Keine Hilfe für die Schwachen

Keine Hilfe für die Schwachen

Was der jüngste Pisa-Test über tschechisches Schulwesen aussagt: besseres Ergebnis, mehr Bildungsungleicheit

11. 12. 2013 - Text: Maria SilenyText: Maria Sileny; Foto: Ralf Roletschek

Die gute Nachricht zuerst: Tschechische Schüler haben sich in den letzten drei Jahren gebessert. Das zeigen Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die in der vergangenen Woche veröffentlicht wurden. Gegenüber 2009 holten die tschechischen 15-Jährigen im internationalen Vergleich in Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaft auf. Das sorgt für Entspannung, denn der bisherige Einbruch der Leistungen tschechischer Schüler, wie sie PISA (Programm for International Student Assessment) beim internationalen Vergleich seit 2000 feststellt, gab Pädagogen Anlass zur Sorge.

Nun konnte Bildungsminister Dalibor Štys von einem „stabilisierten Schulwesen“ sprechen. An den Tests nahmen vergangenes Jahr 300 tschechische Schulen und 6.500 Schüler teil. Ihre mathematischen Fähigkeiten wurden im Vergleich mit 64 anderen Ländern als durchschnittlich eingestuft. Damit überholten die Tschechen ihre Altersgenossen in den USA, Russland und der Slowakei.
Eine gute Nachricht sei dies zweifelsohne, meint Tomáš Feřtek von der Organisation EDUin, die sich mit Bildungs­politik befasst. Doch jubeln möchte er darüber nicht. Denn ein anderes Ergebnis der internationalen Studie weist auf ein bekanntes Problem des tschechischen Schulwesens hin, ja auf dessen Verstärkung: Es sind die großen Qualitätsunterschiede zwischen den Schulen. Tschechien gehört laut Pisa zu den Ländern, in denen der familiäre Hintergrund einen sehr starken Einfluss auf das Bildungsniveau hat.

Aufzug Bildung
Nach der fünften Klasse wechselt ein großer Teil der Kinder auf das mehrjährige Gymnasium. In der Grundschule, die mit der neunten Klasse abschließt, bleiben die schwächeren Schüler. All das hänge vom Bildungsgrad und vom Geldbeutel der Eltern ab, sagt Feřtek. Und so spiegele das tschechische Schulwesen lediglich die sozialen Unterschiede der Gesellschaft wider, ohne selbst Einfluss auf die Situation zu nehmen. Man solle bedenken, sagt Feřtek: „Bildung ist wie ein Aufzug durch die gesellschaftlichen Schichten.“ Bessere Arbeit, besserer Verdienst, bessere gesellschaftliche Stellung seien damit verbunden.

Der Einfluss der Familie auf das Bildungsniveau verstärke sich aktuell sogar: „Jetzt wächst eine Elterngeneration heran, der Bildung besonders wichtig ist und die sehr gezielt die Schule für ihren Nachwuchs aussucht.“ Und so besuchen in Tschechien unterschiedlich talentierte Kinder unterschiedliche Schulen. Das führe zu einem Rückgang in der Gesamtleistung, wie sie die PISA-Studie ermittelt, so Feřtek. Denn die schwachen Schulen ziehen die Ergebnisse nach unten. Zudem komme es zu einer Isolierung der leistungsschwachen Schüler.

Nicht nur den Kopf schulen
Als Lösung schlägt Feřtek vor, die neunjährigen Grundschulen so zu gestalten, dass sie ein breiteres Spektrum der Kinder fassen können, von Kandidaten der Eliteschulen bis hin zu denen der Sonderschulen. Wenn Kinder aus unterschiedlichen sozialen Schichten und mit unterschiedlicher Intelligenz miteinander lernen, sei es eine Bereicherung, ist sich der dreifache Vater sicher. Die Schüler erkennen dann, dass nicht nur Intelligenz zählt. „Bei uns in Tschechien geht nur der Kopf zur Schule“, so Feřtek, „eine Persönlichkeit besteht auch aus Gefühl und Willen. Die Schule sollte mit allen drei Faktoren arbeiten“, sagt er.

Als Musterbeispiel führt der Publizist Feřtek das Schulwesen in Finnland an: Dort gebe es kaum Unterschiede zwischen einzelnen Schulen. Finnische Eltern aus allen sozialen Schichten schicken ihre Kinder in die nächstgelegene Schule, denn sie wissen, dass sie genauso gut ist wie alle anderen auch. Und Finnland schneidet in der Pisa-Studie langfristig hervorragend ab.

Pisa konfrontiert tschechische Pädagogen mit einem weiteren beunruhigenden Umstand: Ihre Schüler mögen die Schule nicht. Sie scheinen sich dort dermaßen unwohl zu fühlen, dass Tschechien in dieser Hinsicht auf dem letzten Platz aller getesteten Länder landete. Laut Experten habe das einen verheerenden Einfluss auf die Motivation der Schüler. Wenn Kinder fürchten müssen, dass sie für einen Fehler bestraft werden, wenn sie sich nicht trauen nachzufragen, wenn sie wissen, dass Lehrer ihnen nicht helfen, dann haben sie keine Lust aufs Lernen.

Die von Tomáš Feřtek mitgegründete Organisation EDUin hat an einem runden Tisch mit dem Schulministerium Änderungsimpulse besprochen. Polen dient dort als Musterbeispiel. In den Pisa-Ergebnissen hat man sich im Nachbarland seit 2006 stark verbessert. In Polen hat man den Lehrern in den vergangenen Jahren eine größere Freiheit in der Lehre gewährt. Zudem unterstützt das dortige Bildungsministerium gezielt die pädagogische Fortbildung der Lehrer. In Tschechien hingegen erhalten Schulen bislang keine systematische Unterstützung des Staates. Das müsse sich ändern, fordert Feřtek.