Langfinger und ihre vielen Maschen und Methoden

Langfinger und ihre vielen Maschen und Methoden

Begegnungen mit Trick- und normalen Dieben in Prag: Ein Erfahrungsbericht

3. 9. 2014 - Text: Klaus HanischText: Klaus Hanisch; Foto: Polizeipräsidium Karlsruhe

 

Die jüngste Attacke erfolgte kurz vor drei Uhr morgens: Als ich mit einem Bierglas in der Hand vor eine Kneipe unweit vom Wenzelsplatz stehe und Auslagen in einem Modegeschäft nebenan betrachte, ruft mir plötzlich jemand etwas zu. Ich sehe, wie eine junge hübsche Frau in weiten Klamotten über die Straße stürzt und direkt auf mich zusteuert.

Sofort redet sie wild und pausenlos auf mich ein. „Where are you from?“, fragt die Fremde. Dabei schaut sie mir tief in die Augen. Eigentlich die klassische Anrede einer Prostituierten. Doch sie wartet keine Antwort ab, sondern spricht immer weiter. Nun aber in einer mir unbekannten slawischen Sprache. Und ohne ihren Blick auch nur eine Sekunde von mir zu lassen.

Dennoch bemerke ich, dass sich meine Jacke über dem rechten Arm stärker bewegt als durch normale Körperbewegungen möglich. Tatsächlich: Die junge Frau tastet professionell meine Taschen ab, während sie mich mit ihrem Redeschwall abzulenken versucht. Und durch ihre Blicke meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. So wende ich mich rasch von ihr ab.

Vielleicht hätte sich ein kurzes Gespräch entwickelt, wenn sie nicht diese fremde Sprache benutzt hätte. Es hätte meine volle Konzentration erfordert. Gerade zu dieser Uhrzeit. Und damit wäre möglicherweise der Weg zu meinen Jackentaschen frei gewesen. Wenn auch mit geringem Erfolg. Statt Geldscheinen hätte die Diebin darin lediglich Notizzettel gefunden. Für sie kein wirklicher Gewinn, für mich ein herber Verlust.

Seit vier Jahrzehnten reise ich nach Prag. Seit mehreren Jahren lebe ich auch hier. Trotzdem bin ich in der tschechischen Hauptstadt nicht ein einziges Mal bestohlen worden. Dafür aber auf dem Frankfurter Flughafen.
„Ich wurde zwei Mal in Prag beklaut“, hält ein tschechischer Diplomat dagegen, mit dem ich mich kürzlich über diese Sache unterhalten habe. Diebstähle in Prag – ein unsterbliches Thema. Das Leeren fremder Taschen war und bleibt eines der häufigsten Verbrechen in der Stadt. Aktuell weisen das Auswärtige Amt in Berlin und die Deutsche Botschaft in Prag zwar darauf hin, dass Tschechien „grundsätzlich kein unsicheres Reiseziel ist“. Dennoch sollten Reisende „die üblichen Vorkehrungen treffen, die sie für Besuche anderer Länder oder deutscher Großstädte treffen.“ Besucher müssen sich keinerlei Gedanken darüber machen, in der „Goldenen Stadt“ überfallen und bedroht zu werden. Denn die meisten Plätze der Stadt sind sicher. Dafür müssen sie jedoch vor Dieben auf der Hut sein, die nach Schmuck, Geld, Fotos oder Dokumenten trachten. Und nach ihren Fahrzeugen.

Einer links, einer rechts
Wobei Gauner nicht nur „nachtaktiv“ sind. Im Gegenteil. Sie suchen sich sogar lieber am Tag, wenn viele Menschen unterwegs sind, ihre Opfer. Dichtes Gedränge auf Märkten, bei Festen oder Massenveranstaltungen ist ein ideales Terrain für Taschendiebe. „Dort nutzen sie die Unaufmerksamkeit und Begeisterung von Besuchern aus, um zuzugreifen“, warnt die Polizei seit Jahren. Dies gilt auch für Gaststätten, wie ich vor wenigen Tagen in einem Café am Karlsplatz erlebte. Dorthin kamen an einem späten Nachmittag zwei junge Basecap-Träger und setzten sich an einen kleinen Tisch. Neben mich. Der Platz war sinnvoll gewählt, denn er lag nur ein paar Schritte von der Tür entfernt. Und die stand sperrangelweit offen.

