetana-Saal eingeläutet, wo die imposanten allegorischen Statuen „Vyšehrad“ und „Slawische Tänze“ jeden Besucher in seinen Bann ziehen. Das architektonische Schmuckstück gilt als eines der schönsten Bauwerke der Stadt. Kein Tourist geht am Platz der Republik (Náměstí Republiky) vorbei, ohne ein Foto vom prachtvollen Mosaik „Apotheose Prags“ geschossen zu haben.

Zum hundertjährigen Jubiläum seines Bestehens eröffnete das Gemeindehaus an diesem Mittwoch seine Ausstellung „1912“. „Sie soll nicht nur die Entstehungsgeschichte und die Architektur des Hauses präsentieren, sondern auch den kulturellen und gesellschaftlich-politischen Hintergrund des Jahres 1912 aufzeigen“, sagt der Kurator Otto M. Urban. Zu sehen sind zahlreiche Gemälde und Skulpturen der bedeutendsten tschechischen Künstler des Kubismus und Symbolismus wie etwa Jan Preisler, Alfons Mucha, Emil Filla, Bohumil Kubišta, Jan Zrzavý oder Josef Váchal. Die Objekte wurden aus 14 öffentlichen Institutionen und Privatsammlungen zusammengetragen. Auch die Werke der symbolistischen Künstlergruppe Sursum können Besucher dort betrachten. Die Gemälde dieser Künstler wurden bereits damals im Eröffnungsjahr 1912 unter demselben Dach präsentiert.

So eindrucksvoll das Haus heute sein mag, fand es in seiner Geschichte nicht immer nur Anhänger. Den konservativen Architekten von damals wäre ein Gebäude im Stil des Historismus lieber gewesen als das von Symbolismus geprägte Jugendstilbauwerk. Später stempelten die kommunistischen Funktionäre die architektonische Perle schlichtweg als Kitsch ab. In den neunziger Jahren wurde das Haus zweieinhalb Jahre lang restauriert, doch befand es sich erneut in Gefahr, als man die prächtige Eingangshalle einfach mit der Prager Metro verbinden wollte.

Das Gemeindehaus blickt auf eine ereignisreiche Historie zurück. Es ist mit den bedeutenden Geschehnissen 1918 und 1989 eng verbunden: Am 28. Oktober 1918 wurde hier der tschechoslowakische Staat proklamiert, im November 1989 fand hier das erste Treffen zwischen der damaligen kommunistischen Regierung und den Vertretern des Bürgerforums unter Václav Havel statt.

Geistiges Zentrum der Stadt
Daneben erfüllte das Gebäude eine wesentliche gesellschaftlich-kulturelle Funktion. Im Zuge der Industrialisierung wurden Räume für Veranstaltungen, Vereinstreffen und Freizeitaktivitäten gesucht. Aus diesem Grund wurden 1912 im damals so genannten „Repräsentationshaus der Stadt Prag“ (kurz „Repré“) nicht nur Konzertsäle errichtet, sondern auch kleine Salons, Restaurants, Cafés, ein Billardsaal und die „Amerikanische Bar“. Seit der Ersten Republik bietet das öffentliche Gebäude eine Vielzahl von festlichen Anlässen an, angefangen von Konzerten, Musikfestivals und Bällen bis hin zu Modenschauen und Kongressen. Jitka Sládková*, die im Gemeindehaus Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre auf Bällen mit ihrer Tanzgruppe „Takt“ Walzer, Tango oder Jive für das Publikum vortanzte, erinnert sich: „Ich war damals von der festlich-vornehmen Atmosphäre des Repré sehr beeindruckt. Die schönen Balkone und die herrlich bemalten Decken erinnerten mich an ein Theater. Ich fühlte mich wie in einer anderen Welt“, erzählt Sládková mit Glanz in den Augen. „Mir scheint, dass sich seitdem nicht viel verändert hat. Ich habe es genau so in Erinnerung“, meint die Pragerin, die mit „Takt“ zweimal tschechoslowakische Meisterin im Standardtanz wurde. Auch Vlastimil Ježek, Direktor des Gemeindehauses, ist vom Charme des Veranstaltungsortes überzeugt: „Das Gemeindehaus war von Beginn an das geistige Zentrum der Stadt Prag und daran wollen wir weiter arbeiten“, sagt er und fügt hinzu: „Unser Ziel ist, dass das gesellschaftliche und kulturelle Geschehen hierher zurückkehrt, wo es schon seit Jahren hingehört.“

