Lebensgeschichten

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Beim dritten Wettbewerb im kreativen Schreiben berichten Schüler aus vergangenen Zeiten

8. 5. 2013 - Text: Julia HawlanText und Bild: Julia Hawlan

„Wiederbelebung der Vergangenheit.“ So lautete das Thema des Wettbewerbs im kreativen Schreiben, den das Thomas-Mann-Gymnasium und das Goethe-Institut in Prag in diesem Jahr ausgeschrieben hatten. Beim dritten Jahrgang des landesweiten Literaturwettbewerbs konnten alle tschechischen Schulen teilnehmen, die das Deutsche Sprachdiplom anbieten. Die Aufgabe für die Schüler: „Versetze dich in die Vergangenheit und schildere einen Tag aus dem Leben einer Person oder Persönlichkeit“. Unterteilt in zwei Kategorien erreichten die Jury 22 Texte und Bildbeiträge, mit denen die Geschichten gestalterisch untermalt werden sollten. Die erste Kategorie umfasst die Klassenstufen 7 bis 9. Die Schüler erhielten die Aufgabe, einen wichtigen Tag aus dem Leben eines ihrer Vorfahren zu schildern. Einen bedeutenden Tag aus dem Leben einer historischen Persönlichkeit hingegen sollten die Schüler der Klassenstufen 10 bis 12 beschreiben, der zweiten Kategorie.

Die PZ stellt im Folgenden den Gewinner in Kategorie I vor.

Wiederbelebung der Vergangenheit
„Kikeriki“, schreit der Hahn. Ich wache auf. Schade, ich bin immer noch in Budapest in Ungarn auf dem Bauernhof der Familie Orszak. Ich bin immer noch das Waisenkind, dass sechs Jahre im Kinderheim lebte und jetzt als Dienstmädchen auf dem Bauernhof für die reiche Familie Orszak arbeitet.

Ich würde am liebsten nicht mehr aufwachen, denn die harte Arbeit und der Hunger ist schrecklich, aber ich darf mich nicht beschweren. Ich stehe langsam auf und lege meine alte schmutzige Decke zusammen. Mein Rücken tut weh, aber das macht mir jetzt nichts mehr aus. Ich schlafe ja jede Nacht auf dem harten Heuboden.

Ich blicke aus dem kleinem viereckigen Fenster der Scheune. Der Himmel hat eine rötliche Farbe, denn die Sonne ist erst vor kurzem aufgegangen. Ich atme die frisch duftende Frühlingsluft ein. Ich denke nach. Ich werde bald dreizehn Jahre alt, das heißt, dass ich meine Mutter zuletzt vor neun Jahren gesehen habe. Damals hatte sie mich in das Kinderheim gebracht und sie hatte zu mir gesagt: „Habe keine Angst, meine kleine Rosalie, ich werde bald wieder gesund und hole dich nach Hause, das verspreche ich dir.“ Sie kam aber nicht mehr. Ich habe mir bis jetzt eingeredet, dass sie eines Tages kommt, und dass wir zusammen glücklich leben werden, aber das wird leider nicht mehr geschehen. Ich wische mir eine Träne von der Wange ab.

Ich klettere die Strickleiter von dem Heuboden nach unten. Meine nackten Füße berühren den eiskalten Boden. Ich laufe zur Wand, die mir gegenüber steht und blicke in den zerbrochenen Spiegel, den ich an die Wand geklebt habe. Vor mir steht ein großes, ungesundes, dünnes Mädchen, dessen Kleider zu klein und sehr alt sind. Ich kämme meine langen blonden lockigen Haare und binde sie zu zwei Zöpfen.

Ich gehe auf den Hof. Die zarten Sonnenstrahlen streicheln mein Gesicht. Ich nehme mir Wasser aus dem Brunnen, wasche mein Gesicht und trinke ein bisschen. Danach fülle ich vier Eimer mit Wasser, denn meine erste Aufgabe ist, die Tiere vom Bauernhof zu füttern.