Die jungen Männer – beide kaum 20 Jahre alt – blätterten scheinbar suchend in der Menükarte. Trotzdem bestellten sie auch auf mehrfaches Nachfragen der Bedienung nicht einmal ein Getränk. Dafür behielten sie alle Tische rundum verstohlen im Blick. Besonders meinen Rucksack und meinen Laptop, auf dem ich gerade schrieb. Ebenso das Handy, das dort lag. Dazu besprachen sie leise mögliche Fluchtwege: gleich nach rechts in Richtung Moldau oder doch lieber nach links in den Park am Karlsplatz?

Schließlich kamen sie überein, sich vor der Tür sofort zu trennen: einer nach rechts, der andere nach links. Dies würde Verfolger verwirren, sobald sie Beute gemacht hatten. Und dies sollte passieren, wenn ein Gast auf die Toilette gegangen ist. Am besten ich, weil keiner näher saß – zudem zwischen ihnen und der Tür – und mehr offen neben sich liegen hatte. Da jedoch keiner ging, verließen sie selbst nach einer Viertelstunde das Lokal. Mit nicht einmal sonderlich enttäuschten Gesichtern. Anscheinend kalkulieren Diebe Misserfolge ein, um gleich darauf woanders nach Beute zu suchen.

Zu Beginn des Jahres hatte die Polizei gemeldet, dass die Kriminalität in ganz Tschechien erstmals nach vier Jahren wieder angestiegen war. Vor allem gab es mehr Eigentumsdelikte. Sie machen rund 60 Prozent der Straftaten aus und nahmen gleich um 20 Prozent zu. Als Grund dafür wurde neben der Amnestie von bald darauf erneut straffällig gewordenen Häftlingen die hohe Arbeitslosigkeit genannt.

Die Deutsche Botschaft rät dazu, besonders an Sehenswürdigkeiten wie der Karlsbrücke, der Burg oder dem Altstädter Ring auf mögliche Taschendiebe zu achten. Ebenso auf den Bahnhöfen und in öffentlichen Verkehrsmitteln Prags. Gerade wenn sie gut gefüllt sind. Auch in Restaurants und Kneipen sollten Gäste auf ihre Jacken, Mäntel und (Hand-)Taschen aufpassen. Wichtig sei, nie zu viel Bargeld mitzuführen.

Rücken an Rücken
Wie sinnvoll besonders dieser Tipp ist, erlebte ich im letzten Jahr in einer Pizzeria im fünften Stadtbezirk. Dort hatte ich mich mit Freunden zu einer gemütlichen Runde zusammengefunden, als gegen 23 Uhr zwei Männer am Nebentisch Platz nahmen. Sie waren zunächst in den großen Gastraum geeilt, bald darauf aber in unser Nebenzimmer gekommen. Hier tranken sie lediglich zwei kleine Flaschen Wasser und zahlten sofort.

Erstaunlicherweise setzte sich einer von ihnen Rücken an Rücken zu meinem Freund – was erst später einen (verhängnisvollen) Sinn ergab. Hektisch sprachen beide in russischer Sprache aufeinander ein. Schon zehn Minuten darauf verließen sie wieder das Lokal. Als wir kurz vor Mitternacht zahlten, fehlten meinem Freund 2.000 Kronen in seinem Geldbeutel.

Stück für Stück offenbarte sich die Methode der Diebe: Sie hatten in beiden Gasträumen anfangs nach geeigneten Opfern Ausschau gehalten und dabei die Tasche erspäht, die mein Freund über seinem Stuhl hängen ließ. Deshalb setzten sie sich in unseren Raum. Hinter seinem Rücken nutzte einer der Männer unsere lebhaften Gespräche aus, um mit geschulten Händen in dessen Tasche zu wühlen und zu fischen. Sein Glück, dass ihm dabei gleich 2.000 Kronen in die Hände fielen, damals rund 80 Euro.