Doch obwohl das große musikalische Angebot und die Vielzahl der Ausstellungen weiterhin die Besucher locken, „bröckelt“ die Fassade. Das Gemeindehaus, das seit 2002 eine Aktiengesellschaft der Stadt Prag ist, schreibt rote Zahlen. Dabei war es das Hauptziel der Stadtverwaltung, das Kulturdenkmal langfristig in Schwung zu erhalten. Doch das Gegenteil geschah: 2010 und 2011 verzeichnete die Aktiengesellschaft nach eigenen Angaben einen Verlust von ingesamt 36 Millionen Kronen. In diesem Jahr kommt das Repräsentationshaus auf einen geschätzten Verlustbetrag von rund sieben Millionen Kronen. Schuld daran ist nach Ansicht von Gemeindehaus-Chef Ježek das Missmanagement seines Vorgängers Radovan Šteiner (ODS), der das Gemeindehaus regelrecht ausgehöhlt habe. Wie Ježek der tschechischen Presseagentur ČTK mitteilte, wurden Aufträge zu teuer vergeben und zu viele langfristige Verträge geschlossen. Technische Geräte wie Mobiltelefone, Monitore oder Klimaanlagen wurden angeblich gekauft, doch die Anschaffungen seien wie vom Erdboden verschwunden. Gemäß Inventurbericht des Gemeindehauses fehlen Gegenstände im Wert von zehn Millionen Kronen.

Kampf um schwarze Zahlen
Um das Haus vor dem Bankrott zu bewahren, hat die Aktiengesellschaft rechtliche Schritte  eingeleitet. Jüngsten Berichten zufolge wurden acht Mitarbeiter entlassen. Zwei Verträge enden noch in diesem Jahr. Nach Ježeks Berechnungen sind dadurch im kommenden Jahr Einsparungen in Höhe von 15 Millionen Kronen zu erwarten: „2013 könnten wir endlich schwarze Zahlen schreiben.“ Diese positive Nachricht soll dem hundertjährigen Bauwerk zu neuem Glanz verhelfen, denn Ježek weiß, dass sich nur bei einem guten Ruf des Hauses Investoren, Sponsoren oder Kunden, die die prachtvollen Räume anmieten wollen, finden lassen.

Derweil geben sich hier weiterhin zahlreiche namhafte Künstler – von Anna Netrebko über Joseph Calleja bis hin zu Rolando Villazón – die Klinke in die Hand. Auch dieses Jahr finden nicht nur Klassikkonzerte, sondern auch Jazz- und Musical-Aufführungen statt. Am Nationalfeiertag, den 28. Oktober, berührt das Gemeindehaus mit einem Festkonzert zum Gedenktag der Staatsgründung im Jahr 1918 erneut die Herzen der slawischen Seele: Die Prager Symphoniker FOK unter Heiko Mathias Förster spielt – wie kann es anders sein – Smetanas Zyklus „Mein Vaterland“.

*Name von der Redaktion geändert



Das Gemeindehaus auf einen Blick
Das Jugendstilgebäude mit Barock-Elementen wurde 1912 nach einer siebenjährigen Bauzeit nach dem Entwurf der Architekten Antonín Balšánek und Osvald Polívka errichtet. Die monumentalen Skulpturen am Eingang stehen für das Vaterland und die Stadt Prag und sind somit allegorische Figuren, die das damalige zentrale politische Thema der „Nationalen Wiedergeburt“ symbolisieren. Das Interieur wurde künstlerisch gestaltet von Alfons Mucha, Mikoláš Aleš, Karel Špillar, Max Švabinský und František Ženíšek. Im April 1997 wurde das Bauwerk nach einer zweieinhalbjährigen Rekonstruktion im Wert von 1,8 Milliarden Kronen feierlich wiedereröffnet. Seit 2002 ist das Gemeindehaus eine Aktiengesellschaft der Stadt Prag. Bereits seit 1946 findet hier die Eröffnung des internationalen Musikfestivals „Prager Frühling“ statt. Zu weiteren Festen und Veranstaltungen zählen auch Tanzbälle, Modeschauen und Kongresse. Die Jubiläumsausstellung „1912“ öffnete am 24. Oktober ihre Pforten. In einer Künstlerwerkstatt, das sogenannte „Ateliér 1912“, können Kinder ihre eigenen Werke nach kubistischem oder symbolistischem Vorbild gestalten. 

 

Ausstellung „1912“,  bis 31. Januar 2013, Obecní dům (Gemeindehaus), náměstí Republiky 5, Prag 1, Eintritt: 150 CZ (ermäßigt 80 CZK), geöffnet: täglich 10 bis 19 Uhr, www.obecnidum.cz

Kostenfreie Besichtigung des Gemeindehauses am Sonntag, 28. Oktober, zwischen 9 und 15 Uhr

„Koncert pro Republiku“ („Ein Konzert für die Republik“) – „Má vlast“ („Mein Vaterland“) von Bedřich Smetana, Symphonieorchester der Hauptstadt Prag FOK unter der Leitung von  Heiko Mathias Förster, 28. Oktober 2012, 17 Uhr, Gemeindehaus – Smetana-Saal, Eintrittskarten unter www.fok.cz, www.ticketpro.cz oder vor Ort (Tel. 222 002 336, geöffnet ab 10 Uhr)



Anzeige

Wir bedanken uns bei unserem Partner für die Unterstützung:

© 2020 pragerzeitung.cz
Datenschutz, Cookies & Tracking, Netiquette, Kontakt und Impressum

Design: ideasfirst, s.r.o. | Code: www.rinovo.cz