Mittler zwischen den Sprachen

Mittler zwischen den Sprachen

Die 10. Mühlberger Tage ziehen Bilanz über das Werk eines (fast) vergessenen Schriftstellers

20. 3. 2013 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Foto: PLD

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„Endlich wieder ein junger Dichter, kein Literat, kein Könner, kein Blender, sondern einer, der seine eigene Melodie und seine eigene Temperatur hat.“ Jener Dichter, den Hermann Hesse 1934 mit diesen Worten in der „Neuen Zürcher Zeitung“ würdigte, ist heute überwiegend in Vergessenheit geraten: Josef Mühlberger. Dabei war der sudetendeutsche Schriftsteller einer der bedeutendsten Mittler zwischen tschechischer und deutscher Literatur.

Zu Lebzeiten mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht, starb der Autor 1985 weitgehend unbeachtet. Um die Auseinandersetzung mit seinem Werk am Leben zu erhalten, veranstaltet der Kunstverein Eislingen seit 1995 alle zwei Jahre die sogenannten „Mühlberger Tage“. Zum mittlerweile 10. Jahrgang kommen von 10. bis 21. April im schwäbischen Eislingen Literaturwissenschaftler und Schriftsteller aus Tschechien, Deutschland und Schweden zusammen. Ihr Ziel ist es, unter dem Motto „Versuch, das wirkliche Leben zu gewinnen“ eine vorläufige Bilanz zu ziehen: Welche Gestalt kann eine gelungene Erinnerungsarbeit an den Autor annehmen?

Am Rand der Literaturszene
1903 als Sohn einer tschechischen Mutter und eines deutschen Vaters im böhmischen Trautenau geboren, wuchs Mühlberger gewissermaßen zwischen zwei Sprachen auf. Die grenznahe Herkunft stellte für den Literaten Zeit seines Lebens auch eine Verpflichtung dar, sich für die Annäherung von Tschechen und Deutschen einzusetzen. In Prag studierte er Slawistik und Germanistik, lernte Max Brod kennen und knüpfte Kontakte zu den Schriftstellern des Prager Kreises. Später engagierte er sich als Mitherausgeber der Kunst- und Literaturzeitschrift „Witiko“ für die Publikation tschechischer Autoren und übersetzte deren Werke ins Deutsche. Der schriftstellerische Durchbruch in Deutschland gelang Mühlberger 1934 mit seiner Erzählung „Die Knaben und der Fluss“. Hesse kommentierte die Erstausgabe des Dramas: „Es ist die schönste und einfachste junge Dichtung, die ich seit langem gelesen habe.“

Wegen seiner homoerotischen Neigungen und der Bekanntschaft mit der jüdischen Literaturszene wurde der Druck von Mühlbergs Werken im nationalsozialistischen Deutschland eingestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste der Schriftsteller im Zuge der Beneš-Dekrete seine Heimat verlassen. In Baden-Württemberg fand er ein neues Zuhause, wo er sich in Eislingen als Redakteur und Schriftsteller weiterhin für die Völkerverständigung einsetzte. In den Literaturbetrieb der Bundesrepublik konnte sich Mühlberger allerdings nie so recht integrieren – durch seine Herkunft wurde er allzu schnell auf einen Vertreter der Vertriebenenliteratur reduziert.

Was das Werk des Humanisten heute bedeuten kann, darüber diskutieren und sinnen in diesem Jahr renommierte Literaturwissenschaftler nach. Neben Podiumsdiskussionen wird es auch Lesungen zeitgenössischer Poesie geben. Der Lyriker Petr Borkovec aus Prag und die Schwedin Ann Jägerlund präsentieren als Stellvertreter zweier Sprachen ihre Gedichte, aus denen Mühlberger übersetzte. Auf dem Programm steht zudem ein Ausflug zum Schriftgut-Archiv Ostwürttemberg, wo sich der Nachlass Mühlbergers befindet. Den Abschluss der Biennale bildet die Verleihung des Josef-Mühlberger-Preises. Für seine Arbeit über den Schriftsteller wird in diesem Jahr Tilmann Schroth ausgezeichnet; den Sonderpreis erhält Susanne Lange-Greve.

Weitere Informationen unter www.josef-muehlberger.de