Die Beamten auf dem Polizeirevier in Prag 5, die wir nach Mitternacht aufsuchten, machten uns wenig Hoffnung. Es sei fast ausgeschlossen, dass die Täter gefasst würden, sagten sie. Zumal weder wir noch der Ober sie genauer beschreiben konnten. Da sie selbst so heftig miteinander sprachen, hatte keiner von uns die Männer genauer beachtet. Vor allem bekam niemand ihre exakte und „konzentrierte Arbeit“ zwischen den Stühlen mit. Bis heute hat mein Freund keine Krone mehr von dem gestohlenen Geld gesehen.

Auch wenn Taschendiebe nicht an jeder Ecke lauern, möge man sie in Prag „nicht unterschätzen“, wie verschiedene Reiseführer mit auf den Weg geben. Und keinesfalls sei man ihnen gewachsen und könne sie „austricksen“. Denn viele seien „hoch qualifizierte Profis“. Dies hatten zwei von ihnen in der Pizzeria mit großer Fingerfertigkeit bewiesen.

Falsche Polizisten
Solche Fälle von Kleinkriminalität seien für jeden Einzelnen ärgerlich, führt die Botschaft aus. Keinesfalls seien sie jedoch mit der Situation in den Neunzigerjahren zu vergleichen, als sich solche Vorkommnisse in Prag häuften. Gleichwohl wurden Mitarbeiter der Botschaft auf einen ungewöhnlichen Trick aufmerksam: Als Polizisten verkleidete Betrüger hatten Touristen aufgefordert, ihr mitgeführtes Geld kontrollieren zu müssen. Dies unter dem Vorwand, dass sie Falschgeld beziehungsweise einem Erwerb von Drogen auf der Spur seien. Bei diesen „Kontrollen“ stahlen sie einen Teil des Geldes, was den Touristen jedoch nicht sofort auffiel.

Deshalb weist die Botschaft darauf hin, dass echte Polizisten auf der Straße nur die Identität von Personen überprüfen dürfen. Außerdem können sie Fremde zur Eigensicherung abtasten. Alle weiteren Kontrollen müssen jedoch im Polizeipräsidium erfolgen. An Ort und Stelle dürfen zudem maximal 5.000 Kronen als Strafe kassiert werden, höhere Beträge nur auf einer Polizeidienststelle. Und tschechische Polizisten tragen in der Regel eine Dienstnummer sichtbar an der Uniform, meist an der Hemdtasche.

In den warnenden Chor stimmt auch die Polizei mit ein, wenn sie dazu rät, Kronen immer nur in Geldinstituten und keinesfalls auf der Straße zu tauschen. Viele Täter würden dort das vorgezeigte Geld entreißen beziehungsweise Falschgeld oder fingierte Geldbündel mit Zeitungspapier übergeben – ein Tipp, der seit Jahrzehnten Sinn ergibt.

Złotys statt Kronen
Vor einigen Jahren sprach mich ein schlecht gekleideter Mann mittleren Alters an und offerierte mir einen überwältigend günstigen Umtausch. Ausgerechnet vor einer Wechselstube, die auch von Pragern oft frequentiert wird, weil sie vorteilhafte Wechselkurse anbietet. Er verfügte über sehr gute Deutsch-Kenntnisse. Mich überraschte jedoch, dass er eine Mütze mit der Aufschrift „Polska“ trug. Zum Schein ging ich auf sein Angebot ein, jedoch mit der Vorgabe, 800 Euro tauschen zu wollen.

Dies brachte ihn völlig aus dem Konzept, da er anscheinend nur auf Beträge bis 200 Euro vorbereitet war. Gleichwohl wollte er sich das Geschäft keinesfalls entgehen lassen. So drehte er sich hastig um und sortierte sein Bündel neu. Von der Seite sah ich, wie er einige Hundert-Kronen-Scheine oben platzierte – und jede Menge Złotys darunter. Dann verschnürte er das Paket mit einer dicken Kordel. Als ich ihm bedeutete, doch lieber in der Wechselstube tauschen zu wollen, versuchte er, mich mit der Hand zurückzuhalten. Ein gut trainierter Sicherheitsmann der Stube verwies ihn umgehend des Platzes.

