„In Prag bin ich nur die Tochter meines Vaters“

„In Prag bin ich nur die Tochter meines Vaters“

Marta Jandová über ihre Heimatstadt und zur Frage, ob „Die Happy“ so lange rocken werden wie „Olympic“

6. 2. 2013 - Interview: Stephanie Gerber

Frontfrau der deutschen Rockband „Die Happy“, gebürtige Pragerin, Moderatorin, Musical-Darstellerin, Schauspielerin, Powerfrau: Es gibt viele Begriffe, die auf Marta Jandová zutreffen. Über all diese Attribute sprach sie mit PZ-Mitarbeiterin Stephanie Gerber vor einem Konzert in Krefeld.

Anfang vergangenen Jahres haben Sie mit Ihrer Band das 1000. Konzert in Ulm gespielt, im November folgte eine Tschechien-Tour und danach eine Tour durch Deutschland. Gibt es Unterschiede zwischen ihren Fans in Deutschland und Tschechien?
Jandová: Da gibt es große Unterschiede, weil wir in Deutschland schon fast 20 Jahre und in Tschechien erst seit acht Jahren spielen. Erst als ich 2009 nach Prag zurückgezogen bin, stieg das Interesse an „Die Happy“ auch dort. In Prag erkennt mich zwar fast jeder auf der Straße, aber die Tschechen nehmen mich als Tochter meines Vaters wahr, die jetzt im Fernsehen ist und in Musicals singt. Meine Band kommt eigentlich erst zuletzt – was schade ist. Denn für mich steht sie an erster Stelle. Als Musikfans sind die Leute nicht unbedingt anders. Aber mit Ausnahme der Fans in der ersten Reihe kommen die meisten eher, um mal zu schauen, wie die Band von der Jandová so ist. In Deutschland kommen drei bis vier Mal mehr Leute und die haben uns mindestens schon einmal vorher gesehen.

1993 haben Sie Gitarrist Thorsten Mewes in Prag kennengelernt, im selben Jahr kamen Sie nach Ulm und gründeten gemeinsam die Band. Was waren Ihre ersten Eindrücke von Deutschland?
Jandová: Ich hatte schon ein bisschen Angst. Wenn man in Prag aufwächst und Kontakt zu manchen Deutschen hat, dann hat man nicht immer das beste Bild von dem Land. Aber ich bin von Deutschland eigentlich nur positiv überrascht und super aufgenommen worden. Zwei Wochen nachdem ich nach Deutschland gekommen bin, haben alle nur noch Deutsch mit mir gesprochen. Das war zwar ein bisschen anstrengend, aber es war gut, weil ich vier Monate später schon Deutsch sprechen konnte. Auch wenn ich damals noch viele Fehler gemacht habe.

Sie engagieren sich für das Projekt „Šprechtíme“, dessen Ziel es ist, die  deutsche Sprache in Tschechien zu fördern. Warum ist es für Tschechen wichtig, Deutsch zu lernen?
Jandová: Weil uns eine gemeinsame Vergangenheit verbindet und weil wir Nachbarn sind. Die deutsche Industrie gibt uns sehr viel Arbeit. Viele deutsche Firmen haben ihren Sitz oder eine Zweigstelle in Prag. Deutsch und Englisch ist meiner Meinung nach die perfekte Kombination. Deutsch zu sprechen heißt für mich, einfacher einen sicheren Job zu finden und das wird in Zukunft immer wichtiger. Je qualifizierter man ist, desto besser.

Seit vier Jahren wohnen Sie wieder in Prag. Was ist dort besser als in Deutschland?
Jandová: Ich bin dort geboren, das ist das Beste daran. Das ist der Grund, warum ich dort bin und bleiben möchte. Meine ganze Familie und meine Freunde sind da. Ich bin von klein auf in der Stadt herumgelaufen und kenne jede Ecke. Der zweite Grund ist, dass es dort beruflich sicherer für mich ist. In Deutschland kann ich mittlerweile nur noch mit der Band Geld verdienen. Und das wird immer schwieriger, wenn man nicht gerade ein Superstar wie „Die Ärzte“ oder „Silbermond“ ist. Je älter man wird, desto mehr denkt man natürlich auch an die eigene finanzielle Sicherheit.

Können Sie Prag in drei Worten beschreiben?
Jandová: Prag ist fantasievoll, romantisch und reich.

Haben Sie dort einen Lieblingsort?
Jandová: Mein absoluter Lieblingsort ist das Viertel Vinohrady. Dort kam ich zur Welt und dort bin ich aufgewachsen – viele Parks, nette kleine Läden. Den Rieger-Park kann ich jedem Touristen nur empfehlen. Im Sommer sind die Wiesen voll mit Leuten, die Gitarre spielen und alle möglichen Spiele und Sportarten praktizieren oder sich zum Picknick treffen. Man hat dort eine tolle Aussicht auf die ganze Stadt.

Die anderen Mitglieder von „Die Happy“ wohnen in Berlin und Hamburg. Wie schaffen Sie es, Songschreiben und Bandproben zu koordinieren?
Jandová: Wir planen immer im Voraus, die Band hat Priorität. Wir haben alle vier einen synchronisierten Kalender. In der Regel arbeiten wir drei Tage lang in unserem Proberaum in Berlin-Marzahn. Zuhause sammeln wir die Ideen und in Berlin machen wir zusammen die Lieder.

Ihr Vater Petr Janda hat in diesem Jahr mit seiner Band „Olympic“ sein 50-jähriges Bühnenjubiläum begangen. „Die Happy“ feiert 2013 das 20-jährige Bestehen, streben Sie auch die 50er-Marke an?
Jandová: Man würde natürlich gerne. Ich glaube, man darf nicht in der Jugend stecken bleiben, man muss das Altern akzeptieren. Mit einer künstlichen Hüfte kann man sich aber auch noch viel bewegen auf der Bühne. Mal gucken, ich weiß auf jeden Fall, dass ich dann nicht mehr so hüpfen werde. Aber ich denke schon, dass wir es noch weitere 30 Jahre schaffen könnten.

Zur Person
Marta Jandová bekam die Rockmusik in die Wiege gelegt. Am 13. April 1974 kam sie als Tochter von Petr Janda, Sänger der tschechischen Rock-Band „Olympic“, zur Welt. 1993 zog sie mit dem Gitarristen Thorsten Mewes nach Ulm, wo sie die Band „Die Happy“ gründeten. Heute blicken sie auf über 1.000 Konzerte und acht Studioalben zurück. Dieses Jahr soll pünktlich zum 20-jährigen Bandbestehen ein weiteres folgen. Die Termine für die Deutschland-Tour Ende des Jahres stehen schon fest, eine Tournee durch Tschechien ist für den Herbst geplant. Seit 2009 wohnt Jandová wieder in Prag und stand als Musical-Darstellerin unter anderem bei „Les Misérables“ oder „Hamlet“ auf der Bühne. Auf der Mattscheibe ist sie derzeit als Deutschlehrerin in der tschechischen Fernsehserie „Gympl“ zu sehen.

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