Hühner bekommen einen halben Eimer Wasser, Schweine bekommen einen Eimer Wasser, die Kuh bekommt auch einen Eimer Wasser und den Rest teilen sich Ziegen und Schafe. Danach fülle ich noch die Futtertröge der Tiere mit Essensresten und Körnern.

Ich laufe zum Haus der Familie. Wie erwartet steht am Tisch ein Becher mit frischer Milch und neben ihm liegen zwei Scheiben Brot. Das muss mich bis zum Abendessen satt halten, denn es gibt kein Mittagessen.

Ich gehe zu dem nahen Feld. Es arbeiten dort schon viele Menschen. „Guten Tag!“, grüße ich und fange an zu arbeiten. Wir Kinder arbeiten mit dem Spaten. Es ist eine mühsame Arbeit.

Ich bin kurz vor der Mittagszeit für diesen Tag mit den Feldarbeiten fertig und gehe langsam und erschöpft zum Bauernhof zurück. Meine Füße sind zerkratzt und meine Hände sind voll von Blasen.

Heute muss ich noch die Kuh melken. Ich muss mit ihr sehr vorsichtig umgehen, denn sie ist der Stolz der Familie. Ich binde die Kuh an den Zaun, knie mich in das weiche grüne Gras und beginne die Kuh zu melken. Da höre ich das Klingeln eines Fahrrades…

Es ist der Postbote. Ein 15-jähriger Junge, der sich so sein Geld dazuverdient. Er liefert jeden Samstag um diese Zeit Post aus. Ich übernehme die Briefe.

Dann laufe ich zu der Kuh, melke sie endlich und schließe sie in ihr Gehege. Erst jetzt merke ich, dass einige meiner Blasen auf den Händen geplatzt sind und meine Hände bluten. Ich wasche mir sie.

Die Sonne wird bald untergehen. Ich gehe in die Scheune und sehe mir die Briefe an. Zwei sind an den Herrn Orszak adressiert, einer an seine Frau, einer an die älteste Tochter der Familie und einer ist … für mich! Ich kann es nicht glauben! Ich habe noch nie in meinem Leben einen Brief bekommen, denn mein Vater ist gestorben, meine Mutter wahrscheinlich auch, ich habe keine anderen Verwandten und keine Freunde.

Neugierig mache ich den gelblichen Umschlag auf. Ich ziehe das Briefpapier raus, das mit einer schönen Schrift bedeckt ist. Ich lese jedes einzelne Wort mehrmals und stoße nur ein „Aaach“ aus. Im Brief ist geschrieben, dass mein altes Kinderheim einen Verwandten von mir gefunden hatte und ihn kontaktierte. Es war der Bruder meines verstorbenen Vaters, mein Onkel. Im Brief ist geschrieben, dass er eine Frau und einen 20-jährigen Sohn hat, dass er in der Tschechoslowakei lebt, und dass er mich gerne bei sich aufnehmen würde.

Ich kann vor Glück nicht atmen. Ich dachte, ich wäre alleine, aber das bin ich nicht und bald werde ich in die Tschechoslowakei reisen und glücklich mit einem Onkel und meiner Tante leben.

Ich laufe zum Haus der Familie Orszak, esse schnell meine gebratene Kartoffel und trinke meine gute Milch, mein Abendessen. Ich lasse die Briefe für die Familie wie immer auf dem Tisch liegen und daneben lege ich meinen Brief, damit der Herr Orszak Bescheid weiß.

Ich gehe in die Scheune zurück, klettere die Stickleiter rauf, lege mich auf den Heuboden, decke mich zu und schlafe erschöpft, aber glücklich ein.

Ich träume davon, wie ich allein mit meinem kleinen Gepäck mit einem modernen Zug in ein wunderschönes Land fahre, wo mich mein lieber Onkel und meine nette Tante erwarten. Sie lächeln und winken mir zu, wenn ich aus dem Wagon steige. Sie umarmen und küssen mich und mein verletztes Herz wird wieder gesund…

Julia Hawlan, Thomas-Mann-Gymnasium Prag, Preisträgerin in Kategorie I