Die Mitleidsmasche
Was vor allem aus südeuropäischen Urlaubszielen bekannt ist, taucht nun offensichtlich auch in Prag auf: die „Mitleidsmasche“. Als ich vor wenigen Tagen auf dem Heimweg morgens um halb sechs noch ein kleines Bier in einer Prager Nonstop-Kneipe trank, setzte sich plötzlich ein Fremder zu mir und klagte, dass ihm in dieser Nacht sein gesamtes Geld gestohlen worden sei. Ob ich ihm mit ein paar Kronen aus der Patsche helfen könne? Es hätten auch ein Unfall oder geklaute Ausweispapiere sein können, die ihn in diese Notlage brachten, wie man aus Spanien oder Italien weiß. Mit Hilfe des Bargeldes wollen Trickbetrüger angeblich nach Hause fahren, wobei sie versprechen, die Summe in der Heimat sofort wieder zurückzuzahlen – was nie passiert. Deshalb rät die Polizei überall auf der Welt dazu, den Bittsteller an die jeweilige Botschaft oder ein Konsulat zu verweisen. Was ich in der Prager Kneipe umgehend tat. Dass ich ihm tatsächlich Geld gebe, hatte der Mann anscheinend jedoch nicht erwartet. Denn er insistierte nicht weiter, sondern verließ sofort das Lokal.

Die tschechische Polizei kündigte an, in diesem Jahr besonders Eigentumsdelikte bekämpfen zu wollen. Aus journalistischer Neugier hätte ich der jungen Frau, die mich nachts um drei Uhr beklauen wollte, auch gerne einige Fragen zu ihrem Gewerbe gestellt. Doch so schnell wie sie gekommen war, so rasch verschwand sie wieder im Dunkel der Nacht.

Tipps gegen Tricks
„Trickdiebe und Langfinger machen niemals Urlaub“, warnt die Polizei, „stattdessen sind sie gerade in dieser Zeit selbst besonders aktiv“. Doch sie hat gute Tipps parat, damit auf die Urlaubsfreude von Reisenden kein Schatten durch einen Diebstahl fällt. Besonders rät sie dazu:

–    schon vor der Reise Kopien von den wichtigsten Reisedokumenten (Pass, Flugtickets, Kreditkarten, Impfausweis) anfertigen und an separater Stelle im Reisegepäck aufbewahren.

–    Zahlungsmittel, Ausweise und Dokumente immer direkt am Körper tragen. Am besten in verschlossenen Innentaschen der Kleidung, in Brustbeuteln oder in nicht sichtbaren Geldgürteln.

–    Wertgegenstände oder Ausweispapiere nie unbeaufsichtigt liegen lassen. Auch nicht im Fahrzeug. Und selbst nicht bei einem kurzen Stopp an der Tankstelle oder Raststätte.

–    Fahrzeuge in Prag auf bewachten Parkplätzen oder in Parkhäusern abstellen und nicht auf der Straße, da es hier immer noch zahlreiche Autodiebstähle gibt.

–    am besten das Handschuhfach während des Urlaubs auf dem Parkplatz leeren und öffnen, damit Diebe sofort erkennen, dass nichts zu holen ist.

–    Vorsicht, wenn Unbekannte auf Parkplätzen auf vermeintliche Schäden am Fahrzeug aufmerksam machen oder darum bitten, auf Landkarten den Weg gezeigt zu bekommen. Oft werden Reisende mit diesem Trick aus dem Wagen gelockt, damit „Kollegen“ Wertsachen daraus stehlen können.

–    Bargeld nur minimal und für den Tagesbedarf mitnehmen – und anderen möglichst nicht offen zeigen. Zumal vieles mittlerweile mit Kreditkarte beglichen werden kann. Außerdem gibt es bei Bedarf reichlich Geldautomaten in Prag.

–    keine Geldautomaten nutzen, an denen etwas ungewöhnlich erscheint, zum Beispiel angebrachte Verblendungen, abstehende und vor allem lockere Teile, oder Spuren von Kleber rund um den Kartenschlitz.

–    Zahlungskarten unverzüglich sperren lassen, wenn sie verloren wurden (in Deutschland gilt der bundesweite Sperr-Notruf (0049) 116 116), gleiches gilt für SIM-Karten, wenn das Mobiltelefon abhanden kommt.

–    Vorsicht mit Rucksäcken, die zwar ein ideales Gepäckstück sind, deren Fächer und Außentaschen aber für Diebe leicht zugänglich sind. (khan)