Mit Semmel und Schnaps

Mit Semmel und Schnaps

Durch Hochprozentiges zu Wohlbefinden? Im nordmährischen Lipová-lázně setzt man auf eine unkonventionelle Heilmethode

6. 3. 2013 - Text: Yvette PolášekText: Yvette Polášek; Foto: Oberstaufen.de

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Vincenz Prießnitz, den Begründer der modernen Kaltwasserkur, kennen viele. Nur wenige sind hingegen mit dem Namen Johann Schroth bekannt. Und das, obwohl die Behandlungsmethode des Naturheilers den kleinen nordmährischen Ort Lipová-lázně (Bad Lindewiese) zu einem bedeutenden Kurort machte. Dank seiner Kaltwasserkur galt das Städtchen in der k.u.k. Monarchie – neben dem benachbarten Lázně Jeseník (Bad Gräfenberg), wo der bekanntere Prießnitz wirkte – als einer der beliebtesten Kurorte im Land.

Umstrittene Methode
Johann Schroth (1798–1856) führte seine originelle Reinigungskur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. Die damit einhergehenden Gewichtsverluste sorgten zunächst für die falsche, jedoch weit verbreitete Hypothese, dass es sich bei der Methode um eine Reduktionsdiät handelte. Vereinfacht dargestellt basierte die Kur auf drei Prinzipien: der Wirkung von feuchter Wärme, Ganzkörperwickeln und einer strikten Diät. Die Zufuhr von Flüssigkeit wurde radikal vermindert, alkoholfreie Getränke beinahe gänzlich gestrichen und stattdessen durch Wein und Branntwein ersetzt. Für die Damen gab es einen Liter Wein, für die Herren eineinhalb Liter edlen Rebensaft. Dazu mussten die Kurgäste, eingepackt von Kopf bis Fuß, schwitzen. Die Behandlungsmethode war drastisch und ungewöhnlich, doch schien sie wirksam – zumindest behaupteten das ihre Verfechter und die Kurbetreiber.

Obwohl die Schrothsche Methode den gesamten Organismus stark belastet und nur von gesunden Personen angewendet werden darf, stand sie noch bis vor wenigen Jahren auf dem regulären Programm des Kurorts. „Die Schroth-Kur wurde jährlich von etwa fünf bis sechs Interessenten durchgeführt, die vorwiegend aus Deutschland kamen. Wegen des markanten Gewichtsverlustes scheint sie einigen recht reizvoll zu sein“, erzählt der Direktor der Kuranstalt Radim Hatlapatka. Der in den letzten Jahren verantwortliche Arzt distanzierte sich jedoch von der radikalen Kur und so wurde sie vom Standard-Angebot der Anstalt gestrichen. Ob sie nun wieder eingeführt wird, beraten derzeit noch die zuständigen Ärzte.

Bisher fand die Behandlungsart vorwiegend als Präventiv- und Reinigungskur bei der Verkalkung von Adern oder zur Stimulierung der Nebennieren Anwendung. Mit ihrer Hilfe sollten die körpereigenen Schutzmechanismen angekurbelt und eine Gesamtregeneration des Organismus in Gang gesetzt werden. Verbunden stets mit der Absicht, das Körpergewicht zu reduzieren. Heute gibt es die Schroth-Kur nur auf Anfrage. Wer sich der „Tortur“ unterziehen will, sollte wenigstens 14 Tage Aufenthalt dafür einplanen, als optimal werden drei Wochen oder mehr empfohlen. Vor Kurbeginn muss sich jeder Patient zahlreichen ärztlichen Untersuchungen unterziehen, damit das Fachpersonal ein individuell auf den Gast zugeschnittenes Programm erstellen kann.

Mehr als Kuren
Jenseits der Schrothschen Therapie dominieren in Bad Lindewiese allgemein anerkannte Behandlungsmethoden. Vor allem Patienten, die unter Fettleibigkeit oder Stoffwechsel- und Hauterkrankungen leiden, begeben sich seit vielen Jahren in die Pflege des traditionellen Kurorts. Das breite Angebot reicht von Bäder-Anwendungen über verschiedene Massagen bis zum Heilturnen und Magnettherapien.

Die herrliche Umgebung trägt das Ihre zur Genesung bei: Spaziergänge durch den langgestreckten Ort bis zur Quelle von Kaiser Josef II. im Stadtteil Oberlindewiese (Horní Lipové); Wanderungen zur nahe gelegenen Höhle „Am Gemärk“ („Na Pomezi“), die durch ihre Karstformen bekannt ist, Fahrradausflüge im Sommer und ein gut ausgebautes Netz an Langlauf-Loipen sorgen im Winter für sportlichen Ausgleich. Seit 2010 lockt der rund acht Kilometer lange „Johann-Schroth-Naturlehrpfad“, auf den Spuren des Mediziners zu wandeln. Wem die zweieinhalb Stunden zu Fuß nicht reichen, der erfährt im Johann-Schroth-Museum mehr über den sogenannten Semmeldoktor. Einen Namen, den er dem zugehörigen Speiseplan seiner Kur verdankt: Auf diesem standen überwiegend trockene Brötchen.

Heilbad Dolní Lipová (Lázně Dolní Lipová), Lipová-lázně 248, Lipová-lázně, Tel.: 584 421 351, www.lazne.cz

Johann-Schroth-Museum (Muzeum Johanna Schrotha), Lipová-lázně 476, Lipová-lázně, Tel. 584 421 209, geöffnet: dienstags und freitags 13–17 Uhr, ww.ic-lipova.cz

Johann-Schroth-Naturlehrpfad (Naučná stezka Johanna Schrotha), Lipová-lázně 476, Lipová-lázně, Tel. 584 421 271, www.lipova-lazne.cz